Ärzte Zeitung, 16.01.2004

Bei diesem Diätprogramm geht’s sogar zu McDonald’s

Göttinger Ernährungsforscher entwickeln Programm für dicke 13- bis 18jährige / "Verboten, etwas zu verbieten"

Von Heidi Niemann

Andreas hopst auf dem Trampolin. Die Jugendlichen lernen im neuen "Optifast-Junior-Programm" auch, ihr Bewegungsverhalten umzustellen. Foto: dpa

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind zu dick, weil sie sich falsch ernähren und zu wenig bewegen. "Der Computer im Kinderzimmer hat diese Entwicklung noch verstärkt", sagt der Göttinger Ernährungswissenschaftler Professor Volker Pudel.

Mit einem speziell auf Jugendliche zugeschnittenen Trainingsprogramm will die Ernährungspsychologische Forschungsstelle der Universität Göttingen jetzt 13- bis 18jährigen dabei helfen, ihr Übergewicht langfristig los zu werden.

Das "Optifast-Junior-Programm" richtet sich an Jugendliche, die mindestens zehn Kilo zu viel wiegen und unter ihrem Übergewicht leiden. Unter ärztlicher Kontrolle können die Teilnehmer in dem 18wöchigen Kurs abnehmen und lernen, ihr Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu ändern.

Am Anfang purzeln erst einmal die Pfunde. Die Jugendlichen erhalten eine spezielle Astronautenkost, mit der sie zunächst zwischen acht und zwölf Kilo abnehmen, berichtet Pudel. Dieses Erfolgserlebnis sei zwar wichtig, aber das sei nur der Anfang. Danach gehe es darum, das reduzierte Gewicht auch weiter zu halten. Das Team aus Medizinern, Psychologen, Ernährungsforschern und Bewegungsexperten nimmt deshalb bei den wöchentlichen Gruppentreffen die gesamte Lebensweise der Jugendlichen unter die Lupe.

Dabei geht es nicht nur um ihre Ernährungsgewohnheiten, sondern auch um andere Aspekte. "Übergewichtige Jugendliche haben oft psychische Probleme, weil sie nicht so akzeptiert werden", sagt der Göttinger Ernährungsexperte. Vor allem beim Sport hätten Dicke keine Chance.

Ebenso wie übergewichtige Erwachsene hätten auch dicke Kinder und Jugendliche häufig Hemmungen, beispielsweise ins Schwimmbad zu gehen. Da Bewegung aber mitentscheidend ist, gehen die Trainer mit den Jugendlichen ins Schwimmbad des Göttinger Universitätsklinikums. "Dort sind sie dann unter sich", sagt Pudel.

Die Teilnehmer des Optifast-Junior-Programms sollen sich nicht nur wieder mehr bewegen, sondern vor allem auch ein bewußteres Eßverhalten entwickeln. Dies soll ganz ohne erhobenen Zeigefinger abgehen: "Es gibt keine Verbote; vielmehr ist es verboten, etwas zu verbieten", formuliert Pudel.

Auch rigide Vorsätze, wie beispielsweise nie mehr Schokolade zu essen, machten keinen Sinn, da sich diese ohnehin nur wenige Tage halten ließen. Wichtig sei dagegen die sogenannte flexible Kontrolle, indem man sich zum Beispiel vornimmt, in der nächsten Woche nur noch mit zwei Tafeln Schokolade auszukommen.

Auch Fast Food ist nicht etwa rigoros verpönt: "Wir werden sogar zusammen zu McDonald’s gehen", kündigt Pudel an. Ein normaler Hamburger sei nämlich "im Fettbereich optimal", ein mehrstöckiger Burger dagegen nicht. Erwachsene, die sich selbst eine deftige Bratwurst einverleiben, hätten jedenfalls keinen Anlaß, sich über Hamburger essende Jugendliche aufzuregen, denn die Fettmenge in Wurst, Pommes und Mayo sei schlichtweg "nicht zu toppen".

Insgesamt sollen die Jugendlichen denn auch lernen, daß es nicht darum geht, nur noch möglichst wenig zu verputzen. "Kohlenhydrate kann man reichlich essen, aber Fett ist das Problem", sagt der Ernährungsforscher. Diese Dickmacher sollen die Teilnehmer ausfindig machen können.

Zu ihnen gehört unter anderen die Schokolade: "Das ist keine Süßigkeit, sondern eine Fettigkeit", meint Pudel. Die Jugendlichen lernen außerdem, welche Alternativen es beispielsweise zur Butter auf dem Brot gibt, und sie können austesten, welche fettarmen Produkte ihnen gut schmecken.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Mütter stellen früh die Weichen für Babys Gesundheit

Dicke Mutter = dickes Baby: Diese Gleichung geht oft auf - leider. Ernährungs-Experten tauschen sich daher auf einem Kongress über den frühen Einfluss der mütterlichen Ernährung u.a. auf das Diabetesrisiko des Kindes aus und geben Tipps. mehr »

Würden Ärzte Gröhe wählen?

In einer großen Umfrage fragten wir Ärzte: "Wenn der Bundesgesundheitsminister direkt vom Volk gewählt werden könnte, wen würden Sie wählen?" Lesen Sie hier die Antwort. mehr »

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »