Ärzte Zeitung online, 18.09.2018

Adipositas bei Kindern

Ärzte gehen auf Gegenkurs zu Schokoriegel und Cola

Kinder- und Jugendärzte sind alarmiert: Krankhaftes Übergewicht wird zunehmend zu einem sozialen Problem. Sie setzen ihre eigene Agenda im Kampf gegen Adipositas bei Kindern und Jugendlichen auf - und gehen auf Distanz zur Ernährungsindustrie.

Von Anno Fricke

Neue Konzepte gegen Adipositas gefordert

Mehr Bewegung und vor allem eine gesunde Ernährung soll Kindern eine Zukunft ohne zu viele Pfunde ermöglichen.

© Waltraud Grubitzsch / dpa

BERLIN. In welche Familie ein Kind hineingeboren wird, entscheidet wesentlich über sein persönliches Gesundheitsrisiko: Das für Adipositas liegt mehr als viermal höher, wenn die Familie sozioökonomisch schlecht gestellt ist.

Diesen Zusammenhang hat kürzlich der von der DAK vorgelegte Kinder- und Jugendreport offengelegt. Zentraler Risikofaktor war danach der Bildungsstatus der Eltern neben deren beruflicher Stellung und dem Haushaltseinkommen.

"Wir dürfen diese Kinder keinesfalls zurücklassen, sondern müssen stärkere Anstrengungen unternehmen, um allen Kindern einen guten Start in ihre Zukunft zu ermöglichen, fordert Dr. Thomas Fischbach. Der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte hat gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und der Deutschen Adipositas Gesellschaft am Dienstag zu einer Pressekonferenz nach Berlin eingeladen.

Dort riefen die Medizinischen Verbände die Politik auf, die Misere der bisherigen Präventionspolitik zu erkennen und aktiv zu werden. "Wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun", so das gemeinsame Credo.

Besseres Schulessen auf Forderungsliste

Die drei Organisationen stellen vier Forderungen an die Politik:

  • Mindeststandards für Kita- und Schulessen: Zuckerhaltige Getränke sollten dort wie in Belgien und Frankreich verboten werden. Stattdessen soll Wasser ausgeschenkt werden.
  • Kennzeichnung von Lebensmitteln: Die Verbände plädieren für den in Frankreich eingeführten Nutriscore. Er kennzeichnet Lebensmittel vor allem aufgrund des Gehaltes an Zucker, gesättigtem Fett und Salz mittels eines einfachen Buchstaben- und Farbcodes. Bis zur Umsetzung in Deutschland könne es auch die App "Open Food Facts" tun. Damit ließen sich in Supermärkten Barcodes auf Verpackungen scannen lassen und darüber die Nutriscore-Daten abrufen.
  • Werbekontrolle: Die Fachverbände fordern eine konsequente Beschränkung der an Kinder gerichteten Lebensmittelwerbung. Ihr Einfluss auf ungesundes Ernährungsverhalten von Kindern sei wissenschaftlich belegt.
  • Zuckersteuer: Eine Besteuerung zuckerhaltiger Limonaden und Tees könne die Getränkeauswahl positiv beeinflussen. Dies sei wichtig, weil süße Getränke in der Schule die Präferenzen für Süßes ins Erwachsenenalter transportierten, sagte Dr. Susanna Wiegand, Vizepräsidentin der Deutschen Adipositasgesellschaft.

Teure Adipositas in der Jugend

Adipositas in der Jugend verändere die Lebensperspektive der Betroffenen, warnte Professorin Ingeborg-Krägeloh, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

Die Lebenserwartung könne sich um zwischen zehn und zwanzig Jahren verringern. Wer als Jugendlicher übergewichtig sei, werde dies im Erwachsenenalter meist auch bleiben.

Für die Gesellschaft ist das auch ökonomisch eine schwere Last. Allein die Gesundheitskosten für die heute in Deutschland übergewichtigen Kinder und Jugendlichen beliefen sich auf 1,8 Milliarden Euro im Jahr, sagte Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der DGKJ-Ernährungskommission über die zu erwartende Lebenszeit der heute übergewichtigen Minderjährigen.

So müssten 393 Milliarden Euro an mit der Fettleibigkeit zusammenhängenden Kosten eingeplant werden, Verzinsung und Inflation mit 145 Milliarden eingerechnet.

Die Verbände fordern außerdem einen Ausbau der Verhältnisprävention. Grund: Armut, soziale Ausgrenzung und Bildungsferne begünstigten starke Gewichtszunahme.

Auf Distanz zur Ernährungsindustrie

Die Verbände kündigten an, die „Plattform Ernährung und Bewegung“ zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu verlassen.

BVKJ-Präsident Fischbach begründete den Schritt damit, dass die Industrie-Mitglieder der Plattform das Thema Ernährung eher stiefmütterlich behandelten und die notwendige Diskussion über Maßnahmen zum Schutz der Kinder vor ungesunden Lebensmitteln blockierten.

Ein Vertreter der Plattform bestritt die Vorwürfe. Die Balance der Themen sei immer gewährleistet. Es gebe eine Verzerrung der Wahrnehmung.

Zuvor hatte bereits die Deutsche Gesellschaft für Ernährung die Plattform verlassen. Ihr gehören unter anderen Bundes- und Landesministerien, Krankenkassen, und Ärzteverbände an.

Von der Industrie sind zum Beispiel Coca-Cola, Ferrero und Danone vertreten. Auch die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker ist Mitglied.

Der Verein ist für seine intensive Lobbyarbeit für das Produkt Zucker – "Zucker macht nicht dick" – auch unter Abgeordneten des Bundestags bekannt. (Mitarbeit: run)

Wir haben den Beitrag aktualisiert am 18.9.2018 um 15:21 Uhr.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Desillusionierte Verbände

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[19.09.2018, 09:06:28]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Kaffee/Tee/Kakao mit Zucker?
Lieber Kollege Dr. med. Thomas Fischbach, Kinderarzt und Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, es ist löblich, dass Sie schwarzen Kaffee ohne Zucker trinken, weil Sie auf "Ihre Linie achten müssen".

Doch wenn viele Menschen Kaffee oder Tee in Maßen zuckern bzw. mit Milch versetzen oder Kakao trinken, führt das u.a. auch zu Milchzucker-Aufnahme. Sind wir alle damit etwa schlechte Vorbilder für Kinder?

Ich persönlich meine, Nein!
Auch wenn viele akademische gebildete Öko-Aktivisten und FoodWatch-Funktionäre mit überwiegend pädagogischen Biografien demnächst Kinder zum Verzicht auf Kakao-Trinken mit Zucker (sie nennen das „Zuckermilch“) nötigen wollen: Diese sollten doch bitte zur Kenntnis nehmen, wenn man/frau als Erwachsene jeden Abend einen Wein wegschlotzt, wird der Alkohol durch die Dehydrogenase der Leber direkt in Glucose umgewandelt.

Etwa 50 Prozent aller Kinder in der Primarstufe ohne Frühstück in die Schule geschickt werden. Die brauchen dringend in der 1. Pause Kohlenhydrate, Eiweiß und Fett, wobei schnell verwertbare Kohlenhydrate wie Zucker in adäquaten Mengen durch Kakao in idealer Weise auch den Gehirn-Stoffwechsel erreichen, anregen und stabilisieren.

Mit einer Zuckersteuer adäquat schmackhaft zubereitete, gesunde Speisen künstlich zu verteuern und für niedrige Einkommensschichten unbezahlbar zu mache, ist m. E. unverantwortlich und diskriminierend. Deshalb lastet auf Lebensmitteln auch nur der halbe Mehrwertsteuer-Satz.

Apodiktisch: "Die Abgabe zuckerhaltiger Getränke in Kita und Schulen soll unterbunden werden" zu fordern, ohne die reale Ernährungssituation von Kindern zu analysieren, ist populistisch und fahrlässig zugleich.

"Eine Zuckersteuer" zu fordern, ist ebenfalls kontraproduktiv. Dafür würde eine "Lebensmittelampel" völlig ausreichen. Und Ernährungs-, Gesundheits- und Krankheits-Informationen dazu.

Im Etat des Bundesgesundheitsministeriums stehen bei 81 Millionen Einwohnern insgesamt exakt nur 2,6 Cents pro Tag bzw. 9,50 € pro Einwohner und Jahr zur Verfügung.
https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/finanzen_steuern/article/971694/bmg-haushalt-jens-spahn-versprechen-drei-gesetze.html#comment

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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