Ärzte Zeitung online, 20.11.2017
 

Erhöhtes Risiko

Wie die Einschlafposition mit Totgeburten zusammenhängt

Frauen, die in einer bestimmten Schlafposition einschlafen, erleiden doppelt so oft Totgeburten wie Frauen in anderen Stellungen – so eine englische Studie.

Von Alexander Joppich

Wie die Einschlafposition mit Totgeburten zusammenhängt

Die richtige Position: Frauen, die auf der Seite einschlafen, erleiden weniger oft eine Totgeburt.

© GeorgeRudy/ iStock/ Getty Images

MANCHESTER. Frauen, die im letzten Schwangerschaftsdrittel auf dem Rücken einschlafen, haben ein doppelt so hohes Risiko für eine Totgeburt wie Frauen, die auf der Seite einschlafen. Die Studie namens MiNESS wurde im British Journal of Obsterics and Gynaecology veröffentlicht (doi: 10.1111/1471-0528.14967).

Die Forscher verglichen Daten von 41 Entbindungsstationen im Vereinigten Königreich und befragten rund 1000 Frauen aus dem Datenpool: 733 davon hatten eine Lebendgeburt, 291 eine Totgeburt im Zeitraum nach 28 Wochen Schwangerschaft. Das Ergebnis: Das Risiko für eine Totgeburt stieg mit einer Schlafposition auf dem Rücken um den Faktor 2,3 (aOR: 2,31, 95% CI 1,04-5,11).

Weiterhin berichteten Frauen mit Totgeburten öfters davon, dass sie täglich ein Schläfchen während der Tageszeit nahmen (aOR 2,2), höchstens einmal pro Nacht die Toilette aufsuchten (aOR 2,8) und in der Nacht vor der Geburt weniger als 5,5 Stunden schliefen (aOR: 1,8).

Forscher warnen vor Panik

Trotz des Zusammenhangs geben die Wissenschaftler Entwarnung: Wichtig sei die seitliche Position beim Einschlafen, da man sich in dieser Stellung für den Großteil der Nacht befinde.

"Ich will nicht, dass Frauen jetzt auf dem Rücken aufwachen und denken: ‚Oh mein Gott, ich habe meinem Kind gerade etwas furchtbares angetan!‘", sagt Studienleiter Prof. Alexander Heazell, Klinikdirektor am Tommy‘s Stillbirth Research Centre in Manchester.

Auch bei Schläfchen am Tag sollten Frauen in den letzten drei Monaten auf eine seitliche Position beim Einschlafen achten. Eine effektive Methode, um die Stellung zu fördern, ist sich ein Kissen hinter den Rücken zu legen, so dass ein Umdrehen im Schlaf schwerfällt. Die Forscher fanden keine Unterschiede zwischen Frauen, die auf der rechten Seite und solchen, die auf der linken einschliefen.

Warum die Rückenlage anscheinend vermehrt zu Totgeburten führt, ist unklar. Das Team um Heazell vermutet, dass das Gewicht des Babys und das des Beckens Blutgefässe zusammendrücken. Damit bekomme das Ungeborene weniger Blut und Sauerstoff von der Mutter.

[20.11.2017, 19:03:50]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Scheinheiliges "Don't panic" bei fehlenden statistischen Grundrechenarten?
Scheinheiliges "Don't panic" bei fehlenden statistischen Grundrechenarten?
Wenn, wie in der Publikation "Association between maternal sleep practices and late stillbirth – findings from a stillbirth case-control study" vom Corresponding Author alexander.heazell@manchester.ac.uk et al. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1471-0528.14967/full
bereits im ersten Satz der Einführung ["Introduction - Stillbirth, the death of a baby before birth, affects between 1.7 and 8.8 per 1,000 births after 28 weeks’ gestation in high-income countries"] behauptet wird, dass Totgeburten, definiert als intrauteriner Tod eines Babys nach der 28. Schwangerschaftswoche (SSW), eine inzidenten Ereignisrate von 1,7 bis 8,8 (Mittelwert 5,25) auf 1.000 Geburten betreffen, weiß ich schon auf einen Blick, dass hier wissenschaftlich um eine seltene Häufigkeit von im Mittel 5,25 Promille gerungen wird.

Wenn dann auf Grund von Befragungsdaten 291 Schwangere mit einer Totgeburt jenseits der 28. SSW beschrieben, und die möglichen Ursachen auf die Schlafposition auf dem Rücken, Nickerchen tagsüber, nur maximal 1 x Nykturie und weniger als 5 Stunden Nachtschlaf vor der Fehl-Geburt heruntergebrochen werden, schwanen mir als Fehlannahmen bereits "böswillige Bias".

Das wird bestätigt durch folgende Fakten: Statistisch korrekt müssten die 291 Schwangeren mit Totgeburten und ihrer mittleren Ereignis-Wahrscheinlichkeit von 5,25 auf 1.000 Lebendgeburten einer Kohorte von 55.429 Schwangeren mit Lebendgeburten gegenübergestellt werden: Und nicht lediglich mit nur 733 mit einer Lebendgeburt und Schlaf in Links-Seitenlage (Prävention des Vena-Cava-Kompressionssyndroms!) verglichen werden ["Main outcome measures - Maternal sleep practices during pregnancy. Results - In multivariable analysis, supine going-to-sleep position the night before stillbirth had a 2.3-fold increased risk of late stillbirth [adjusted Odds Ratio (aOR) 2.31, 95% CI 1.04–5.11] compared with the left side]".

Bei 0,525 Prozent Risiko für eine Totgeburt sind das 291 Fälle auf 55.429 Lebendgeburten. Der Vergleich der Befragungen von 1.024 Frauen aus dem Datenpool, wobei 733 davon eine Lebendgeburt erlebt und 291 eine Totgeburt im Zeitraum nach der 28. SSW erlitten hatten, ist empirisch-statistisch unhaltbar.

Wissenschafts- und erkenntnistheoretisch demaskierend ist ebenfalls, dass eine (retrospektive) Fall-Kontroll-Studie, im Titel zutreffend "case-control study" genannt, niemals eine im Studien-Design so genannte prospektive Fall-Kontroll-Studie werden kann ["Design - Prospective case-control study"]. Das ergibt sich schlussendlich aus der befragten Population ["Population - Women who had a stillbirth after = 28 weeks’ gestation (n = 291) and women with an ongoing pregnancy at the time of interview (n = 733)"). Es wurden Frauen direkt n a c h ihren stattgehabten Fehlgeburten, und, in krassem Gegensatz dazu, Frauen in ihrer weiteren, positiv verlaufenden Schwangerschaft interviewt.

Geradezu zynisch, wenn Forscher mit einem statistisch derart verquasten Studienansatz vor falscher Panik warnen: "Ich will nicht, dass Frauen jetzt auf dem Rücken aufwachen und denken: ‚Oh mein Gott, ich habe meinem Kind gerade etwas furchtbares angetan!‘", so Studienleiter Prof. Alexander Heazell, Klinikdirektor am Tommy‘s Stillbirth Research Centre in Manchester. Das soll doch nur von fehlendem statistischen Grundlagen-Wissen ablenken.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

"Super Mario" hält Senioren geistig fit

3D-Computerspiele trainieren die räumliche Orientierung älterer Menschen - und schützen einer Studie zufolge vor Demenz. mehr »

Bei PKV und GKV sind viele Optionen möglich

16.30 hEine Bürgerversicherung "pur" wird es mit der Union nicht geben. Für Veränderungen im Versicherungssystem zeigen sich CDU/CSU aber offen. mehr »

Mehr Qualität beim Ultraschall nötig

Bei Diagnosen im Bauchraum erreicht ein nicht ausreichend qualifizierter Arzt nur eine geringe Treffsicherheit. Anlass für die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin für klare Qualitätsregelungen zu plädieren. mehr »