Ärzte Zeitung online, 28.12.2018

WHO & Co.

Kritik am deutsches Anti-Zucker-Konzept

Abnehmen gehört bei vielen Menschen zu den guten Vorsätzen für das neue Jahr. Womöglich hilft ihnen die neue Vereinbarung für weniger Zucker, Salz und Fette in Fertigprodukten. Die WHO bleibt skeptisch.

WHO sieht deutsches Anti-Zucker-Konzept skeptisch

In Fertigprodukten soll es weniger Zucker,Salz und Fette geben.

© Kitty / fotolia.com

GENF. Gesünder essen und trinken – dabei will die Bundesregierung die Menschen unterstützen. Ab Januar gilt die Initiative des Bundesernährungsministeriums für weniger Salz, Fette und Zucker in Fertiglebensmittel. Die Industrie soll sich freiwillig daran beteiligen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt sich skeptisch. Nach Angaben von Francesco Branca kennt die WHO keinen Fall, in dem freiwillige Vereinbarungen mit der Industrie wirkten, wenn die Regierung keine Druckmittel einsetzte.

„Eine Änderung der Rezepturen ist möglich, aber der Erfolg hängt vom Willen der Industrie ab und davon, mit welchem Nachdruck die Regierung die Veränderungen veranlasst“, sagte der WHO-Experte der dpa.

WHO empfiehlt Zuckersteuer

„Wir empfehlen eine Steuer auf Zucker als kosteneffektive Lösung, um den Zuckerverbrauch runterzubringen. Studien zeigen: wenn der Preis rauf geht, geht der Verbrauch runter“, so Branca.

Anders als 50 Länder, die solche Steuern eingeführt haben, etwa Mexiko und Großbritannien, lehnt die Bundesregierung das ab. Zwar beeinflussten solche Steuern das Kauf- und Konsumverhalten. Ob das anhaltend wirke, sei aber noch unklar, so das Ministerium.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) setzt stattdessen darauf, „auf freiwilliger Basis eine möglichst breite Mitwirkung der Wirtschaftsunternehmen zu erreichen“, wie es in ihrem Strategiepapier heißt. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch wirft Klöckner einen „Kuschelkurs mit der Lebensmittelwirtschaft“ vor.

Auch Dr. Dietrich Garlichs, einstiger langjähriger Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), kritisiert die Vereinbarung scharf: „Wie dürftig dieses Ergebnis der Verhandlungen zwischen der Ministerin und der Industrie ist, zeigt sich nicht nur daran, dass die Ziele freiwillig sind. Es gibt auch keinerlei Sanktionsmöglichkeiten, wenn sie nicht erreicht werden.“

Seit vielen Jahren verkünde die Bundesregierung regelmäßig neue Initiativen und Strategien gegen Übergewicht und Adipositas und deren Folgeerkrankungen, führt Garlichs gegenüber der „Ärzte Zeitung“ weiter aus. „Sie alle sind erfolglos geblieben“, bilanziert er.

Insofern füge sich die neue Strategie der Ernährungsministerin in eine ungute Tradition. „Und sie unterminiert das Vertrauen der Menschen in die Fähigkeit der Politik, ernste gesellschaftliche Probleme zu lösen, statt sich in symbolische Ankündigungen zu flüchten“, betont der ehemalige DDG-Geschäftsführer. Er spricht sich klar für eine Zuckersteuer aus.

Werbebeschränkungen könnten helfen

Die WHO empfiehlt weitere Maßnahmen, etwa Etiketten, die auf besonders hohen Zuckergehalt hinweisen. Länder wie Frankreich experimentieren mit Ampelfarben.

„Man sollte auch Werbung, die sich an Kinder richtet, beschränken“, sagt Branca. „Kinder sind sehr beeinflussbar, zum Beispiel, wenn Frühstückscerealien mit coolen Comic-Figuren beworben werden.“

Behörden könnten für Schulen, Krankenhäuser oder Kantinen nur noch Lebensmittel mit reduziertem Zucker- und Salzgehalt kaufen - auch darauf reagiere die Industrie.

„Gezuckerte Getränke sind das größte Problem“, sagt Branca. Eine Dose Limonade enthalte schon so viel Zucker, wie ein Mensch nach WHO-Empfehlung am ganzen Tag aus gezuckerter Nahrung oder Getränken zu sich nehmen sollte: „Da sind fast 50 Gramm Zucker drin.“

Zucker-Experimente bei Nestlé

Einer der größten Lebensmittelkonzerne der Welt, Nestlé, experimentiert mit Zucker in neuer Gestalt. Weil eigentlich nur wenige Kristalle etwa in einem Schokoriegel die Zunge berühren und der meiste Zucker „ungeschmeckt“ im Magen landet, haben Nestlé-Forscher mit Zucker, Milchtropfen und heißer Luft in einem Spraytrockner Zuckerkugeln kreiert, die Luftlöcher enthalten: gleiche Süße, aber ein Drittel weniger Zucker. Vor ein paar Monaten kamen die ersten Schokoriegel damit auf den Markt.

„Eine interessante Entwicklung“, sagt Branca. Technologie könne bei der Zuckerreduzierung helfen. Trotzdem müssten die Menschen am besten weniger Zuckerhaltiges zu sich nehmen, so Branca. (dpa/ths)

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[28.12.2018, 10:32:58]
Ruth Ney 
Julia Klöckner beugt sich der Lebensmittelindustrie
Zu den Plänen des Bundesernährungsministeriums "Dickmacher" zu reduzieren erreichte die Redaktion dieser Leserkommentar von Dr. Dietrich Garlichs, ehem. Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG):

Seit Monaten kündigt die Ministerin eine Strategie gegen die „Dickmacher-Produkte“ der Lebensmittelindustrie an. Jetzt hat sie die „Nationale Reduktionsstrategie für Fertiglebensmittel“ vorgelegt. Eine freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller von Fertigprodukten, bis 2025 die Anteile von Zucker, Fett und Salz zu reduzieren. Hersteller von Erfrischungsgetränken zum Beispiel sollen den Zuckergehalt um 15 % senken, Kinderjoghurt soll dann 10 % weniger enthalten.

Wie dürftig dieses Ergebnis der Verhandlungen zwischen der Ministerin und der Industrie ist, zeigt sich nicht nur daran, dass die Ziele freiwillig sind. Es gibt auch keinerlei Sanktionsmöglichkeiten, wenn sie nicht erreicht werden. Zudem hat die Lebensmittelindustrie schon deutlich gemacht, wie sie die Selbstverpflichtung unterlaufen kann. So verkündete die Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke, dass auch die Verkleinerung der Verpackungen eine mögliche Maßnahme zur Reduzierung sei. Und Coca-Cola ergänzte, kleinere Gebinde anbieten zu wollen. Damit wird klar: Auch wenn der Zuckergehalt der Cola gleich bleibt, kann die Selbstverpflichtung nach Meinung der Industrie erfüllt werden. Nach dieser Logik senkt man den Zuckerkonsum einfach dadurch, dass man zwei kleinere Flaschen zuckriger Limonade zu je einem Viertel Liter trinkt, statt nur einer Flasche mit einem halben Liter Inhalt.

Schon 2010 setzte sich die Lebensmittellobby durch, als sie die Lebensmittelampel im EU Parlament zu Fall brachte. Diese sollte dem Verbraucher helfen, mit einer einfachen rot-gelb-grün Kennzeichnung zu erkennen, ob ein Lebensmittel besonders viel Zucker, Fett oder Salz enthält. Stattdessen wurde die sogenannte GDA Kennzeichnung eingeführt, die auf der Rückseite der Verpackung in schwer verständlichen Prozentzahlen darauf hinweist, wie viel Prozent der täglich zuträglichen Menge an Zucker, Fett oder Salz in einem Produkt sind. Dabei ist nicht festgelegt, auf welche Bezugsgröße sich diese Prozent-Angabe bezieht: Auf den gesamten Packungsinhalt, auf jeweils 100 g oder auf eine andere Größe? Vergleichbarkeit zwischen den Produkten erreicht man damit nicht. Diese mangelnde Transparenz für den Verbraucher war sicher nicht unbeabsichtigt. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen denn auch, dass die Verbraucher diese Kennzeichnung nicht verstehen, ganz im Gegenteil zu der farbigen Ampelkennzeichnung.

Seit vielen Jahren verkündet die Bundesregierung regelmäßig neue Initiativen und Strategien gegen die Übergewichtsweltwelle und ihre Folgen wie Diabetes, Herzinfarkt und viele Krebsarten. Sie alle sind erfolglos geblieben. Inzwischen sind über die Hälfte der Deutschen übergewichtig, ein Viertel ist sogar krankhaft fettleibig. Schon bei Kindern ist Fettleibigkeit ein gravierendes Problem. Über sieben Millionen Diabeteserkrankte sind die Folge. Neben dem Leid des Einzelnen muss die Gesellschaft Kosten in hoher zweistelliger Milliardenhöhe tragen.

Insofern fügt sich die neue Strategie der Ernährungsministerin in eine ungute Tradition. Und sie unterminiert das Vertrauen der Menschen in die Fähigkeit der Politik, ernste gesellschaftliche Probleme zu lösen, statt sich in symbolische Ankündigungen zu flüchten.

Dass es auch anders geht, hat uns kürzlich Großbritannien gezeigt. Ausgerechnet die konservative Cameron Regierung beschloss eine Zuckersteuer. Sie gab der Industrie zwei Jahre Zeit, den Zuckergehalt zu senken. Allein diese Ankündigung bewirkte in kurzer Zeit die spürbare Senkung des Zuckergehalts. So halbierte Marktführer Coca-Cola den Zuckergehalt von Sprite von 6,6 g auf 3,3 g. In Deutschland dagegen haben Fanta und Sprite in 100 ml immer noch mehr als 9 g. Und der größte britische Einzelhändler Tesco senkte den Zuckergehalt aller Eigenmarken unter die Schwelle der Zuckersteuer, bevor sie im April dieses Jahres eingeführt wurde.

Großbritannien ist kein Einzelfall. Auch Länder wie Finnland, Frankreich, Ungarn bis hin zu Mexiko und Saudi-Arabien haben ähnliche Steuern beschlossen. Selbst Deutschland hatte 2004 mit der Alkopopsteuer gezeigt, wie man ungesunden Konsum erfolgreich zurückführen kann.

Frau Klöckners Ausspruch auf dem diesjährigen Zuckerreduktionsgipfel der AOK: „Ich will keine Ernährungspolizei in einem freien Land“, führt in die Irre. Zurzeit werden ungesunde Lebensmittel im Gegenteil mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7 % gefördert. Stattdessen könnte man ohne bürokratischen Aufwand den Vorschlag von 22 renommierten medizinischen Fachgesellschaften aufgreifen, die sich in der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten DANK zusammengeschlossen haben. DANK schlägt vor, Lebensmittel mit besonders hohem Zucker-, Fett- oder Salzgehalt mit dem regulären Mehrwertsteuersatz von 19 % zu belegen, gesunde Lebensmittel dagegen von der Mehrwertsteuer zu befreien.

Das hätte einen doppelten Effekt: Es würde einen nachhaltigen Anreiz geben für die Industrie, gesündere Lebensmittel anzubieten und für den Verbraucher, ungesunde Lebensmittel nur in Maßen zu konsumieren. So einfach wäre es, gesundheitlichen Verbraucherschutz ernst zu nehmen. Aber das ist offensichtlich viel verlangt von einer Ministerin, die nicht nur Verbraucherministerin ist, sondern ganz offensichtlich vorrangig die Interessen der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie vertritt. Ein Grund mehr, den gesundheitlichen Verbraucherschutz wieder zurück in das Gesundheitsministerium zu verlegen, wo er hingehört.
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