Ärzte Zeitung online, 21.11.2017
 

Im Halbschlaf gescheitert

Ergeben nächtliche Sondierungen Sinn?

Tiefe Augenringe, müde Blicke: Die Jamaika-Sondierer haben sich die Nächte um die Ohren geschlagen - ohne Erfolg. Wie sinnvoll sind Verhandlungen am körperlichen Limit?

Machen nächtliche Sondierungen Sinn?

Wäre die Jamaika-Sondierung im ausgeschlafenen Zustand anders verlaufen?

© Bernd von Jutrczenka / dpa / picture alliance

BERLIN. Es gibt viele Dinge, die man im Halbschlaf machen kann: Eine Serie schauen, Chips knabbern, seiner Katze den Nacken kraulen. Das Schmieden einer neuen Regierungskoalition gehört nicht unbedingt dazu - würde man meinen. Doch die Spitzen von CDU, CSU, FDP und Grünen haben genau das versucht. In nächtlichen Verhandlungsmarathons bis vier Uhr früh suchten sie nach Möglichkeiten einer Zusammenarbeit. Übermüdet und mit tiefen Augenringen wollten sie Verantwortung für 82 Millionen Menschen übernehmen. Auf manchen Konferenzen gibt es erst nach nächtlichem Ringen eine Einigung. Diesmal ging der Versuch schief - am späten Sonntagabend lies die FDP die Gespräche platzen.

Über diesen Verlauf der Verhandlungen ist eine bestimmte Gruppe von Wissenschaftlern nur wenig überrascht. Schlafforscher warnen schon lange davor, wichtige Beratungen bis in die frühen Morgenstunden zu dehnen und übermüdet zu diskutieren. "Die Nacht ist kein Zeitpunkt für sachliche Entscheidungen. Wer nicht genug schläft, kann Probleme schlechter lösen. Emotionen spielen dann eine größere Rolle", sagt Jürgen Zulley, ehemaliger Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Universität Regensburg.

Auch sein Kollege Steffen Gais von der Universität Tübingen erkennt ein Muster, das sich wissenschaftlich bestätigen lässt. "Jetzt ist genau das eingetroffen, was die Schlafforschung vorhersagt. Die Teilnehmer der Sondierungsgespräche sind voll auf Risiko gegangen, sie haben sich dabei immer weniger vertraut und die Stimmung ist eingebrochen", erklärt Gais. Schlafentzug führe nicht nur zu Konzentrationsmangel und gesteigerter Risikobereitschaft, sondern auch zu Argwohn und Streitlust.

Von Schlafentzug sprechen die Forscher bereits dann, wenn ein Mensch über den Zeitpunkt hinaus wach ist, zu dem er normalerweise ins Bett geht. "Wir haben einen biologischen Rhythmus, der konstant weiterläuft. Da hilft auch kein Vorschlafen", erklärt Zulley. Zwar gebe es Menschen, die ihre Aktivität erst in den späten Abendstunden entfalteten - in der Chronobiologie als "Eulen" bezeichnet. Doch tief in der Nacht seien auch sie überfordert: "Um etwa drei Uhr früh kommen alle Menschen in ein Leistungs- und Stimmungstief. Deshalb passieren die meisten Arbeitsfehler in Nachtschichten."

Dass Schlafentzug überwiegend negative Auswirkungen auf die menschliche Leistungsfähigkeit hat, war in der Wissenschaft nicht immer die Mehrheitsmeinung. Ein Schlüsselexperiment wurde 1965 in den USA durchgeführt: Der 17-jährige Schüler Randy Gardner blieb damals 264 Stunden wach - also exakt 11 Tage lang. Die beiden begleitenden Ärzte William Dement und John Ross kamen zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen von Gardners psychischem und körperlichem Zustand. Während Dement nur kleine Auswirkungen wie Stimmungsschwankungen beobachtete, erkannte Ross gefährliche Veränderungen in Kognition und Verhalten.

Die beiden Positionen bildeten lange Zeit die Grundlage für einen wissenschaftlichen Disput in der Medizinischen und Biologischen Psychologie. Heute ist die kritische Haltung von Ross mit vielen Studien unterfüttert und unter Experten verbreitet. Zwar lässt sich nachweisen, dass durch Schlafentzug die Kompromissbereitschaft steigt, und dies könnte leicht als Vorteil des Wachbleibens gewertet werden. Doch Zulley warnt: "Was bringen Kompromisse, wenn gleichzeitig die Qualität der getroffenen Entscheidungen sinkt?" Gais erklärt, was dieser Qualitätsverlust konkret bedeutet: "Bei Schlafentzug setzt man mehr aufs Spiel, man überschätzt die Gewinnmöglichkeiten und hat weniger Vertrauen in seine Mitmenschen."

Schlafentzug birgt aber noch eine weitere Gefahr. Gais und seine Kollegen konnten einen starken Zusammenhang zwischen Müdigkeit und Erinnerungsvermögen nachweisen. "Schlafentzug führt dazu, dass das Langzeitgedächtnis geschwächt wird", erklärt Gais. Langfristig könnten die Erinnerungen an eine gemeinsame Beratung also schon deshalb unterschiedlich ausfallen, weil alle Teilnehmer übernächtigt waren. "Der Ausspruch "eine Nacht drüber schlafen" kommt nicht von ungefähr. Wir brauchen Schlaf, um das Erlebte abzuspeichern", bestätigt auch Zulley.

Angesichts dieser Erkenntnisse hätten die Berliner Verhandlungsparteien wohl gut daran getan, sich regelmäßig Erholung zu gönnen und nachts ein bisschen früher das Licht auszuknipsen. Am Ende, so sagte FDP-Parteichef Christian Lindner, habe die "Vertrauensbasis" für ein gemeinsames Bündnis gefehlt. Dass er damit ein Standardphänomen der Schlafforschung anspricht, dürfte er nicht gewusst haben. (dpa)

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