Ärzte Zeitung, 09.04.2010
 

Fehlschaltung koppelt Kauen mit Augenöffnen

Eine angeborene Fehlinnervation des Augenlid-Hebers führt dazu, dass sich ein hängendes Lid beim Kauen bewegt. Das belegen zwei Bilderserien, die Kollegen der Düsseldorfer Universitätsklinik veröffentlicht haben.

Von Thomas Meißner

zur Galerie klicken

Bei geschlossenem Mund des Säuglings ist Ptosis rechts erkennbar. Beim Öffnen des Mundes und beim Kauen wird das rechte Auge aufgerissen. © Springer Medizin Verlag

DÜSSELDORF. Eine angeborene Fehlinnervation des Augenlid-Hebers (M. levator palpebrae) führt bei Kaubewegungen zum simultanen "Aufreißen" des Auges. Diese Synkinesie ist als Marcus-Gunn-Phänomen* bekannt.

Zur Symptomatik gehöre außerdem eine teilweise oder vollständige Ptosis, berichten Dr. Daniel Tibussek und seine Kollegen vom Universitätsklinikum Düsseldorf (Monatsschr Kinderheilkd 157, 2009, 1092). Dort hatten sich Eltern mit einem sieben Monate alten Jungen vorgestellt, bei dem bereits kurz nach der Geburt beim Stillen aufgefallen war, dass das rechte Auge synchron zum Saugen auf- und zuging. Abgesehen davon und von einer deutlichen Ptosis rechts war der Allgemeinzustand des Säuglings völlig unauffällig.

Kurioserweise gab es in der Bekanntschaft dieser Familie einen 16-jährigen Jungen, der sich daraufhin ebenfalls mit einer Ptosis rechts und rhythmischen Bewegungen dieses Auges beim Kauen vorstellte. Subjektive Beschwerden bestünden nicht, so der Jugendliche. Er war in der Lage, das Phänomen abzumildern, indem er beim Kauen den Blick und den Kopf leicht nach unten richtete. Diese Anpassungsreaktion wird manchmal als scheinbare Besserung interpretiert. Das Symptom bleibt jedoch ein Leben lang bestehen.

Es könne ein- oder beidseitig auftreten, so Tibussek. Ausgelöst wird es, weil der motorische Anteil des Nervus trigeminus (V. Hirnnerv), der den Musculus pterygoideus lateralis innerviert, fälschlicherweise den Lidheber versorgt - normalerweise ist dafür der N. oculomotorius zuständig (III. Hirnnerv).

Wegen der Fehlinnervation öffnet sich das Auge beim Öffnen des Mundes oder bei Verschiebung des Unterkiefers zur Gegenseite. Differenzialdiagnostisch empfehlen die Düsseldorfer Pädiater, ein vorangegangenes Trauma auszuschließen, weil nach Verletzungen des N. oculomotorius eine anomale Regeneration möglich ist.

Einer spezifischen Behandlung bedarf das Marcus-Gunn-Phänomen nicht, allerdings kann bei verstärkter Ptosis aus ophthalmologischen Gründen eine Operation erforderlich werden. Zudem sollte regelmäßig der Augenarzt aufgesucht werden, weil in über der Hälfte der Fälle Sehschwäche, Anisometropien (ungleiche Lichtbrechung beider Augen) und Strabismus beschrieben sind.

*Robert Marcus Gunn - englischer Augenarzt,1850-1909

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Es kommt Schwung in die Entwicklung neuer Psychopharmaka

Bald könnte es einen Schub für die Entwicklung neuer Psychopharmaka geben. Denn Forscher finden immer mehr über die Entstehung psychischer Erkrankungen heraus. mehr »

Spielt Krebs eine Rolle beim plötzlichen Kindstod?

Ein plötzlicher Kindstod bei einer unbekannten neoplastischen Erkrankung ist selten, aber kommt vor. Das ist das Ergebnis einer britischen Studie. mehr »

Patienten sollen Verdacht auf Nebenwirkung melden

Alle europäischen Arzneimittelbehörden fordern in einer gemeinsamen Kampagne Patienten auf, ihnen verstärkt Verdachtsfälle von Nebenwirkungen zu melden. mehr »