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HINTERGRUND

150 Millionen Frauen sind Opfer einer Genitalverstümmelung

Dirk SchnackVon Dirk Schnack Veröffentlicht:

Heute ist der 4. Welttag gegen weibliche Genitalverstümmelung. Weltweit sind über 150 Millionen Frauen davon betroffen. Der über 5000 Jahre alte Brauch ist in vielen Ländern Afrikas verbreitet, wird durch Einwanderer aber auch in Europa praktiziert. Der Abenteurer Rüdiger Nehberg und seine gemeinnützige Organisation Target setzen sich gegen die Genitalverstümmelung ein. Auf einer Tagung schleswig-holsteinischer Gynäkologen in Rendsburg hat Nehberg jetzt von seiner Arbeit berichtet.

Schon die offene Diskussion über Genitalverstümmelung ist vielerorts ein Tabubruch. Nehberg erinnert sich an eine Versammlung in einem afrikanischen Dorf. 1200 Menschen hatten sich auf dem Dorfplatz eingefunden. Was sich in der Diskussion entwickelte, sprengte all seine Erwartungen. Eine Mutter bekannte, dass der Tod ihrer Tochter kein Unfall war: Das Mädchen war absichtlich auf eine Landmine getreten, weil sie die Folgen der Verstümmelung nicht mehr ausgehalten hatte. Ein anderes hatte sich eine Maschinenpistole in den Mund gehalten und abgedrückt.

Religiöse Stammesführer brandmarkten das Ritual

Geschockte Männer hörten erstmals, was die Genitalverstümmelung wirklich anrichtet, welche Qualen sie für die Mädchen bedeutet. Und religiöse Führer brandmarkten das Ritual in der Öffentlichkeit offen als Sünde. Am Schluss gab es eine Abstimmung, ob die weibliche Genitalverstümmelung geächtet werde sollte. Alle Hände gingen hoch, 1200 Menschen sprachen sich gegen die grausame Tradition aus.

Als Nehberg in Rendsburg über diesen Meilenstein in seinem Kampf gegen die Genitalverstümmelung berichtete, herrschte Totenstille im Saal. Über sechs Stunden hatten die Frauenärzte schon zu medizinischen und politischen Themen getagt, dennoch waren die meisten der über 200 Teilnehmer bis zum Vortrag Nehbergs geblieben. Als der 72jährige geendet hatte, gab es Standing Ovations für den beharrlichen Mann.

"Karawane der Hoffnung" erregte großes Interesse

"Ich dachte, ich kann nichts machen." Das war Nehbergs Gedanke, nachdem er zum ersten Mal mit weiblicher Genitalverstümmelung in Afrika konfrontiert wurde. Heute ist der von Nehberg und seiner Frau Annette Weber gegründete Verein Target dabei, Mädchenverstümmelung weltweit von wichtigen religiösen und politischen Führern in den betroffenen Ländern ächten zu lassen. Seine mehrwöchige "Karawane der Hoffnung" hat großes Aufsehen erregt. Nehberg und Weber waren mit vielen Begleitern durch die betroffenen Länder gereist, um über die Verstümmelung aufzuklären.

Was sie dort erlebten, verschlug den Gynäkologen in Rendsburg die Sprache. Etwa, als Nehberg vom "Haus der Schreie" berichtet. Dem Ort, in dem die Mädchen eines Stammes gebracht werden, um sie vom eigenen Vater verstümmeln und verschließen zu lassen. Ohne Betäubung, wie im Schraubstock festgehalten von vielen Erwachsenen, werden ihnen Klitoris und Schamlippen abgeschnitten, anschließend wird ihre Scheide zugenäht.

Wer diese Prozedur überlebt, hat keine Chance mehr, jemals wieder ein normales Leben führen zu können. Zunächst werden den Mädchen für Wochen die Beine zusammengebunden, damit die Wunde zuwächst. Vernäht wie ein Reißverschluss, bleibt den Mädchen für das Urinieren nur eine Öffnung von der Größe eines Reiskorns. Das Urinieren dauert eine halbe Stunde, die Regelblutung zwei Wochen. Die Qual setzt sich in der Hochzeitsnacht fort, wenn der Mann seine Frau "aufschneidet".

Die Unwissenheit der Betroffenen ist groß. Nicht beschnitten wachsen Schamlippen bis zu den Knien, und die nicht verschnürte Öffnung zieht Insekten an, glauben viele Mädchen. Eine unverstümmelte Frau hat keine Chance auf einen Ehemann, da sie als triebhaft gilt. Nehbergs Organisation schaffte es, Ende 2006 eine Gelehrtenkonferenz in Kairo einzuberufen. Zwei Tage lang diskutierten Ärzte und Islamgelehrte über das Thema und verabschiedeten eine Resolution, die Nehberg eine Sensation nennt: "Weibliche Genitalverstümmelung verstößt gegen die höchsten Werte des Islam und ist deshalb ein strafbares Verbrechen." Diese Aussage kommt einem Verbot gleich - für Nehberg die wichtigste Voraussetzung, um den Brauch zu beenden.



STICHWORT

Genitalverstümmelung

Weibliche Genitalverstümmelung ist in 33 Ländern der Erde verbreitet, vorwiegend in Afrika. Nach Angaben des Vereins Target gibt es täglich 8000 Genitalverstümmelungen. Nach Schätzungen der UNO verblutet ein Drittel der Mädchen bei dieser Prozedur. Insgesamt sind 150 Millionen Frauen weltweit betroffen. Target ist ein von Rüdiger Nehberg und Annette Weber mit gegründeter gemeinnütziger Verein.

Weitere Infos im Internet unter www.target-human-rights.com

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