Ärzte Zeitung online, 16.04.2018

Alternsmedizin

Wie das Syndrom der Gebrechlichkeit diagnostizieren?

Zur Feststellung von Frailty gibt es diverse Bewertungsskalen. Wie kann das Syndrom der Gebrechlichkeit in der Hausarztpraxis eingeschätzt werden?

Von Beate Schumacher

Wer vor dem Jahr 2010 in PubMed nach "Frailty" gesucht hat, ist auf weniger als 100 Veröffentlichungen pro Jahr gestoßen; inzwischen ist die jährliche Publikationsrate rund zehnmal so hoch.

Doch obwohl sich immer mehr Wissenschaftler mit dem Syndrom der Gebrechlichkeit beschäftigen, gibt es derzeit keinen Goldstandard für die Diagnostik, wie Privatdozent Dr. Martin Ritt vom Malteser Waldkrankenhaus in Erlangen beim DGIM 2018 berichtete.

Beschrieben wird mit dem Begriff "Frailty" ein Zustand alter Patienten mit eingeschränkter Kompensationsfähigkeit des Organismus und damit erhöhter Vulnerabilität gegenüber Stressoren wie einer akuten Erkrankung oder einem Eingriff – mit der Folge, dass häufiger unerwünschte Ereignisse, etwa Stürze, ungeplante Klinikaufenthalte, Verlust der Selbstständigkeit oder Tod eintreten. In Deutschland trifft dies auf zehn Prozent der über 65-Jährigen zu, mit höherem Lebensalter steigt der Anteil.

50 Messinstrumente zur Verfügung

"Frailty ist kein Ausdruck normalen Alterns!", betonte Professor Jürgen Bauer, Agaplesion Bethanien-Krankenhaus Heidelberg. Im Gegensatz zum Altern sei Frailty teilweise reversibel, etwa durch kombinierte Bewegungs- und Ernährungsprogramme.

Frailty ist außerdem ein prognostisch ungünstiger Marker, mit dem sich zum Beispiel der Nutzen eines Eingriffs besser abwägen lässt. "Deshalb ist es relevant, Frailty zu erkennen", so Ritt.

Derzeit stehen für die Diagnose des Syndroms über 50 Messinstrumente zur Verfügung: solche, die sich am Frailty-Phänotyp orientieren, etwa die FRAIL-Skala, solche, die auf einem Defizite-Akkumulationsmodell beruhen, wie der Frailty-Index nach Rockwoood mit mehr als 50 Einzelkomponenten und Skalen, die sich auf die klinische Einschätzung stützen.

"Unsere Aufgabe ist es jetzt, für jedes Fachgebiet passende Tools zu etablieren", so Bauer. Für ein erstes Screening in der Hausarztpraxis halten Ritt und Bauer die FRAIL-Skala für besonders geeignet. FRAIL steht für

Fatigue (Müdigkeit): Fühlen Sie sich meistens müde?

Resistance (Muskelkraft): Können Sie ein Stockwerk Treppen steigen?

Ambulation (Gehfähigkeit): Können Sie 100 Meter gehen?

Illness (Krankheiten): Leiden Sie an mehr als fünf Erkrankungen?

Loss of Weight (Gewichtsverlust): Haben Sie in den letzten sechs Monaten ungewollt mehr als 5 kg an Gewicht verloren?

Ist kein Kriterium erfüllt, wird der Patient als fit angesehen. Treffen ein bis zwei Kriterien zu, gilt er als "prefrail" und mit mehr als drei als "frail".

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