Ärzte Zeitung online, 22.11.2018

Ernährung

Wie der Darm mit Braunem Fett „spricht“

Wissenschaftler haben eine zusätzliche Funktion des Darmhormons Sekretin entdeckt.

MÜNCHEN. Bisher ging die Ernährungsmedizin davon aus, dass Sekretin als Botenstoff im Wesentlichen gastrointestinale Funktionen erfüllt. Wie etwa die Sekretion von Wasser und Bicarbonat aus dem Pankreas anzuregen, sobald der angesäuerte Speisebrei aus dem Magen in den Dünndarm abgegeben wird. Zusätzlich soll Sekretin über die Blutbahn als Botenstoff im Gehirn das Sättigungsgefühl fördern, erinnert die Technische Universität München (TUM) in einer Mitteilung.

In einer neuen Studie deckten Wissenschaftler mit molekularbiologischen Untersuchungen (Transkriptom-Sequenzierung) auf, dass das Gen für den Sekretin-Rezeptor auch im Braunen Fettgewebe exprimiert wird (Cell 2018; online 15. November). „Stimulierten wir diesen Rezeptor in den Braunen Fettzellen mit Sekretin, konnten wir eine unmittelbare Aktivierung der Zitterfreien Thermogenese beobachten“, wird Professor Martin Klingenspor vom Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin in der Mitteilung zitiert.

Wärmebildung als Voraussetzung für Sättigung

Zitterfreie Thermogenese ist der für Braunes Fett typische Mechanismus der Wärmebildung, der jedoch nicht nur Energie verbraucht. Die Untersuchungen legten offen, dass Zitterfreie Thermogenese auch die Voraussetzung dafür ist, dass das Sättigungsgefühl im Gehirn einsetzt.

Dabei gibt es drei mögliche Kommunikationswege vom Braunen Fett zum Gehirn:

  1. Ein Anstieg der Temperatur im Gehirn,
  2. Nervenverbindungen vom Braunen Fett zum Gehirn, oder
  3. spezielle Botenstoffe des Braunen Fetts, sogenannte BATokine.

Klingenspor betrachtet die Wärmebildung selbst als die momentan plausibelste Möglichkeit: „Die Thermogenese im Braunen Fett führt zur Erwärmung des Blutes und einem leichten Temperaturanstieg im Gehirn; dies aktiviert Neurone, die Sättigung signalisieren“, so Klingenspor.

Die bisher geltende Lehrmeinung, dass Sekretin direkt im Gehirn auf bestimmte Nervenzellen wirkt, damit zu Sättigung führt und das Hungergefühl dämpft, wird durch diese Erkenntnisse revidiert. „Braunes Fettgewebe ist sozusagen wie eine Relaisstation dazwischengeschaltet“, fasst Klingenspor das Ergebnis zusammen.

Die neu entdeckte Kommunikationskette zwischen Darm und Hirn beginne mit der Sekretinfreisetzung beim Essen, der daraus folgenden Aktivierung der Thermogenese im Braunen Fett und einer Erwärmung im Gehirn, das Sättigungsgefühl steigert, heißt es in der TUM-Mitteilung. So verbraucht die nahrungsinduzierte Thermogenese im Braunen Fett Energie und macht satt – beides wichtige Faktoren für die Therapie und Prävention der Adipositas.

Wäre Sekretin dann eine Option gegen Adipositas? „Nein“, stellt Klingenspor klar. Denn eine chronische Stimulierung des Pankreas wäre ungünstig. Er sieht allerdings eine Möglichkeit, durch bestimmte Lebensmittel die Sekretin-Produktion natürlich anzuregen, „die richtige Vorspeise könnte schneller satt machen und damit die aufgenommene Kalorienmenge reduzieren.“ Welche Nährstoffe hier in Frage kommen würden, sei Gegenstand weiterer Studien. (eb)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Vom Chefarzt zum Hausarzt-Assistenten

Selten dürfte es sein, wenn nicht einmalig: Dr. Roger Kuhn hat seinen Chefarztposten im Krankenhaus aufgegeben, um in einer Hausarztpraxis zu arbeiten – als Assistent. mehr »

Wenn die Depressions-App zweimal klingelt

Smartphone-Apps könnten helfen, eine beginnende Depression oder ein hohes Suizidrisiko aufzuspüren. Lernfähige Algorithmen könnten ein verändertes Nutzerverhalten erkennen – und notfalls Alarm schlagen. mehr »

Psychotherapeuten versus Regierung

Die Psychotherapeuten laufen Sturm gegen das Terminservice- und Versorgungsgesetz. Sie fordern gleiche Rechte für ihre Patienten. mehr »