Direkt zum Inhaltsbereich

Test nach Transplantation bestimmt Abwehrkraft

HOMBURG (wk). Mit einem neuen Test können eine Infektion mit dem Zytomegalie-Virus und der Immunstatus routinemäßig nachgewiesen werden. Das ist vor allem für Patienten mit geschwächtem Immunsystem von Bedeutung, die eine Organ-Transplantation oder eine Chemotherapie erhalten sollen. Bei dem Test wird mit Patientenblut und Virusbestandteilen die Abwehrkraft im Reagenzglas geprüft.

Veröffentlicht:

Als der englische Landarzt Edward Jenner 1796 in Berkeley aus den Pusteln eines an Kuhpocken erkrankten Mädchens Flüssigkeit entnahm und sie einem gesunden Jungen spritzte, entdeckte er das Prinzip der Impfung. Der Junge erkrankte ebenfalls an den Kuhpocken. Zwei Monate später injizierte Jenner ihm echte Pocken. Der Junge blieb gesund. Seine Abwehr hatte gelernt, mit den Erregern umzugehen und sie erfolgreich zu bekämpfen.

Bei einer solchen erworbenen Immunabwehr machen Antikörper einerseits und Killerzellen - das sind T-Zellen - andererseits Jagd auf eingedrungene Erreger. Nach deren Vernichtung erinnert sich das Abwehrsystem immer wieder an den Angreifer. Das führt bei einer erneuten Infektion zu einer beschleunigten und effizienteren Kontrolle der Erregervermehrung.

Diese Fähigkeit des Immunsystems macht sich die moderne Medizin zunutze. So gehört bekanntlich die Antikörperdiagnostik heute zu den klinischen Untersuchungsverfahren. Der Nachweis spezifischer Antikörper zeigt zum Beispiel an, ob sich ein Organismus bereits erfolgreich gegen einen Erreger zur Wehr gesetzt hat. Die Antikörperdiagnostik kann dazu beitragen, daß bei Bluttransfusionen gefährliche Erreger wie das Hepatitis-B- oder -C-Virus oder HIV übertragen werden.

Ein neuer Test weist spezifische Abwehrzellen im Blut nach

Außer der Analyse spezifischer Antikörper wurden Verfahren entwickelt, mit denen Abwehrzellen nachgewiesen werden, die vom Immunsystem bei einer Infektion auf den Weg geschickt werden. Auf solchen Verfahren basiert ein neuer Test, den Privatdozentin Martina Sester und Dr. Thomas Widmann am Universitätsklinikum Homburg entwickelt haben. Er soll bei Menschen, deren Immunsystem infolge einer Transplantation oder einer Chemotherapie geschwächt werden muß, nachweisen, ob eine Infektion mit dem Zytomegalie-Virus vorliegt.

Für einen Gesunden ist der zu den Herpesviren zählende Erreger harmlos. Bei Organempfängern oder Krebspatienten mit geschwächter Immunabwehr kann eine Infektion jedoch verheerende Folgen haben.

"Schwerwiegende Komplikationen, angefangen bei Fieber, Gelenk- und Muskelschmerzen bis hin zu Lungenerkrankungen, Sehschwächen und sogar bis zum Tod können dann auftreten", erklärt Sester. Zwar stünden heute bereits viele Tests zum Nachweis des Virus zur Verfügung, doch seien diese Methoden kaum für die routinemäßige Anwendung geeignet. Denn sie geben keine Auskunft darüber, in welchem Ausmaß sich das Abwehrsystem Betroffener mit den Viren auseinandersetzt.

Der in Homburg entwickelte Test habe sich bereits bei Patienten mit Nieren-, Herz- und Lungentransplantationen bewährt, so Sester. Kombiniert mit der konventionellen Virus-Messung ließen sich mit der neuen Methode frühzeitig Schlüsse ziehen, ob das Abwehrsystem der Patienten hinreichend leistungsfähig ist, oder ob man medikamentös unterstützen muß. Letzteres hat oft unangenehme Folgen. "Denn in der kritischen Phase nach der Transplantation ist jede zusätzliche Therapie mit hohen Risiken und Nebenwirkungen verbunden", sagt Sester.

Antikörper identifizieren Botenstoffe von Killerzellen

Für den neuen Test wird mit etwas Patientenblut die Reaktion des Körpers im Reagenzglas simuliert: Virusbestandteile werden ins Test-Blut gegeben. Dann werden mit Hilfe eines speziellen Antikörpers die Botenstoffe der Killer-T-Zellen identifiziert und rechnergestützt analysiert. "Ziel der Untersuchungen ist die individuelle Analyse des Verhältnisses von Virusmenge und Immunabwehr", so Sester.

Wenn die Immunabwehr gegen das Zytomegalie-Virus kurz nach der Transplantation hoch ist, besteht kaum Gefahr, daß sich das Virus ausbreitet. Dann brauchen Patienten keine zusätzlichen, nebenwirkungsreichen Medikamente einnehmen. Anders ist es bei niedriger oder gar nicht vorhandener Immunabwehr.

Die Homburger Wissenschaftler sind zuversichtlich, daß der Immuntest auch bei der Stammzelltransplantation bei Blutkrebs für mehr Sicherheit sorgen kann. Die Deutsche José Carreras Leukämie-Stiftung unterstützt deshalb eine auf zwei Jahre angelegte Studie mit 92 000 Euro.

Mehr zum Thema

Kasuistik

Reversible Nachtblindheit nach Adipositas-Operation

Das könnte Sie auch interessieren
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

© EAU

Ergänzung EAU-Leitlinie 2026

Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Die kardiorenalmetabolische Organachse: ganzheitliche Versorgung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit (Quelle: Michalopoulou E et al., J Clin Med 2025, 14:428)

© Springer Medizin Verlag

Biomarker gegen Diabetes-Folgen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Diagnostics Deutschland GmbH, Mannheim
Porträt: xxx

© Porträt: Alexander Sahi

„ÄrzteTag extra“-Podcast

Testosteronmangel: Worauf es in der Hausarztpraxis ankommt

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Besins Healthcare Germany GmbH, Berlin

BCMA-gerichtete CAR-T-Zelltherapie rückt nach vorn

Cilta-cel setzt Standards im ersten Rezidiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Janssen-Cilag GmbH, Neuss, a Johnson & Johnson company
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Urlaubsmitbringsel

Reisedermatosen: Wie vorgehen bei den drei häufigsten Tropenparasiten?

Mega-Analyse

BMI ade? Beim kardiovaskulären Risiko kommt es auf das Bauchfett an

Lesetipps
Ein Wegweiser zum nächsten WC plus ein Symbol für eine rennende Person.

© Pixel-Shot / Stock.adobe.com

Nichtinfektiösen Durchfall erkennen

Das sind die Warnzeichen für chronische Diarrhö