Adipositas bei Kindern

Ärzte gehen auf Gegenkurs zu Schokoriegel und Cola

Kinder- und Jugendärzte sind alarmiert: Krankhaftes Übergewicht wird zunehmend zu einem sozialen Problem. Sie setzen ihre eigene Agenda im Kampf gegen Adipositas bei Kindern und Jugendlichen auf - und gehen auf Distanz zur Ernährungsindustrie.

Anno FrickeVon Anno Fricke Veröffentlicht:
Mehr Bewegung und vor allem eine gesunde Ernährung soll Kindern eine Zukunft ohne zu viele Pfunde ermöglichen.

Mehr Bewegung und vor allem eine gesunde Ernährung soll Kindern eine Zukunft ohne zu viele Pfunde ermöglichen.

© Waltraud Grubitzsch / dpa

BERLIN. In welche Familie ein Kind hineingeboren wird, entscheidet wesentlich über sein persönliches Gesundheitsrisiko: Das für Adipositas liegt mehr als viermal höher, wenn die Familie sozioökonomisch schlecht gestellt ist.

Diesen Zusammenhang hat kürzlich der von der DAK vorgelegte Kinder- und Jugendreport offengelegt. Zentraler Risikofaktor war danach der Bildungsstatus der Eltern neben deren beruflicher Stellung und dem Haushaltseinkommen.

"Wir dürfen diese Kinder keinesfalls zurücklassen, sondern müssen stärkere Anstrengungen unternehmen, um allen Kindern einen guten Start in ihre Zukunft zu ermöglichen, fordert Dr. Thomas Fischbach. Der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte hat gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und der Deutschen Adipositas Gesellschaft am Dienstag zu einer Pressekonferenz nach Berlin eingeladen.

Dort riefen die Medizinischen Verbände die Politik auf, die Misere der bisherigen Präventionspolitik zu erkennen und aktiv zu werden. "Wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun", so das gemeinsame Credo.

Besseres Schulessen auf Forderungsliste

Die drei Organisationen stellen vier Forderungen an die Politik:

  • Mindeststandards für Kita- und Schulessen: Zuckerhaltige Getränke sollten dort wie in Belgien und Frankreich verboten werden. Stattdessen soll Wasser ausgeschenkt werden.
  • Kennzeichnung von Lebensmitteln: Die Verbände plädieren für den in Frankreich eingeführten Nutriscore. Er kennzeichnet Lebensmittel vor allem aufgrund des Gehaltes an Zucker, gesättigtem Fett und Salz mittels eines einfachen Buchstaben- und Farbcodes. Bis zur Umsetzung in Deutschland könne es auch die App "Open Food Facts" tun. Damit ließen sich in Supermärkten Barcodes auf Verpackungen scannen lassen und darüber die Nutriscore-Daten abrufen.
  • Werbekontrolle: Die Fachverbände fordern eine konsequente Beschränkung der an Kinder gerichteten Lebensmittelwerbung. Ihr Einfluss auf ungesundes Ernährungsverhalten von Kindern sei wissenschaftlich belegt.
  • Zuckersteuer: Eine Besteuerung zuckerhaltiger Limonaden und Tees könne die Getränkeauswahl positiv beeinflussen. Dies sei wichtig, weil süße Getränke in der Schule die Präferenzen für Süßes ins Erwachsenenalter transportierten, sagte Dr. Susanna Wiegand, Vizepräsidentin der Deutschen Adipositasgesellschaft.

Teure Adipositas in der Jugend

Adipositas in der Jugend verändere die Lebensperspektive der Betroffenen, warnte Professorin Ingeborg-Krägeloh, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

Die Lebenserwartung könne sich um zwischen zehn und zwanzig Jahren verringern. Wer als Jugendlicher übergewichtig sei, werde dies im Erwachsenenalter meist auch bleiben.

Für die Gesellschaft ist das auch ökonomisch eine schwere Last. Allein die Gesundheitskosten für die heute in Deutschland übergewichtigen Kinder und Jugendlichen beliefen sich auf 1,8 Milliarden Euro im Jahr, sagte Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der DGKJ-Ernährungskommission über die zu erwartende Lebenszeit der heute übergewichtigen Minderjährigen.

So müssten 393 Milliarden Euro an mit der Fettleibigkeit zusammenhängenden Kosten eingeplant werden, Verzinsung und Inflation mit 145 Milliarden eingerechnet.

Die Verbände fordern außerdem einen Ausbau der Verhältnisprävention. Grund: Armut, soziale Ausgrenzung und Bildungsferne begünstigten starke Gewichtszunahme.

Auf Distanz zur Ernährungsindustrie

Die Verbände kündigten an, die „Plattform Ernährung und Bewegung“ zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu verlassen.

BVKJ-Präsident Fischbach begründete den Schritt damit, dass die Industrie-Mitglieder der Plattform das Thema Ernährung eher stiefmütterlich behandelten und die notwendige Diskussion über Maßnahmen zum Schutz der Kinder vor ungesunden Lebensmitteln blockierten.

Ein Vertreter der Plattform bestritt die Vorwürfe. Die Balance der Themen sei immer gewährleistet. Es gebe eine Verzerrung der Wahrnehmung.

Zuvor hatte bereits die Deutsche Gesellschaft für Ernährung die Plattform verlassen. Ihr gehören unter anderen Bundes- und Landesministerien, Krankenkassen, und Ärzteverbände an.

Von der Industrie sind zum Beispiel Coca-Cola, Ferrero und Danone vertreten. Auch die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker ist Mitglied.

Der Verein ist für seine intensive Lobbyarbeit für das Produkt Zucker – "Zucker macht nicht dick" – auch unter Abgeordneten des Bundestags bekannt. (Mitarbeit: run)

Wir haben den Beitrag aktualisiert am 18.9.2018 um 15:21 Uhr.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Desillusionierte Verbände

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