Apotheker plus, 30.09.2011

Vom Pillendreher zum Busfahrer

Vom HV-Tisch auf den Fahrersitz eines Reisebusses: Werner Henke hat mit Anfang 50 nochmal die Fahrspur gewechselt. Wie es dazu kam, lesen Sie heute in der zweiten Folge unserer besonderen Perspektiven über Apotheker, die in ungewöhnlichen Berufsfeldern außerhalb der Offizin tätig sind.

Von Pete Smith

Vom Pillendreher zum Busfahrer

Werner Henke ist stolz auf seinen modernen Bus - denn er hat ein Faible für Technik.

© Pete Smith (2)

Ich stehe auf der Sonnenseite des Lebens", sagt Werner Henke, "da ist es meine Pflicht, mich für die einzusetzen, die im Schatten stehen." Für den Aschaffenburger Apotheker und Gründer des Arzneimittelunternehmens Henke Pharma sind das keine leeren Worte, er lebt, was er sagt.

Vor einem Jahr hat der 54-Jährige die gemeinnützige Gesellschaft "Reisen ohne Grenzen" gegründet, die Bedürftigen zum Minitarif Kurztrips innerhalb Deutschlands offeriert. Drei Monate lang büffelte Henke zudem für seinen Busführerschein. "Ich bin ein Chauffeur", sagt er, "ein Dienstleister, ich leiste Dienst am Menschen."

60-Stunden-Wochen waren keine Seltenheit

Vom Pillendreher zum Busfahrer

Werner Henke ist in Aschaffenburg geboren. Für sein Pharmaziestudium zog er nach München, ein teures Pflaster, das ihm abverlangte, nicht nur in den Ferien, sondern nach den Vorlesungen jobben zu gehen - als Hotelportier, Telefonist oder Autowäscher.

Das hat ihn geprägt. In Frankfurt am Main vertiefte er seine Erfahrungen als Assistent von Professor Ernst Mutschler. Bei ihm lernte er auch seine spätere Frau kennen, mit der er nach dem Studium in Aschaffenburg zwei Apotheken erwarb.

Daneben baute Henke einen Produktionsbetrieb für patientenindividuelle sterile Arzneimittel auf, überwiegend zur Krebstherapie, einen der ersten im ambulanten Sektor. 60- bis 70-Stunden-Wochen seien viele Jahre die Regel gewesen, gemeinsame Urlaube habe man mit der Tochter auf dem Bauernhof verbracht.

"Wie ein Golf- oder Tennisplatz aussieht, weiß ich nur aus dem Fernsehen", sagt der 54-Jährige, der neben seinen beiden Berufen als Apotheker und Unternehmer 17 Jahre lang ehrenamtlich für die Malteser tätig gewesen ist, im Rettungsdiensteinsatz und im Behindertentransport.

Als vor wenigen Jahren das Bad Homburger Unternehmen Fresenius Interesse signalisierte, bei der Henke Pharma einzusteigen, sah deren Gründer für sich die Zeit gekommen, die Spur zu wechseln und in ein neues Leben zu steuern.

Anstoß für die Gründung gab ein Artikel über einen Aussteiger

Anstoß für die Gründung eines gemeinnützigen, auf die Bedürfnisse sozial benachteiligter Menschen spezialisierten Busunternehmens gab ein Artikel über einen Aussteiger, einen Schweizer Herzchirurgen, der den OP-Saal gegen die Führerkabine eines feuerroten Trucks tauschte, mit dem er seither Lebensmittel durch Europa karrt.

"Ein Spinner", sei seine erste Reaktion gewesen, sagt Henke, "ich war sogar zornig auf ihn." Als er den Beitrag nach zwei Monaten erneut las, wuchs der Respekt für den Arzt, der in seinem Leben viel geleistet und sich am Ende einen Traum erfüllt hatte.

Einen Traum hegte auch Henke und hegt ihn noch, den Traum von einer besseren Welt. Und plötzlich gewann eine Idee Kontur, wie sich soziales Engagement mit seiner großen Leidenschaft vereinen ließe, seinem Enthusiasmus für Technik.

Ein Bus, der Bedürftigen Reisen ermöglicht, kleine Fluchten aus dem von Mangel geprägten Alltag. Kein Kleinbus, sondern ein solides Gefährt.

Als er seine Idee bei Mercedes vortrug, waren die Geschäftsführer so begeistert, dass sie Henke ihrerseits einen Vorschlag unterbreiteten: Was er davon halte, wenn man den Bus aller Busse nachbaue, den Bus der Fußball-Nationalmannschaft, eine exakte Kopie des Originals?

Seit vergangenem Jahr rollt dieser hochmoderne Bus - 456 PS, 13 Meter Länge und drei Achsen - von Aschaffenburg nach Frankfurt, Würzburg, Heidelberg, Bamberg, Kassel, ins Allgäu oder an die Spree.

Fahrten mit Mittagsmenü für schmale Geldbeutel

Vom Pillendreher zum Busfahrer

Senioren eines Altenheims haben den Ausflug genossen.

© 2010 Aschaffenburger Bus

Sieben Euro kostet eine Tagesfahrt, und dafür gibt es jeden Komfort. "Wir haben drei Kühlschränke, eine Gefriertruhe, eine Mikrowelle, drei Kaffeeautomaten und einen Heißluftofen", erzählt der stolze Besitzer.

"Das Mittagsmenü beziehen wir von der Lufthansa, jedes Menü kostet 2,50 Euro, beispielsweise Seelachsfilet mit Reis, Gemüse und Bärlauchsoße." Statt wie üblich 54 Plätze verfügt sein Bus nur über 38, was vor allem Menschen mit Handicap zugute kommt - Senioren, die auf ihren Rollator angewiesen sind, und Behinderten, die im Rollstuhl reisen.

Die Sitzplätze und Auskleidungen tragen die Nationalfarben Schwarzrotgold, über vier Monitore können die Fahrgäste sehen, was der Fahrer sieht.

Neben solchem Komfort ist sogar inzwischen auch eine komplette Ausrüstung zur Herz-Lungen-Wiederbelebung mit an Bord. Blutdruck- und Blutzuckermessgerät sowie diverse weitere Utensilien ergänzen die Ausrüstung, nach dem Motto: Wo Malteser drauf steht, da ist auch Qualität drin.

"Wenn Sie in der Apotheke stehen", sagt Werner Henke, "bekommen Sie schnell mit, welche Ängste und Sorgen die Menschen umtreiben." Viele kämen über Jahre nicht aus der Stadt heraus, weil ihnen das Geld dafür fehle.

Vor allem Rentner, Witwen und kinderreiche Familien. "Reisen ohne Grenzen" bringt sie in den Frankfurter Palmengarten, zum Legoland nach Günzburg oder in den Safaripark bei Paderborn. "Eine ältere Dame hat geweint vor Freude", sagt Henke.

Das soziale Engagement zieht weitere Kreise

Viele Menschen mit Busführerschein unterstützen inzwischen das Engagement des Apothekers, darunter Kollegen, Lehrer, ein Rechtsanwalt und mehrere Busfahrer, die allesamt ihre Freizeit in den Dienst der guten Sache stellen.

Kürzlich, und das freut Werner Henke besonders, hätten drei Frauen nach einer Tagestour angeboten, beim nächsten Mal im Service auszuhelfen, aus Dankbarkeit. "Soziales Engagement ist wichtig zum Erhalt der Gesellschaft", ist Henke überzeugt. Die Gier mancher Reichen kritisiert er genauso wie das Schmarotzertum derer, die das Angebot des Sozialstaats ausschöpfen, aber selbst nichts zurückgeben.

Fünf Mal pro Woche ist der rotweiße Bus unterwegs. An seiner Flanke prangt das Logo der Gesellschaft - "…ein Stück Lebensfreude". Henke lässt es sich nicht nehmen, an zwei von fünf Tagen selbst hinterm Lenkrad zu sitzen. "Ich bin sehr glücklich", sagt er.

Reisen ohne Grenzen, Bodelschwinghstraße 10a, 63739 Aschaffenburg,
Telefon 0 60 21- 3 98 82 25, Fax 0 60 21- 3 98 86 35,
E-Mail
info@reisen-ohne-grenzen.de,
www.reisen-ohne-grenzen.de

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