Standortpolitik

Wirkstoffproduktion rückverlagern?

Die Rede vom „Zurückholen“ der pharmazeutischen Wirkstoffproduktion erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Leichter wird die Sache dadurch nicht.

Von Christoph Winnat Veröffentlicht: 15.03.2020, 12:24 Uhr
Woher stammt die Rohware für die Tablettenfertigung? Immer seltener aus heimischen Gefilden, beklagen Politiker und Gewerkschafter gleichermaßen.

Woher stammt die Rohware für die Tablettenfertigung? Immer seltener aus heimischen Gefilden, beklagen Politiker und Gewerkschafter gleichermaßen.

© Hakan Tanak / stock.adobe.com

Berlin. Die Corona-Krise befeuert die Debatte um die Abhängigkeit des Westens von pharmazeutischer Wirkstoffproduktion in Asien. In den Kreis derer, die ein Umsteuern fordern, reihte sich jüngst der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Michael Vassiliadis ein. Deutschland und Europa hätten sich „in den vergangenen Jahren in eine gefährliche Abhängigkeit von wenigen Lieferanten in China oder Indien begeben“. Nun müsse man „die Produktion nach Deutschland und in die EU zurückholen“.

Anlässlich eines Treffens der Wirtschaftsminister der Bundesländer am Dienstag forderte Vassiliadis, die Bundesregierung solle Branchen und Technologien identifizieren, die schon aus nationalem Eigeninteresse im Land zu halten wären. Insbesondere brauche es „eine zentrale Liste von Wirkstoffen, deren Produktion wenigstens innerhalb der EU sichergestellt sein muss“. Der Pharmaindustrie wirft er vor, „zu lange auf Gewinnmaximierung und Konzentration gesetzt“ zu haben.

Auch Thema der deutschen Ratspräsidentschaft

Bereits im Herbst vorigen Jahres verlautete aus dem Bundesgesundheitsministerium, Deutschland werde im Rahmen seiner EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Hälfte dieses Jahres das Thema Wirkstoffproduktion und Lieferengpässe auf die Agenda setzen.

Wie dem Ruf nach inländischer Restitution der pharmazeutischen Wirkstoffherstellung jedoch nachzukommen sei, ist völlig offen. Denn dabei handelt es sich nicht etwa um einige Tablettenpressen oder Verpackungsstraßen zur Endfertigung, die sich relativ schnell irgendwo aufstellen lassen. Vielmehr geht es um komplexe chemische Syntheseschritte, die wirtschaftlich nur auf Großanlagen zu betreiben sind.

BPI: „Nur bedingt realisierbar“

In einem neuen Positionspapier betont unterdessen der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI), der selbst vehement für eine Stärkung der heimischen Arzneimittelproduktion plädiert, dass ein „‚Zurückholen‘ der Wirkstoffproduktion nur bedingt realisierbar“ sei, „zumal dann große Investitionen notwendig würden“.

Dies sei „eine längerfristige Aufgabe“. „Alles unter globalen Bedingungen zurückzuholen“, bekräftigt ein Verbandssprecher auf Nachfrage, sei „völlig unrealistisch“. Vielmehr gehe es darum, das, was an Wirkstoffherstellung in Deutschland und Europa noch vorhanden sei, zu halten.

Wie problematisch die Idee vom „Zurückholen“ der Wirkstoffsynthese ist, machte unlängst auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach klar. Zwar kritisiert er ebenfalls die Abhängigkeit der hiesigen Versorgung von Grundstofflieferungen aus Asien. „Wir können uns nicht auf die Produktion in Indien oder China alleine verlassen, wenn Medikamente lebenswichtig und unersetzbar sind. Zu häufig fällt die Lieferung aus. Eine Produktion in Europa wäre kontrollierbar und zuverlässig“, twitterte der SPD-Politiker im November.

Produziert wird, wo es am billigsten ist

Zugleich räumte er aber in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk ein, dass Preisanreize für Generikahersteller wenig bis nichts brächten: „Deutschland hat einen Marktanteil von nur wenigen Prozent. Und wenn sich die Preise in Deutschland verfünffachen oder was auch immer, würde trotzdem in China und Indien produziert, weil es sich für den Weltmarkt dann immer noch lohnt, dort zu produzieren, wo es am billigsten ist.“

Der BPI allerdings rechnet sich von Marktanreizen durchaus einen Effekt zugunsten der in Europa noch bestehenden Wirkstoffherstellung aus. Vor allem wünscht er, die Ausschreibungsregularien für Rabattverträge zu modifizieren und dies sozialrechtlich zu verankern, wie es in dem neuen Positionspapier heißt.

So etwa sollten Teilschritte der Produktion mittels eines Punktesystems gekennzeichnet und im Falle, dass sie hierzulande stattfinden, bei Zuschlagsentscheidungen honoriert werden.

Nach Engpässen nicht mehr ausschreiben?

Außerdem sollten Produkte, die in zwei zurückliegenden Jahren mehrfach nicht lieferbar waren „für die Dauer von zwei bis drei Jahren nicht mehr ausgeschrieben werden“. Damit, davon ist der Verband überzeugt, „würden Anreize geschaffen, die Versorgung in Deutschland zu verbessern“.

Bereits wiederholt hat der BPI darüber hinaus die Forderung erhoben, Rabattverträge nur noch im Mehrpartnermodell abzuschließen. „Bei insgesamt drei Zuschlägen“, heißt es jetzt, sei „mindestens ein Bieter mit deutscher bzw. EU-Produktion zu berücksichtigen“.

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