Reizüberflutung macht Kinder genauso dick wie der Big Mac

BERLIN. Wissenschaftler, Krankenkassen und Gesundheitsministerium gehen in die Offensive. Gesundheitserziehung gehört in die Kindergärten und Schulen fordern sie. Die Verantwortung allein auf die Kinder selbst und ihre Eltern zu übertragen sei falsch.

Anno FrickeVon Anno Fricke Veröffentlicht:

Ein zunehmender Prozentsatz von Mädchen und Jungen in Deutschland futtert sich chronisch krank: Immer häufiger diagnostizieren Kinderärzte Gicht und Gallensteine, Fettleber und Arthrose. Sechs Prozent der adipösen Kinder weisen einen nachhaltig gestörten Zuckerstoffwechsel auf. Etwa ein Prozent leidet an Altersdiabetes. Bei mehr als einem Drittel der dicken Kinder stellen Ärzte Bluthochdruck, Insulinresistenz und Fettstoffwechselstörungen fest.

"Solche Kinder sind Behinderte", sagt Professor Martin Wabitsch. Der Professor an der Kinderklinik Ulm sieht eine Generation mit eingebautem hohem Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko heranwachsen. Die Prognose amerikanischer Wissenschaftler, daß in wenigen Jahren das Übergewicht anstatt das Rauchen an erster Stelle der vermeidbaren Todesursachen stehen werde, sei auf Deutschland übertragbar, sagt er.

Die Diagnose, daß immer mehr Kinder Speck ansetzen, ist so neu nicht. Zu besichtigen waren die Vorbilder schon vor vielen Jahren in Presse- und Fernsehberichten über die amerikanische Doppelwhopper-Generation. Neu ist aber, daß es allen Beteiligten im Gesundheitswesen langsam dämmert, daß die Freßwelle nicht durch ein paar Stunden mehr Sport in der Woche und die richtige Diät eingedämmt werden kann.

"Weniger essen und mehr bewegen, hilft nicht viel", sagt Martin Wabitsch. Der Lebensstil müsse sich vielmehr ändern. Fernsehen, Computerspiele, SMS: Die Flut medialer Reize mache auf ihre Weise Kinder genauso dick wie Milchschnitte und MacDonalds.

Professor Klaus Hurrelmann, Direktor des WHO Collaborating Center of Child and Adolescent Health Promotion in Bielefeld, ist sogar davon überzeugt, daß der eigentliche Grund für Übergewicht nicht nur in einer übermäßige Zufuhr von Energie, sondern in einem Defizit von Anforderungen, Entwicklungsimpulsen und Erfolgserlebnissen zu suchen ist. Die vorhandenen Präventionsprogramme müßten daher um eine wichtige Komponente ergänzt werden, nämlich um die Förderung der psychischen Bewältigungskompetenz und der sozialen Lebenskompetenz.

Vorbild könnte die von dem Berliner Kurt Hahn in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelte Pädagogik des Erlebens sein, in der körperliches Training als Katalysator für die Selbststeuerung und die gesamte Persönlichkeitsentwicklung diene. Bewegung werde damit zur Metapher für die aktive Erschließung der Umwelt und helfe, die körperliche und geistige Passivität zu überwinden, so Hurrelmann.

Daß die Gesundheitspolitik und die Bildungspolitik sich auf diesem Feld berühren, sieht auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ganz klar: "Ein gesundes Körpergefühl hilft Kindern, ihre Leserpotential auszuschöpfen", sagt sie. Weniger auf den Rippen zu haben, fördere die Bewegungsfreiheit und damit das Selbstwertgefühl. Das wiederum wirke sich nachgewiesenermaßen auf die schulischen Leistungen aus.

Etwas einfacher sagt es Martin Wabitsch: "Dicke Kinder haben keine Freunde. Deshalb geht es ihnen nicht gut."

Lesen Sie dazu auch: Schmidt ermuntert zu mehr Sport an Schulen

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