Ernährung, 06.11.2008

Individuelles Vorgehen führt zu Erfolgen bei der Therapie

Nicht jeder Mensch mit Adipositas ist ein kranker Mensch. Ein solcher Satz aus dem Munde eines Stoffwechsel-Experten erstaunt zunächst. Doch weist er darauf hin, dass die Übergewichts-Problematik in Deutschland und anderswo nicht mit Pauschalurteilen - "Willensschwäche" - und Pauschalrezepten gelöst werden kann.

Von Thomas Meißner

Trotz zahlreicher Diätversuche können viele Adipöse ihr Gewicht nicht langfristig reduzieren. Einfache Empfehlungen sind notwendig.

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Wenn ich ein Medikament verordne, rezeptiere ich ja auch nicht bei jedem zweimal eine Tablette", sagt Professor Andreas Fritsche vom Stoffwechsel-Team der Universitätsklinik Tübingen. Das Gleiche gelte für die Lebensstilintervention bei Übergewicht, meint Fritsche. Man müsse zu individuell geeigneten Lösungen kommen.

Zudem dürfe man einem Patienten mit Gewichtsproblemen nicht persönlich Schuld zuweisen nach dem Motto: Reiß dich zusammen und nimm endlich ab! "Es ist nicht die Schuld des Einzelnen", betont der Tübinger Experte. Es handele sich bei Übergewicht meist um einen Komplex genetischer Ursachen, von Umwelt- und sozioökonomischen Faktoren.

Das Risiko anhand von Laborwerten ermitteln

Wer aber sind nun diejenigen Menschen, die man in der Praxis als gefährdet identifizieren muss, wenn allein das Gewicht und der Body Mass Index (BMI) dies nicht anzeigen? Wichtig ist zunächst die Art der Fettverteilung. Risikopersonen haben einen vergrößerter Bauchumfang bei zugleich wenig Fett an Oberschenkeln und am Gesäß. Das subkutane Fett ist im Unterschied zum viszeralen Fett ungefährlich, scheint sogar eine schützende Funktion zu haben, wenn man es an bestimmten Regionen findet. Besonders gefährdet sind zudem Menschen mit niedrigem Sozialstatus.

Weiter helfen bei der Risikobestimmung einfache Laborwerte: die Blutfette, die Blutzuckerspiegel im Zeitverlauf, Harnsäure und die Leberenzyme, die eine verstärkte Leberverfettung anzeigen. Wer genauer hinschauen möchte, misst Hormone wie das Adiponektin, das in gewissem Grade mit koronaren Gefährdungen korreliert, oder prüft, ob das Nüchtern-Insulin erhöht ist, welches die Insulinresistenz der Gewebe anzeigt.

"Ein Hormon, das wir in Tübingen untersucht haben, ist das Fetoin, ein Eiweiß, das ausschließlich in der Leber gebildet wird und zwar verstärkt dann, wenn die Leber im Rahmen eines metabolischen Syndroms verfettet ist", erläutert Fritsche. Menschen mit erhöhten Fetoin-Spiegeln haben ein vergrößertes Diabetes- und Schlaganfallrisiko, wie die Tübinger Arbeitsgruppe festgestellt hat.

Gefährdet sind also nicht nur Menschen mit vermehrt viszeralem Fett. Umgekehrt kann der Taillenumfang sogar normal sein und dennoch besteht ein erhöhtes Risiko für Folgeerkrankungen des Herzkreislaufsystems oder für Typ-2-Diabetes. Nämlich dann wenn mindestens drei der folgenden fünf Komponenten des metabolischen Syndroms erfüllt sind:

  • Blutdruck über 130/85 mmHg
  • erhöhter Nüchternblutzucker über 110 mg/dl (6,1 mmol/l)
  • Triglyzerid-Werte über 150 mg/dl (1,7 mmol/l)
  • HDL-Werte unter 40 mg/dl (1,0 mmol/l) bei Frauen und unter 50 mg/dl (1,3 mmol/l) bei Männern
  • Taillenumfang von mehr als 88 cm bei Frauen und mehr als 102 cm bei Männern

Häufig werden in Deutschland nur einzelne dieser Komponenten ermittelt, etwa ein erhöhter Blutdruck oder Blutzucker, und diese nicht im Kontext mit den anderen Faktoren gesehen, kritisieren Spezialisten.

Konkrete und individualisierte Empfehlungen geben

So wie sich die Gefährdung des Organismus nicht allein anhand des Körpergewichts ermitteln lässt, ist das Ausmaß des Gewichtsverlusts nicht der Maßstab für den therapeutischen Erfolg. "Zehn Kilo abnehmen ist gut, 15 Kilo sind besser - von solchen Ansichten müssen wir wegkommen!", fordert Fritsche und plädiert für "qualifiziertes Abnehmen". Denn von 20 Kilogramm weniger mit Hungern und Stress werde man nicht gesünder. "Man muss die schlechten Fettdepots ab- und möglichst etwas Muskelmasse aufbauen", sagt er. Qualifiziert abnehmen heißt auch, dass sich die Blutparameter verbessern.

Natürlich muss dafür die Menge der täglich zugeführten Kilokalorien reduziert werden. Aber nicht mit irgendeiner Diät. Es gebe durchaus Menschen, die von der fettreichen Atkins-Diät profitieren, für andere sei sie gefährlich, schildert Fritsche die Extreme. Der Eine reagiere auf vermehrte Ballaststoffzufuhr, der andere nicht - diesen brauche man dann auch nicht mit Vollkornbrötchen zu quälen, Franzosen äßen schließlich auch keine. Generelle Empfehlungen, sich bitte mediterran zu ernähren oder wie die Japaner zu essen, sind ebenfalls wenig hilfreich.

Bewegung in den Tagesablauf integrieren

"Keine Null-Acht-Fünfzehn-Diät überbraten, sondern Vorlieben berücksichtigen, einen individuellen Plan erarbeiten und einzelne Nahrungsmittel punktuell austauschen", lautet das Konzept von Fritsche. Dafür braucht es eine Ernährungsberaterin, die mit dem Patienten Punkt für Punkt die Ernährung analysiert und ihn entsprechend berät. Der zweite therapeutische Kernansatz ist Bewegung. Täglich sollten mindestens 30 Minuten in den Alltag integriert werden, beim Spazierengehen, auf dem Weg zur Arbeit, beim Treppensteigen oder Einkaufen mit dem Fahrrad.

Fritsche: "Es reicht nicht, einmal die Woche ins Fitnessstudio zu gehen, sondern die angeregten Mitochondrien in den Muskelzellen müssen jeden Tag Energie verbrennen. Nur wenn das System dauerhaft aktiviert ist, hat die körperliche Aktivität einen Effekt."

Medikamente wie Sibutramin oder Orlistat, die das Abnehmen unterstützen, sind seiner Ansicht nach dann angezeigt, wenn abgesehen vom metabolischen Syndrom bereits Leberveränderungen, Fettstoffwechselstörungen, eine gestörte Glukosetoleranz oder ein manifester Diabetes mellitus bestehen. Chirurgische Maßnahmen sind ab einem BMI von 40 kg/m2 überlegenswert. Denn diese Patienten müssten oft mehr als 50 Kilogramm abspecken, um auch nur in die Nähe ihres Normalgewichts zu kommen. Sie sind oft unmittelbar vital bedroht, weshalb dafür keine Zeit bleibt.

AUF EINEN BLICK

Wie übergewichtig sind die Deutschen?

Laut der Gesundheitsberichterstattung des Bundes waren 2006 in Deutschland 53 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen übergewichtig (BMI 25 bis ,30 kg/m2); jeweils 23 Prozent waren adipös (BMI >&eq;30 kg/m2).

Nach den in diesem Jahr veröffentlichten Ergebnissen der NVS II sind hingegen 45,5 Prozent der Männer und 29,5 Prozent der Frauen übergewichtig, adipös ist jeder fünfte.

Für Heranwachsende liefert der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey aktuelle Zahlen: 15 Prozent aller 3- bis 17-Jährigen haben Übergewicht (BMI . 90. Perz.), sechs Prozent der Heranwachsenden sind adipös (BMI . 97. Perz.).

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