Ärzte Zeitung online, 06.08.2013

Adipositas

Genmutation fördert appetitsteigerndes Hormon im Gehirn

Homozygote Träger einer Mutation des Adipositas-Gens FTO weisen eine Steigerung des "Hungerhormons" Ghrelin auf. Das erhöht die Aufnahme kalorienreicher Nahrung.

BOCHUM. Bei homozygotem Auftreten einer Mutation des FTO-Adipositas-Risikogens ist das appetitsteigernde "Hungerhormon" Ghrelin im Gehirn erhöht und die Nahrungsaufnahme wird unter Bevorzugung von kalorienreichen Speisen gesteigert.

Dies publizierten Efthimia Karra und weitere Mitarbeiter aus dem Team von Rachel Batterham in London zusammen mit Wissenschaftlern aus Köln und Düsseldorf, darunter auch Jens C. Brüning, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, kürzlich online im "Journal of Clinical Investigation" (J Clin Invest 2013; online 15. Juli).

"Hungerhormon" fällt bei Genträgern nach Essen nicht wieder ab

In Assoziationsstudien hatte man zuvor gefunden, dass eine Punktmutation im FTO-Gen rs9939609 ein wichtiger Risikomarker für Adipositas ist, teilt die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) mit. In Mitteleuropa ist einer von sieben Menschen für diese FTO-Mutation homozygot.

Diese sind zu etwa 70 % häufiger fettleibig als Menschen ohne die Mutation.

Die neue Arbeit untersuchte die pathophysiologischen Mechanismen dafür: Homozygote Träger der FTO-Mutation weisen höhere Plasmaspiegel an Ghrelin auf. Dieses in der Magenschleimhaut gebildete "Hungerhormon" fällt normalerweise nach dem Essen wieder ab, so aber nicht bei den Trägern des mutierten Gens.

Diese verspüren nach einer Mahlzeit rasch wieder Hunger. Funktionelle kernspintomographische (MRI-) Bilder des Gehirns demonstrierten, dass homozygote Genträger in Abhängigkeit vom Ghrelinspiegel im Appetitzentrum und im Belohnungszentrum des Gehirns unterschiedlich zu normalen Menschen reagieren.

Genetik hat großen Einfluss auf Fettsucht

FTO-Gen-Mutationen können keinesfalls die heutige Adipositas-Epidemie in vielen Teilen der Welt erklären, so die DGE. Man erkennt aber aus diesen Befunden, welch großen Einfluss die Genetik auf die Fettsucht hat.

Freilich kommt, wie bei vielen Erkrankungen, zur genetisch-endogenen die exogene Ursache dazu: Nahrungsüberschusses und Bewegungsmangel. Ein Body Mass Index über 30 kg/m2 wurde übrigens erst kürzlich von der American Medical Association zu einer Krankheit erklärt.

Im DGE-Blog vom 16. Juni 2013 wurde mitgeteilt, dass GPR83, bisher als "orphan receptor" im Gehirn angesehen, bei der Appetitsteigerung durch Ghrelin mitwirkt.

Es wurde diskutiert, dass eine Hemmung dieses Rezeptors ein pharmakologischer Ansatz für Medikamente zur Gewichtsregulation sein könnte. Es wären auch andere Mechanismen einer Ghrelin-Antagonisierung zur Reduktion des Hungergefühls denkbar. (eb)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Verändern schon wenige Joints das Gehirn?

Bei Jugendlichen, die nur ein bis zwei Mal Cannabis geraucht haben, sind Hirnveränderungen entdeckt worden. Diese könnten eine Angststörung oder Sucht begünstigen. mehr »

Bessere TSVG-Regelungen in Sicht?

Die großen Brocken wie die Aufstockung der Mindestsprechstundenzahl will Gesundheitsminister Jens Spahn nicht anfassen. Eine Nummer kleiner können die Ärzte aber wohl mit Änderungen am TSVG rechnen. mehr »

Daran starb Karl der Große

Karl der Große führte Kriege quer über den Kontinent. Sein großes Reich erstreckte sich von der Elbe bis Spanien. Am Ende könnte eine Lungenentzündung den mächtigsten Mann des Mittelalters niedergestreckt haben, mehr »