Ärzte Zeitung, 10.09.2015

Adipositas

Mikrobiom und Genetik im Fokus

Bei Stoffwechselkranken sollte noch mehr auf individualisierte Therapieansätze gesetzt werden, appellieren Forscher.

NEUHERBERG. Auf der Suche nach Ursachen für Stoffwechselkrankheiten wie Adipositas und Diabetes hat ein Team aus Forschern des Helmholtz Zentrums München und US-Kollegen ein ganzes Netzwerk an Einflussfaktoren aufgedeckt. Außer Ernährung, Umwelt und Genetik ist auch die Zusammensetzung der Darmkeime wichtig (Cell Metabolism 2015; 3, 516-30).

"Unsere Ergebnisse bestätigen, dass das Darm-Mikrobiom sehr leicht durch die Nahrung und Umgebung beeinflusst werden kann", wird Erstautor Dr. Siegfried Ussar vom Institut für Diabetes und Adipositas in einer Mitteilung des Helmholtz Zentrum München zitiert.

"Die Auswirkungen dieser Veränderungen auf den Organismus hängen jedoch stark von den genetischen Voraussetzungen des Einzelnen ab."

Die Autoren schlussfolgern aus den komplexen Zusammenhängen, dass bei Stoffwechselerkrankungen in Zukunft noch mehr auf individualisierte Therapieansätze gesetzt werden sollte, um den besten therapeutischen Erfolg zu erzielen.

Nach Angaben der Forscher haben ihre Ergebnisse auch Auswirkungen auf aktuelle Projekte, die darauf abzielen, Adipositas durch den Transfer von Darm-Bakterien zu begegnen.

Vorhergehende Arbeiten hätten bereits ergeben, dass das Darm-Mikrobiom sich bei schlanken und adipösen Personen unterscheidet, heißt es in der Mitteilung.

Experimente mit drei unterschiedlichen Tiermodellen

Dementsprechend liefen aktuell Studien, um zu klären, ob sich ein Transfer bestimmter Darm-Bakterien positiv auf metabolische Krankheiten auswirkt.

"Unsere Erkenntnisse legen nahe, dabei den Fokus stärker auf den individuellen genetischen Hintergrund des Empfängers zu richten", blickt Ussar voraus.

Für die Experimente wurden drei unterschiedliche Tiermodelle aus unterschiedlicher Haltung und mit unterschiedlich genetisch vorprogrammierten Stoffwechsel-Eigenschaften, etwa Adipositas, genutzt.

Diese Exemplare wurden mit solchen verglichen, die über mehrere Generationen im Joslin Diabetes Center von Professor C. Ronald Kahn im US-amerikanischen Boston gehalten wurden.

"Interessanter Weise führte veränderte Nahrung und Umgebung bei einer bestimmten genetischen Ausgangslage zu einem Rückgang des Übergewichts", so Ussarin der Mitteilung. "Ist der genetische Hintergrund allerdings ein anderer, spielt die neue Umgebung keine Rolle mehr."

Zwei Erkenntnisse stellen die Autoren besonders heraus: "Zum einen liefert die Studie neue Hinweise für die Auswertbarkeit und Übertragbarkeit von in vivo Versuchen zwischen Laboren", so Erstautor Ussar.

"Darüber hinaus können wir aus den Untersuchungen mit Tiermodellen auch erste Rückschlüsse auf die Anwendbarkeit beim Menschen ziehen." (eb)

[10.09.2015, 11:16:51]
Dr. Karl-Otmar Stenger 
Unterschied Labortier / Mensch
Die Versuche an Labortieren kranken, wenn es um das Thema Adipositas geht, häufig daran, dass es in diesem Zusammenhang einen entscheidenden Unterschied zum Menschen gibt: Seit dem Miozän fehlt den höheren Primaten die Urikase. Diesen Unterschied kann man durch Hemmung der Urikase beim Labortier mittels Oxonischer Säure ausgleichen, was aber vielfach nicht geschieht. Also ist Vorsicht geboten bei voreiligen Aussagen, die auf Grundlagenforschung beruhen. zum Beitrag »

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