Ärzte Zeitung, 06.06.2017
 

"Broken-Heart-Syndrom"

Männer und Frauen reagieren verschieden auf "gebrochenes Herz"

Verlust eines geliebten Menschen, Streit oder Infektionen: Seelischer und körperlicher Stress können ein Broken-Heart-Syndrom auslösen. Neue Untersuchungen haben ergeben: Bei Männern und Frauen lösen wohl unterschiedliche Formen von Stress den Herzfehler aus.

Körperlicher Stress bei Broken-Heart-Syndrom im Visier

Gebrochenes Herz: Männer und Frauen scheinen unterschiedliche Auslöser zu haben.

© stasknop / Fotolia

BERLIN. Wie genau ein Broken-Heart-Syndrom – die Takotsubo-Kardiomyopathie – entsteht, ist ja noch nicht geklärt. Forscher haben aber herausgefunden, dass sie am häufigsten bei Frauen nach den Wechseljahren auftritt und durch emotional belastende Ereignisse wie auch durch akute körperliche Beschwerden ausgelöst werden kann. Sogar gute Nachrichten und freudige Begebenheiten lassen das Herz brechen.

"Körperlicher Stress" nun stärker im Visier

Die Ergebnisse einer Studie des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) rücken nun den Auslöser "körperlicher Stress" stärker in den Mittelpunkt (Front Psychol 2017; 8:527).

Die Studie bestätigt, dass bei Männern Infektionen, Unfälle oder Ähnliches, also alles, was den Körper belastet, oft Auslöser für eine Takotsubo-Kardiomyopathie sind, teilt die DZHK mit.

Im Gegensatz dazu sei es bei Frauen der emotionale Stress. Die Studie habe aber auch ergeben, dass körperlicher Stress als Auslöser die Prognose sowohl bei Frauen als auch bei Männern erheblich verschlechtert.

Keine rein harmlose Erkrankung

Für ihre Analyse haben die DZHK-Forscher um Dr. Ibrahim El-Battrawy die Daten von 84 Patienten ausgewertet, die gut vier Jahre lang beobachtet wurden. Sie untersuchten, wie sich die unterschiedlichen Trigger auf den langfristigen Krankheitsverlauf auswirken.

"Lange Zeit dachte man, die Erkrankung wäre harmlos, denn in der Regel hat sich die Herzfunktion nach spätestens drei Monaten wieder erholt", wird der am Uniklinikum Mannheim tätige Dr. El-Battrawy in der DZHK-Mitteilung zitiert, Studienleiter und DZHK-Nachwuchswissenschaftler an der medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. "Doch tatsächlich können noch Monate danach ernsthafte Folgeerkrankungen auftreten, und bis zu vier Prozent der Patienten sterben sogar nach einer Takotsubo-Kardiomyopathie."

Alle Patienten wurden bei Aufnahme ins Krankenhaus gefragt, ob sie in den letzten ein bis zwei Wochen großen seelischen Belastungen ausgesetzt oder akut erkrankt waren. "Wir haben dabei auch festgestellt, dass die emotional belastete Gruppe vermehrt über Brustschmerzen klagte, die Gruppe mit den akuten Krankheiten litt hingegen überwiegend unter Luftnot", so El-Battrawy.

Höheres Sterberisiko im Langzeitverlauf

Entscheidend war jedoch, was sich im Langzeitverlauf zeigte: Schwerwiegende Komplikationen wie lebensbedrohliche Arrhythmien, wiederholtes Herzversagen, Apoplexie, Herzinfarkt und rezidivierende Takotsubo-Kardiomyopathie traten häufiger auf, wenn körperlicher Stress das Broken-Heart-Syndrom auslöste. Auch hatten diese Patienten ein höheres Risiko zu sterben.

"Unsere Studie zeigt, dass körperlicher Stress ein Risikofaktor für einen schlechten Verlauf ist und trägt dazu bei, die Gruppe der Hochrisikopatienten weiter einzugrenzen", fasst El-Battrawyin der DZHK-Mitteilung zusammen. "Die Studie unterstreicht außerdem, wie wichtig es ist, die Patienten kurz- und langfristig im Auge zu behalten. Unabhängig vom Auslöser sollte man sie genauso engmaschig überwachen wie Herzinfarkt-Patienten und nach der Entlassung aus dem Krankenhaus regelmäßig untersuchen."

In anderen Arbeiten hat El-Battrawy bereits gezeigt, dass die Herzkrankheit bei Patienten mit Diabetes besser verlief als bei Patienten ohne Diabetes, Krebs hingegen die Prognose verschlechtert.

Eine systematische Abfrage mit einem Fragebogen zu den Auslösern eines gebrochenen Herzens und bestehenden Grunderkrankungen wäre daher aus Sicht El-Battrawys sinnvoll, um den Verlauf der Krankheit besser einzuschätzen und die Therapie Betroffener anzupassen.

[16.06.2017, 16:14:38]
Ibrahim El-Battrawy 
Takotsubo Syndrom: Eine Erkrankung mit unklarer Pathogenese
Vielen Dank für Ihre Kommentare. Das Takotsubo Syndrom (TTS) nimmt an Relevanz zu. ZU erklären ist dieses durch die Zunehmende Beobachtung, dass der klinische Verlauf dieser Erkrankung doch mit Komplikationen assoziiert ist. Eine Anzahl von 84 TTS Patienten ist in der Tat nicht hoch. Jedoch wurden von unserem damaligen Gesamtkollektiv 30 Patienten bei fehlender eindeutiger Stresszuordnung ausgeschlossen. Desweiteren handelt es sich hier um ein monozentrisches Register. Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass die Pathogenese der Erkrankung bisher nicht geklärt ist. Wir sind aktuell dabei eine weitere Vergleichsgruppe heranzuziehen. Allerdings scheint in einer großen Arbeit auch bei Patienten mit Z.n. Herzinfarkt, dass Stressereginisse von Relevanz (Circulation. 2016 Oct 11;134(15):1059-1067) sind.
Ibrahim El-Battrawy
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[08.06.2017, 13:26:20]
Horst Grünwoldt 
Gender Stress
Bravo, geschätzter Herr Dr. Thomas G. Sch.! Immer wieder meinen herzlichen Dank für Ihre scharfe Analyse, klare Diagnose und überzeugende Sachkritik als universal, sowie hochgebildeter Arzt und Human-Mediziner!!
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »
[06.06.2017, 15:06:22]
Thomas Georg Schätzler 
Broken-Heart-Syndrom/Takotsubo-Kardiomyopathie wissenschaftlich grober Unfug?
Das Broken-Heart-Syndrom bzw. die Takotsubo-Kardiomyopathie (TTC) werden immer mysteriöser: Dieses angeblich ebenso extrem seltene wie ständig mit zu berücksichtigende kardiologische Krankheitsbild soll beim Verlust eines geliebten Menschen, bei Streit oder Infektionen bzw. seelischem und körperlichem Stress zum Tragen kommen. Und bei Männern und Frauen auch noch unterschiedlich "gebrochene Herzen" hervorrufen?

Spätestens, wenn ein hyper-komplexes Krankheitsbild mit blumig-literarischer Umschreibung "Broken-Heart-Syndrom – Takotsubo-Kardiomyopathie" auftaucht, bei dem der Pathomechanismus nicht mal ansatzweise geklärt ist, sollte nicht nur die "Scientific Community" misstrauisch werden. Denn Forscher wollen herausgefunden haben, dass es postmenopausale Frauen betrifft, durch emotional belastende Ereignisse wie auch durch akute körperliche Beschwerden ausgelöst wird, und obendrein sogar gute Nachrichten und freudige Begebenheiten das Herz brechen lassen würden?

Die Studie des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) in:
Frontiers in Psychology vom 27 April 2017 "Comparison and Outcome Analysis of Patients with Takotsubo Cardiomyopathy [TTC] Triggered by Emotional Stress or Physical Stress" von G. Konstantinos et al.
http://journal.frontiersin.org/article/10.3389/fpsyg.2017.00527/full
listet wahllos bei Männern Infektionen, Unfälle oder Ähnliches somatisierend als Auslöser für eine TTC auf, wohingegen bei Frauen eher psychologisierend der emotionale Stress verursachend sein soll?

Äußerst peinlich und dilettantisch für das Studiendesign: Obwohl in 12 Beobachtungsjahren 2003 bis 2015 ein Kollektiv von ganzen 84 (!) Patienten/-innen mit TTC diagnostiziert wurde, was ganzen 7 (i.W. Sieben) pro Jahr entspricht, hat das Autorenteam es für nicht notwendig erachtet, eine V e r g l e i c h s g r u p p e heranzuziehen: Das unterstreicht die wissenschaftliche Wertlosigkeit ihres Unterfangens. ["Methods and results: Our institutional database constituted a collective of 84 patients diagnosed with TTC between 2003 and 2015. The patients were divided into two groups as per the presence of emotional stress (n = 24, 21%) or physical stress (n = 60, 52.6%). The endpoint was a composite of in-hospital events (thromboembolic events and life-threatening arrhythmias), myocardial infarction, all-cause of mortality, re-hospitalization due to heart failure, stroke, and recurrence of TTC"]. Ganze 24 Patienten mit emotionalem Stress und 60 mit physischem Stress vernachlässigt in eklatanter Weise zigtausende Patienten, die im selben Zeitraum mit ebensolchen psychophysischen Belastungen o h n e ein TTC aufzuweisen, untersucht und versorgt wurden?

M. E. ist das Tako-Tsubo-Syndrom eine medizinisch-pathophysiologische Chimäre im Zusammenhang mit willkürlich herausgegriffenen, positiven und negativen Stressoren. Der Versuch, das Syndrom des „gebrochenen Herzens“ (broken heart syndrome) noch zu allem Überfluss in ein „Happy-Heart-Syndrome“ umzuetikettieren, führt den ursprünglichen pathophysiologischen Erklärungsansatz dieses Symptomkomplexes endgültig ad absurdum.

Das Syndrom des "gebrochenen Herzens" ist von der allgemeinen bio-psycho-sozialen Genese epidemiologisch ebenso häufig biografisch möglich und begründbar wie völlig unverbindlich und beliebig auftretend. Es ist in seiner Krankheitsentität viel zu ungenau beschrieben ["Takotsubo syndrome (TTS) is typically provoked by negative stressors such as grief, anger, or fear leading to the popular term ‚broken heart syndrome‘ "], European Heart Journal 2016, online 2. März.

Die Takotsubo-Kardiomyopathie (TTC) wurde unter dem Titel „Happy heart syndrome: role of positive emotional stress in takotsubo syndrome“ von J.R. Ghadri et al. https://academic.oup.com/eurheartj/article/37/37/2823/2469928/Happy-heart-syndrome-role-of-positive-emotional
gar nicht genauer untersucht, sondern einfach nur umetikettiert.

An Geburtstagen, anderen Ehrentagen oder Jubiläen ist die Gefahr für einen Infarkt, einen Schlaganfall oder ein akutes Koronarsyndrom (ACS) mit und ohne TTC deutlich erhöht. Das kennen biografisch, psychiatrisch und sozialtherapeutisch erfahrene Hausärzte nur allzu gut. Wie oft wird auch und gerade bei Älteren bereits das Geburtstags-Kaffeekränzchen mit üppiger Sahnetorte als Cholesterinbombe, viel zu langem Sitzen, mangelhaftem Bewegungsausgleich und ungewohntem nachmittäglichen Alkoholgenuss untermalt.

Wenn sich abends die Familie im „trauten Kreis“ zum hyperkalorischen Festessen mit noch längerem Sitzen und weiteren „geistigen“ Getränken trifft, wie oft werden dann wohl von mit Alkohol enthemmtem Verstande und lockerer Zunge alte (Ab-) Rechnungen präsentiert, negative Familienschicksale aktualisiert, über Verluste, Trennungen, Tod, Sünden und Vergebung, Freude und Trauer diskutiert und alte Familien-Streitigkeiten aufgewärmt?

Zwischen "happy" und "broken" bestand übrigens nach Studienerkenntnissen gar kein signifikanter Unterschied [„There was no statistical significance for the respective complications between the two groups of ‚happy hearts‘ and ‚broken hearts‘. One-year survival was comparable between ‚happy hearts‘ and ‚broken hearts‘ (100% vs. 97.6 ± 0.9%, P = 0.52).“].

Auch das ein Beleg für die mir bisher nur bekannt gewordene Variabilität und Volatilität von Broken-Heart-Syndrom/Takotsubo-Kardiomyopathie.

Die Schlussfolgerungen des letztgenannten Autorenteams gehen dann auch ins Philosophische: "Perhaps, both happy and sad life events, while inherently distinct in nature, share a final common pathway in the central nervous system processing and output, which can ultimately trigger TTS. Clearly, future research is warranted to investigate this possibility and delineate the exact mechanisms underlying both ‚broken‘ and ‚happy‘ heart variants of TTS." Man träumt also von einem finalen, gemeinsamen Patho-Mechanismus in der Steuerung und dem Ausfluss des zentralen Nervensystems, welcher schlussendlich ein Takotsubo Syndrome (TTC) triggern könnte?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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