Ärzte Zeitung, 05.10.2005

Wirkstoffe aus Insekten lassen sich bisher nur sehr schwer anreichern

Forscher erhoffen sich Fortschritte durch Gentechnik

Bevor vielversprechende Wirkstoffe aus Insekten für Arzneimittel umgewandelt werden können, müssen sie zunächst in ausreichender Menge gewonnen werden. Die Gentechnik soll dabei helfen.

"Die Anreicherung der Stoffe ist derzeit noch sehr aufwendig und geschieht vor allem durch Züchtungen", sagte Hajo Schiewe vom Unternehmen AnalytiCon Discovery in Potsdam. Das Unternehmen untersucht für verschiedenen Pharma-Unternehmen bis zu 8000 Naturstoffe pro Jahr auf ihr medizinisches Potential.

Das Problem mit der schwierigen Anreicherung ist ein Grund dafür, daß von 65 bis 80 Naturstoffen pro Jahr, die das Unternehmen für weitere Forschungen auswählt, bisher nur einer von einem Insekt stammt.

Diese Probleme versucht derzeit die Grundlagenforschung mit Hilfe der Gentechnik zu lösen: Die Genome für die Synthese der gefragten Substanzen werden entschlüsselt, so daß anschließend im Labor große Mengen des Wirkstoffs gewonnen werden können. Für die Nutzbarmachung von Pederin etwa werden derzeit am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena Teile des Genoms des nicht kultivierbaren Bakteriums isoliert, das im Blut des Kurzflügelkäfers das Pederin ausschüttet.

Anschließend sollen die Gene dieser Bakterien auf andere Bakterien übertragen werden, die sich leicht züchten lassen. Wird auf diese Weise der Antitumor-Wirkstoff in ausreichender Menge gewonnen, sind erste klinische Tests nicht mehr weit. Bei dem Blutgerinnungshemmer Hirudin ist die gentechnische Produktion großer Mengen schon gelungen: Der aus Blutegeln gewonnene Wirkstoff, durch den der Egel die Blutgerinnung im Wirtsorganismus verhindert, wird bekanntlich vor allem zur Behandlung von Venenentzündungen und Thrombosen genutzt.

Bringt die oft jahrelange Grundlagenforschung der Entomologen und Chemischen Ökologen Ergebnisse, sind die Chemie- und Pharmaunternehmen sofort zur Stelle, um den entdeckten Wirkstoff pharmakologisch weiterzuentwickeln. Dies findet dann in der Regel hinter verschlossenen Türen statt. "Wissenschaftliche Arbeiten über solche Wirkstoffe werden oft nicht publiziert, oder es liegen nur Patentschriften vor", so Professor Konrad Dettner aus Bayreuth.

Den Grundlagenforschern bleibt die Aufgabe, nach weiteren Wirkstoffen in anderen Insektenarten zu suchen - oder in medizinischen Lehrbüchern nach alten Rezepturen zu suchen. In der Antike gewannen Menschen etwa ein Potenzmittel aus einem Extrakt der Spanischen Fliege, das Cantharidin. Es soll zudem als Gifttrunk verwendet worden sein. Inzwischen ist auch erforscht, daß Abkömmlinge aus Cantharidin gegen Krebszellen wirken. (nie)

Lesen Sie dazu auch:
Insekten als Fundus für neue Medikamente

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Was schützt wirklich vor der prallen Sonne?

Auch beim Sonnenschutz setzen immer mehr Menschen auf Naturprodukte. Forscher haben die Schutzwirkung von Samen und Ölen untersucht - mit zwiegespaltenem Ergebnis. mehr »

"Abwarten und Teetrinken geht nicht mehr"

Unser London-Korrespondent Arndt Striegler beobachtet die Brexit-Verhandlungen hautnah - und ist verwundert über die May-Regierung, während die Ärzte immer mehr in Panik verfallen. mehr »

Pflege bleibt Problembereich

Der Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen ist 2016 drastisch zurückgegangen. Die erweiterten Kontrolloptionen der Leistungsträger müssen aber erst noch Wirkung zeigen. mehr »