Ärzte Zeitung, 20.01.2005

Bei Geburten im Wasser sind keine Schmerzmittel notwendig

Kürzere Geburtsdauer als bei Entbindungen auf dem Bett / Dammschnitte und Dammrisse sind beim Gebären in der Wanne seltener

STERZING (bib). Gegen das Gebären im Wasser ist aus medizinischer Sicht nichts einzuwenden, sofern es kein auffälliges Kardiotokogramm gibt, berichten Südtiroler Geburtsmediziner aufgrund ihrer Erfahrungen mit 1355 Wassergeburten.

Diese Entbindungsform hat einige Vorteile im Vergleich zur Geburt auf dem Bett oder Hocker: So ist die Geburtsdauer wesentlich kürzer, und es sind keine Schmerzmittel nötig. Geburtshelfer um Dr. Albin Thöni vom Krankenhaus in Sterzing in Italien haben den Verlauf von Wassergeburten mit dem von 515 Geburten auf dem Bett und 237 auf dem Gebärhocker verglichen (Frauenarzt 45, 2004, 340).

Sie beobachteten eine deutlich kürzere Geburtsdauer bei Wassergeburten. So dauerte hier die Eröffnungsphase bei Erstgebärenden im Mittel 380 Minuten, auf dem Bett hingegen 467 Minuten. Bei 57 Prozent der Erstgebärenden im Wasser wurde weder ein Dammschnitt nötig, noch kam es zu Rissen. Bei Bett-Geburten blieb der Damm nur bei 36 Prozent intakt und auf dem Hocker bei 48 Prozent. Außerdem: Auf Schmerzmittel konnte bei den Entbindungen in der Wanne verzichtet werden.

Bis auf wenige Ausnahmen waren die Wasser-Babys klinisch unauffällig. Infektionen, vor allem Aspirationspneumonien, seien nicht vermehrt aufgetreten, so Thöni. So hätten 1,3 Prozent der im Wasser geborenen Kinder Infektionszeichen wie Tachypnoe, Nasenflügelatmen, periphere Zyanose und erhöhte CRP-Werte gehabt, bei den anderen Kindern waren es etwa drei Prozent. Dabei wird das Wannenwasser bei der Geburt häufig kontaminiert, weil beim Pressen oft Stuhl abgeht.

So fanden Thöni und seine Kollegen bei bakteriologischen Untersuchungen von 200 Wassergeburten bei 82 Prozent eine erhöhte Belastung durch koliforme Keime und bei 64 Prozent Escherichia coli mit Konzentrationen bis zu 105 koloniebildenden Einheiten pro Milliliter, sowie mit 8 bis 21 Prozent eine mäßige Belastung durch Pseudomonas aeruginosa, Staphylococcus aureus und Hefepilzen. Daß die Babys keinen Schaden nehmen, führt Thöni auf den Tauchreflex zurück, der bis zum ersten Kontakt des kindlichen Kopfes mit der Luft das Eindringen von Wasser und so auch von Keimen in die Lunge verhindert.

Hygienestandards bei der Wannenreinigung sind bei Wassergeburten ebenso wichtig wie eine sorgfältige Überwachung des Kindes bei der Geburt. Bei auffälligem Kardiotokogramm sei eine Wannengeburt kontraindiziert, so die Südtiroler Geburtsmediziner. Denn: Bei schweren intrauterinen Azidosen kann der Tauchreflex vorzeitig verlorengehen.

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