Ärzte Zeitung, 09.12.2004

IM GESPRÄCH

Schlapp und unsportlich! - Mit diesem pauschalen Urteil über Deutschlands Jugend liegt man wohl falsch

Von Ruth Ney

Bei Kindern ist Inline-Skaten in. Das fördert vermutlich koordinative Fähigkeiten. Ausdauer und Kraft lassen aber offenbar bei vielen nach. Foto: dpa

Nicht nur über die Körperfülle von Kindern und Jugendlichen wird in Deutschland derzeit viel diskutiert, sondern auch über deren Fitneß. Bequem, schlapp und unsportlich heißt es in diesem Zusammenhang oft pauschal. Eine Gruppe Sportwissenschaftler hat nun einmal die körperliche Leistungsfähigkeit der jungen Generation differenziert unter die Lupe genommen.

Für diese Studie mußten 220 Schüler aus der 6. und 9. Klasse saarländischer Real- und Gesamtschulen sowie Gymnasien ein breitgefächertes Sportprogramm absolvieren (Dt Zeitschrift Sportmedizin 9, 2004, 211):

  • Aktionsschnelligkeit und Ausdauer wurden anhand eines 20 m-Sprints und eines 6-Minuten-Laufs (erreichte Distanz) bewertet.
  • Gleichgewicht und Präzision wurden durch Einbeinstand (eine Minute auf einem Balken) und Zielwerfen mit einem Ball getestet.
  • Außerdem wurden die Kraftausdauer gemessen (anhand der Zeit, die in der Klimmzugposition verharrt werden konnte) und die Schnellkraft (Sprunghöhe aus dem Stand).
  • Schließlich wurde noch die Beweglichkeit der Schüler erfaßt. Dabei wurde gemessen, wie tief die Probanden bei gestreckten Beinen auf einem Turnkasten stehend mit den Fingerspitzen über die Kastenkante hinauskommen (Stand-and Reach-Test).

Die ermittelten Leistungen wurden anschließend mit den Ergebnissen ähnlicher Studien aus den Jahren 1975 bis 1993 verglichen sowie mit alters- und geschlechtsspezifischen Referenzdaten für sportliche Leistungen.

  Inliner und Skateboard fördern wohl koordinative Fähigkeiten.
   

Die Ergebnisse lassen nun Zweifel aufkommen an der verbreiteten pauschalen These, daß die deutsche Jugend immer schlapper wird. So ließ sich eine generelle Verschlechterung motorischer Leistungen bei den Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu früheren Studienergebnissen nicht feststellen, wie Professor Eike Emrich vom Institut für Sportwissenschaften der Universität Frankfurt am Main betont.

Es gebe allerdings Hinweise, daß sich das Gesamtspektrum sportmotorischer Fertigkeiten verändert habe. So schnitten die Jugendlichen zwar beim Klimmzug und beim Jump-and-Reach- sowie Stand-and-Reach-Test deutlich schlechter ab als Jugendliche in früheren Studien. Dafür waren sie beim 20 m-Sprint und beim Einbeinstand deutlich besser. Die Tendenz, daß sich koordinative Leistungen verbessert haben, führt Emrich auf Bewegungstrends zurück wie Inline-Skating oder Skateboardfahren.

Wenig überraschend: Übergewichtige Jugendliche - mit Ausnahme beim Zielwerfen und beim Stand-and-Reach-Test - schnitten signifikant schlechter ab als normalgewichtige.

So wie über die Meßweise sportlicher Leistungsfähigkeit diskutiert werden kann, so gibt es derzeit auch Debatten über Definition und Ausmaß von Übergewicht bei Kindern. Vieles scheint dabei eine Frage der Betrachtungsweise zu sein. Bereits der Gallier Obelix lamentierte "Ich bin nicht zu dick!" und die faule Comic-Katze Garfield hatte stets ihre eigene Definition parat: "Ich bin nicht zu dick, sondern nur untergroß!"

"Das Problem fängt tatsächlich bei der Definition von Übergewicht an", so Privatdozent Dr. Thomas Reinehr, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Adipositas bei Kindern und Jugendlichen (AGA). Da unterschiedliche Meßkurven existieren, schwankten zum Beispiel auch die Angaben zur Häufigkeit so stark. Von der AGA favorisiert wird die Perzentilenkurve nach Krohmeyer-Hauschild. Sie beruht auf den derzeit aktuellsten repräsentativen BMI-Daten von über 35 000 Kindern. Kinder, die dabei mit ihrem BMI über der alters- und geschlechtsentsprechenden 90. Perzentile liegen, gelten als übergewichtig, die über der 97. Perzentile als adipös.

Bei der Definition von Adipositas ist Willkür dabei

Diese Festlegung sei zwar ein Stück weit willkürlich, räumt Reinehr ein. Sie stimme jedoch mit der Definition von Übergewicht und Adipositas überein, wie sie die International Obesity Task Force vorgibt. Diese sagt: die Perzentile, die im Altersverlauf bei einem BMI von 30 endet, also da, wo man dann bei Erwachsenen klar von Adipositas spricht, ist die Grenze zwischen Übergewicht und Adipositas. Die Perzentile, die bei 25 endet, ist die Grenze zu Übergewicht. "Und das trifft für die 90. und 97. Perzentile der Kurven nach Krohmeyer-Hauschild ziemlich gut zu", so Reinehr zur "Ärzte Zeitung".

Auf der Basis dieser Kurven und den verfügbaren - derzeit nur regionalen - Daten schätzt die AGA, daß etwa zehn bis 18 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland zu dick sind. Eine Adipositas liegt bei etwa vier bis acht Prozent vor - das sind etwa 0,5 bis eine Million Betroffene. Werden allerdings alte oder internationale Perzentilenkurven verwendet, ergibt sich eine Rate übergewichtiger Kinder von bis zu 30 Prozent, wie der Pädiater berichtet.

Beim Vergleich heutiger mit alten Kurven, wie sie auch noch in den Vorsorgeheften existieren, fällt allerdings auf, daß die 50. Perzentile fast identisch verläuft, die Zahl Normalgewichtiger hat sich offenbar nicht geändert. Der Verlauf der 90. und 97. Perzentile liege aber heute höher, so Reinehr. Das spiegle das Phänomen wider, daß es heute mehr Kinder gibt, die besonders dick sind.

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