Ärzte Zeitung online, 23.02.2018

Onkologie

Therapiebegleitende Sportprogramme auf dem Weg in die Regelversorgung?

Kommt in der Onkologie künftig das personalisierte Sportprogramm? Krebsexperten fordern, dass therapiebegleitendes Training zum Standard werden sollte – eng angebunden an die Versorgungsstrukturen.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Therapiebegleitende Sportprogramme auf dem Weg in die Regelversorgung?

Sport ist in jeder Lebenssituation hilfreich: Inzwischen gibt es in Deutschland über 1800 Krebssportgruppen.

© M. Wodak, Deutsche Sporthochschule Köln

BERLIN. Vierzig Jahre ist es her, dass in Deutschland die ersten, damals noch sehr kritisch beäugten Sportprojekte bei onkologischen Patienten gestartet wurden. "Inzwischen gibt es in Deutschland über 1800 Krebssportgruppen. Kein anderes Land hat körperliche Bewegung so umfangreich in der Nachsorge etabliert", sagte Privatdozent Dr. Freerk Baumann von der Arbeitsgruppe Onkologische Bewegungsmedizin vom Universitätsklinikum und der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Das breite Sportangebot in der (längerfristigen) Nachsorge ist aber nur eine Dimension der Bewegungstherapie bei Krebs. Zunehmend geht es auch um die "Akuttherapie", genauer die Begleitung der initialen Antitumortherapie durch ein systematisches Bewegungsprogramm unter professioneller Aufsicht. Dies geschieht vor allem mit Blick auf die Nebenwirkungen der Antitumortherapie: "Zahlreiche Studien haben die Effekte von Trainingsinterventionen mittlerweile belegt. Bewegungstherapie ist die wirksamste Methode zur Kontrolle medizinisch relevanter Nebenwirkungen in der Onkologie", so Baumann.

Wenn es um die Kontrolle von Nebenwirkungen geht, ist Training aber nicht gleich Training: "Es geht um eine personalisierte Bewegungstherapie mit ganz spezifischen Interventionen", erläuterte Baumann, der das am Beispiel der Polyneuropathie deutlich machte. Diese Neuropathie ist bekanntermaßen eine schwere, die Patienten stark beeinträchtigende Nebenwirkung, die unter anderem bei oxaliplatinhaltigen Chemotherapien auftritt. Bei Polyneuropathie-Patienten gebe es Wirksamkeitsevidenz für ein Vibrationstraining und für ein spezifisches sensomotorisches Training, nicht dagegen für konventionelles Kraft- und beziehungsweise oder Ausdauertraining, betonte der Sportmediziner.

Weil die Auswahl der Bewegungsintervention Vorwissen erfordere und weil es bei Patienten unter laufender Antitumortherapie natürlich auch die eine oder Kontraindikation für bestimmte Arten des Sports gebe, mache es Sinn, die Bewegungstherapie zumindest in der Akutphase eng an die onkologischen Versorgungsstrukturen anzubinden, betonte Professor Michael Hallek vom Centrum für Integrierte Onkologie am Universitätsklinikum Köln.

Das CIO ist hier Vorreiter in Deutschland. "Durch viel Eigenengagement, Stückarbeit und kleinteilige Finanzierungsversuche" wurde in Köln eine "onkologische Trainingstherapie" (OTT) direkt am Klinikum angesiedelt. Eine flächendeckende Versorgung mit derartigen Angeboten sei nur zu erreichen, wenn es eine Finanzierung im Rahmen der onkologischen Regelversorgung gebe, so Hallek. Eine Option sei dabei die Aufnahme der Sporttherapie in den Heilmittelkatalog, ähnlich wie bei der Physiotherapie.

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