Ärzte Zeitung, 31.01.2005

Test nach Transplantation bestimmt Abwehrkraft

Nachweis mit Partikeln von Zytomegalie-Viren / Bei guter Immunabwehr kann auf Medikamente verzichtet werden

HOMBURG (wk). Mit einem neuen Test können eine Infektion mit dem Zytomegalie-Virus und der Immunstatus routinemäßig nachgewiesen werden. Das ist vor allem für Patienten mit geschwächtem Immunsystem von Bedeutung, die eine Organ-Transplantation oder eine Chemotherapie erhalten sollen. Bei dem Test wird mit Patientenblut und Virusbestandteilen die Abwehrkraft im Reagenzglas geprüft.

Ein krankes Herz wird entnommen und so Platz für ein neues Organ gemacht. Nach Transplantation ist die Infektanfälligkeit oft erhöht. Foto: dpa

Als der englische Landarzt Edward Jenner 1796 in Berkeley aus den Pusteln eines an Kuhpocken erkrankten Mädchens Flüssigkeit entnahm und sie einem gesunden Jungen spritzte, entdeckte er das Prinzip der Impfung. Der Junge erkrankte ebenfalls an den Kuhpocken. Zwei Monate später injizierte Jenner ihm echte Pocken. Der Junge blieb gesund. Seine Abwehr hatte gelernt, mit den Erregern umzugehen und sie erfolgreich zu bekämpfen.

Bei einer solchen erworbenen Immunabwehr machen Antikörper einerseits und Killerzellen - das sind T-Zellen - andererseits Jagd auf eingedrungene Erreger. Nach deren Vernichtung erinnert sich das Abwehrsystem immer wieder an den Angreifer. Das führt bei einer erneuten Infektion zu einer beschleunigten und effizienteren Kontrolle der Erregervermehrung.

Diese Fähigkeit des Immunsystems macht sich die moderne Medizin zunutze. So gehört bekanntlich die Antikörperdiagnostik heute zu den klinischen Untersuchungsverfahren. Der Nachweis spezifischer Antikörper zeigt zum Beispiel an, ob sich ein Organismus bereits erfolgreich gegen einen Erreger zur Wehr gesetzt hat. Die Antikörperdiagnostik kann dazu beitragen, daß bei Bluttransfusionen gefährliche Erreger wie das Hepatitis-B- oder -C-Virus oder HIV übertragen werden.

Ein neuer Test weist spezifische Abwehrzellen im Blut nach

Außer der Analyse spezifischer Antikörper wurden Verfahren entwickelt, mit denen Abwehrzellen nachgewiesen werden, die vom Immunsystem bei einer Infektion auf den Weg geschickt werden. Auf solchen Verfahren basiert ein neuer Test, den Privatdozentin Martina Sester und Dr. Thomas Widmann am Universitätsklinikum Homburg entwickelt haben. Er soll bei Menschen, deren Immunsystem infolge einer Transplantation oder einer Chemotherapie geschwächt werden muß, nachweisen, ob eine Infektion mit dem Zytomegalie-Virus vorliegt.

Für einen Gesunden ist der zu den Herpesviren zählende Erreger harmlos. Bei Organempfängern oder Krebspatienten mit geschwächter Immunabwehr kann eine Infektion jedoch verheerende Folgen haben.

"Schwerwiegende Komplikationen, angefangen bei Fieber, Gelenk- und Muskelschmerzen bis hin zu Lungenerkrankungen, Sehschwächen und sogar bis zum Tod können dann auftreten", erklärt Sester. Zwar stünden heute bereits viele Tests zum Nachweis des Virus zur Verfügung, doch seien diese Methoden kaum für die routinemäßige Anwendung geeignet. Denn sie geben keine Auskunft darüber, in welchem Ausmaß sich das Abwehrsystem Betroffener mit den Viren auseinandersetzt.

Der in Homburg entwickelte Test habe sich bereits bei Patienten mit Nieren-, Herz- und Lungentransplantationen bewährt, so Sester. Kombiniert mit der konventionellen Virus-Messung ließen sich mit der neuen Methode frühzeitig Schlüsse ziehen, ob das Abwehrsystem der Patienten hinreichend leistungsfähig ist, oder ob man medikamentös unterstützen muß. Letzteres hat oft unangenehme Folgen. "Denn in der kritischen Phase nach der Transplantation ist jede zusätzliche Therapie mit hohen Risiken und Nebenwirkungen verbunden", sagt Sester.

Antikörper identifizieren Botenstoffe von Killerzellen

Für den neuen Test wird mit etwas Patientenblut die Reaktion des Körpers im Reagenzglas simuliert: Virusbestandteile werden ins Test-Blut gegeben. Dann werden mit Hilfe eines speziellen Antikörpers die Botenstoffe der Killer-T-Zellen identifiziert und rechnergestützt analysiert. "Ziel der Untersuchungen ist die individuelle Analyse des Verhältnisses von Virusmenge und Immunabwehr", so Sester.

Wenn die Immunabwehr gegen das Zytomegalie-Virus kurz nach der Transplantation hoch ist, besteht kaum Gefahr, daß sich das Virus ausbreitet. Dann brauchen Patienten keine zusätzlichen, nebenwirkungsreichen Medikamente einnehmen. Anders ist es bei niedriger oder gar nicht vorhandener Immunabwehr.

Die Homburger Wissenschaftler sind zuversichtlich, daß der Immuntest auch bei der Stammzelltransplantation bei Blutkrebs für mehr Sicherheit sorgen kann. Die Deutsche José Carreras Leukämie-Stiftung unterstützt deshalb eine auf zwei Jahre angelegte Studie mit 92 000 Euro.

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