Ärzte Zeitung online, 11.10.2019

Reaktorunfall

33 Jahre nach Tschernobyl Pilze immer noch verseucht

SALZGITTER. Mehr als 33 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl sind einige Wildpilze in Teilen Bayerns weiter mit radioaktivem Cäsium belastet. Das belegen Messungen des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) . Laut Bericht liegt die Belastung einiger Pilzarten bei bis zu 2400 Becquerel pro Kilogramm Frischmasse. Wie hoch die Belastung mit Cäsium-137 ist, schwankt aber sehr stark je nach Pilzart und von Standort zu Standort.

Besonders stark radioaktiv belastet sind unter anderem Semmelstoppelpilze, einige Schnecklinge und Maronenröhrlinge. Die höchsten Cäsiumgehalte wurden in außergewöhnlich stark belasteten kleineren Waldgebieten im Bayerischen Wald , im Donaumoossüdwestlich von Ingolstadt, im Berchtesgadener Land und in der Region Mittenwald ermittelt. Über diesen Gebieten gingen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl Anfang Mai 1986 Gewitter nieder, erinnert das BfS in einer Mitteilung.

Das radioaktive Cäsium aus dem Niederschlag konnte sich dort in den Waldböden längere Zeit halten als beispielsweise auf Ackerböden und wird von einigen Pilzarten aus tiefer liegenden Bodenschichten aufgenommen. „Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von rund 30 Jahren, darum ist das aus Tschernobyl stammende Cäsium bisher erst etwa zur Hälfte zerfallen“, wird Inge Paulini, Präsidentin des Bundesamts für Strahlenschutz, in der Mitteilung zitiert: „Aus Sicht des Strahlenschutzes sollte jede zusätzliche Strahlenbelastung minimiert werden. Im Extremfall enthält eine einzelne Mahlzeit dieser Pilze mehr Cäsium-137 als man mit anderen Lebensmitteln aus landwirtschaftlicher Produktion in einem ganzen Jahr zu sich nimmt.

Wer seine persönliche Strahlenbelastung so gering wie möglich halten möchte, sollte darum keine stark belasteten Pilzarten aus höher belasteten Regionen essen.“ Wer selbst gesammelte Pilze in üblichen Mengen isst (etwa bis 250 Gramm pro Woche), muss aber keine gesundheitlichen Folgen aufgrund der Radioaktivität befürchten. Wildpilze, die im Handel verkauft werden, dürfen den Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm Frischmasse nicht überschreiten. Dieser Grenzwert wurde nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl eingeführt, so das BfS. Seine Einhaltung werde von der amtlichen Lebensmittelüberwachung in Stichproben kontrolliert. Zuchtpilze wie der Austernseitling oder der Zuchtchampignon seien nicht radioaktiv belastet und könnten bedenkenlos gegessen werden. (bae)

Der Bericht steht zum Download bereit unter: www.bfs.de/pilzbericht

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