Wie viel ist zu viel?

Zuckerlobby macht Diabetologen sauer

"Zucker macht nicht dick" - mit solchen Sätzen in einem Rundschreiben an Abgeordnete des Gesundheitsausschusses sorgt die Zuckerlobby derzeit für viel Wirbel. Das bringt Diabetologen auf die Palme.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Müsliriegel klingt gesund. Zucker ist trotzdem drin.

Müsliriegel klingt gesund. Zucker ist trotzdem drin.

© Frofoto / fotolia.com

BERLIN. In der Zuckerindustrie herrscht Unruhe: Das Präventionsgesetz ist beschlossen, die damit aufgelegte Nationale Präventionsstrategie dürfte laut einem Beschluss des Bundestags ein Werbeverbot für Süßigkeiten und Softdrinks an Kitas und Grundschulen nach sich ziehen, und nun hat sich die große Koalition auf Drängen der SPD ganz aktuell auch noch ausdrücklich auf eine Nationale Strategie zur Verringerung von Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten geeinigt.

Zwei Millionen Euro soll der Bundestag in dieser Woche für die Entwicklung gesünderer Rezepturen bereit stellen.

Vielleicht waren es diese Nachrichten, die die Zuckerlobby veranlasst haben, allen Mitgliedern des Gesundheitsausschusses des Bundestags per Mail einen Infodienst zukommen zu lassen. Darin finden sich verstörende Sätze: "Zucker macht nicht dick", heißt es da zum Beispiel.

Energiebilanz ist entscheidend

Für Übergewicht und damit eine erhöhte Gefahr von Diabetes Typ 2 sei nicht eine einzelne Zutat, sondern die Energiebilanz eines Menschen entscheidend.

Zum Beleg führen die Autoren eine Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) an und kommen zu dem Schluss: Auf Zucker muss man nicht verzichten, um einer Diabetes-Erkrankung vorzubeugen.

Das brachte die Diabetologen auf die Palme. Die Argumentation der Zuckerverbände sei unseriös, weil sie entscheidende Zusammenhänge bewusst ausspare, schrieb DDG-Präsident Professor Baptist Gallwitz daraufhin seinerseits an die Abgeordneten.

Eine Ernährung mit hochkalorischen Produkten führe zu Übergewicht, was wiederum Diabetes und viele andere Krankheiten auslösen könne. Insoweit sei der weltweit viel zu hohe Zuckerverbrauch schädlich und müsse zurückgeführt werden, so Gallwitz.

Und DDG-Geschäftsführer Dr. Dietrich Garlichs ergänzte, dass die Zuckerlobby die Politiker auf diese Zusammenhänge hätte hinweisen müssen, wenn es ihr um seriöse Information gegangen wäre.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfehle Erwachsenen nicht mehr als 50 Gramm Zucker am Tag zu sich zu nehmen.

Dann liege man ja gar nicht so weit auseinander, reagierte darauf wiederum der Wirtschaftsverband in einer Pressemeldung. Warum die Fachgesellschaft die Argumentation der Zuckerwirtschaft als unseriös bezeichne, sei nicht nachzuvollziehen, wo man sich doch in der Sache eigentlich einig sei, schrieb der Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker, Günter Tissen.

Kritik aus dem Bundestag

Schließlich sehe ja auch Gallwitz das Übergewicht als Auslöser von Diabetes an und wende gegen einen "maßvollen Konsum von Zucker" nichts ein.

Bei den Adressaten im Bundestag wurde die Aktion der Zuckerlobby kritisch kommentiert. Es sei unseriös, wenn mit falschen Darstellungen versucht werde, Abgeordnete zu beeinflussen, sagte die Grünen-Politikerin Nicole Maisch der "Ärzte Zeitung".

"Man merkt deutlich, dass die Zuckerindustrie nervös wird, weil selbst multinationale Nahrungsmittelhersteller sich schon für eine Zuckerreduktion in ihren Produkten ausgesprochen haben", sagte Maisch, die für die Grünen im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft sitzt, wo das Schreiben der Lobby ebenfalls angekommen war.

Gemeint sind etwa Mars Deutschland und Nestlé, die bereits signalisiert hätten, dass sie die WHO-Vorgaben grundsätzlich für richtig hielten.

Ernährungsverbote und Sportzwang seien abzulehnen, kommentierte Birgit Wöllert, für die Linke im Gesundheitsausschuss, den Vorgang. Die Ursachen von Diabetes und erst recht von Übergewicht seien dafür zu komplex. Die Linke sei für eine verbraucherfreundliche Kennzeichnung, um informierte Entscheidungen zu ermöglichen, sagte Wöllert dieser Zeitung.

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