Höhere Risiken

Mit Adipositas-Chirurgie bei Teenagern warten?

Extrem adipöse Jugendliche können von bariatrischer Chirurgie offenbar stärker profitieren als Erwachsene. Allerdings haben sie auch höhere Risiken nach dem Eingriff, berichten US-Chirurgen.

Wolfgang GeisselVon Wolfgang Geissel Veröffentlicht:
Besser schlank oder weiter adipös? Das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer bariatrischen Op bei Jugendlichen ist unklar.

Besser schlank oder weiter adipös? Das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer bariatrischen Op bei Jugendlichen ist unklar.

© pathdoc / stock.adobe.com

AURORA. Nach Adipositas-Chirurgie mit Magenbypass verlieren extrem übergewichtige Jugendliche binnen fünf Jahren ähnlich viel Gewicht wie adipöse Erwachsene, berichten US-Wissenschaftler um Dr. Thomas H. Inge vom Children‘s Hospital Colorado in Aurora. In einer Studie der Ärzte kam im Vergleich zu Erwachsenen zudem ein höherer Anteil betroffener Teenager mit begleitendem Typ-2-Diabetes in eine Remission.

Allerdings waren bei den Jugendlichen im Vergleich mehr Folge-Operationen nötig, sie hatten häufiger einen Mangel an Mikronährstoffen und zudem offenbar ein etwas höheres Risiko für Suchterkrankungen (NEJM 2019; online 16. Mai).

Für ihre Studie haben die Forscher Fünf-Jahres-Daten nach bariatrischer Chirurgie analysiert, und zwar von

  • 161 Jugendlichen (im Alter von 13 bis 19 Jahren bei dem Eingriff) und
  • 396 Erwachsenen (25 bis 50 Jahre bei Eingriff). Diese waren als 18-Jährige schon adipös gewesen (BMI >30).
  • Gewichtsreduktion: Fünf Jahre nach dem Eingriff hatten die Jugendlichen im Schnitt 26 Prozent an Gewicht verloren und damit ähnlich viel wie die Erwachsenen (–29 Prozent). Absolut ging das Gewicht bei den Jugendlichen im Schnitt von 147 kg auf 111 kg zurück bei den Erwachsenen von 148 kg auf 108 kg.
  • Diabetes-Remission: Vor dem Eingriff hatte etwa jeder siebte Jugendliche und jeder dritte Erwachsene eine Diabetes-Diagnose. Fünf Jahre nach dem Eingriff waren 86 Prozent der betroffenen Jugendlichen und 53 Prozent der betroffenen Erwachsenen in Remission, das heißt, ihre Glukosewerte lagen ohne antidiabetische Medikation im Normalbereich.

Zudem hatten im Vergleich zu Erwachsenen 50 Prozent mehr Jugendliche mit Bluthochdruck vor dem Eingriff eine Remission ihrer Hypertonie.

Mangel an Mikronährstoffen: Ein Eisenmangel fand sich fünf Jahre nach dem Eingriff bei den Jugendlichen deutlich häufiger als bei den Erwachsenen (48 vs 29 Prozent). Vor der bariatrischen Chirurgie waren die Ferritin-Werte bei 98 Prozent in beiden Gruppen normal gewesen.

Folgeoperationen und Todesfälle: Die Rate abdominaler Re-Operationen war bei den Jugendlichen deutlich höher als bei den Erwachsenen (19 vs 10 Eingriffe pro 500 Patienten und Jahr). Drei Jugendliche (1,9 Prozent) und sieben Erwachsene (1,8 Prozent) sind gestorben. Zwei der Jugendlichen an einer Drogen-Überdosis.

Bariatrische Chirurgie ist für adipöse Jugendliche momentan die einzige langfristig erfolgreiche Behandlungsoption, und bereits sechs Prozent der US-Teenager sind extrem übergewichtig, schreibt Professor Ted D. Adams von der University of Utah in Salt Lake City in einem Kommentar zur Studie. Nach den neuen Studiendaten verlieren die Jugendlichen nach dem Eingriff mit Magenbypass ähnlich stark an Gewicht wie Erwachsene. Sie haben im Vergleich nach der Op eine höhere Chance für eine Remission von Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes und Hypertonie.

Allerdings: In Studien mit Adipositas-Chirurgie bei Jugendlichen wurden auch erhöhte Raten an Selbstverletzung bis zum Suizid sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch gefunden. Auch ist bei ihnen nach dem Eingriff das Risiko für Re-Operationen und Mangel an Mikronährstoffen erhöht.

Ob also ein Jugendlicher mit einer Adipositas-Chirurgie versorgt werden sollte oder ob man damit besser bis ins Erwachsenenalter wartet, sei von Fall zu Fall zu entscheiden, so Adams.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Kommission fordert Grippeimpfung auch für gesunde Kinder

© Getty Images

STIKO-Empfehlungen

Kommission fordert Grippeimpfung auch für gesunde Kinder

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Junge Frau spricht mit einer Freundin im Bus

© Getty Images

Update

Impflücken bei Chronikern

Chronisch krank? Grippeimpfung kann Leben retten

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

© Dr. Kaske GmbH & Co. KG

Update

Neue Podcast-Folgen

Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Praxisfall im Podcast: Atemwegsinfekt

© Bionorica SE

Phytoneering-Akademie

Praxisfall im Podcast: Atemwegsinfekt

Anzeige | Bionorica SE
Antibiotika – Fluch und Segen

© Bionorica SE

Podcast

Antibiotika – Fluch und Segen

Anzeige | Bionorica SE
Brauchen wir noch Antibiotika?

© deepblue4you | iStock

Content Hub

Brauchen wir noch Antibiotika?

Anzeige | Bionorica SE
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 2: Infusionsschema der REGENCY-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Neue Therapieoption bei Lupus-Nephritis verfügbar

Obinutuzumab verbessert Nierenoutcomes bei Lupus-Nephritis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Abb. 1-- Zeit bis zum ersten Ereignis (Tod durch jegliche Ursache oder kardiovaskuläres Ereignisb) in der Gesamtpopulation (a) bzw. in der Monotherapie-Population (b).

© Springer Medizin Verlag

Mit Vutrisiran früh kausal behandeln

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Analyse des Trinkverhaltens

Wie lebenslanger Alkoholkonsum das Darmkrebsrisiko steigert

Lesetipps
Das Zusammenspiel zwischen Vermögensverwalter und Anlegerin oder Anleger läuft am besten, wenn die Schritte der Geldanlage anschaulich erklärt werden.

© M+Isolation+Photo / stock.adobe.com

Geldanlage

Was einen guten Vermögensverwalter ausmacht

Adipostas und deren Folgen sind zu einer der häufigsten Todesursachen geworden.

© Christian Delbert / stock.adobe.com

Leopoldina

Adipositas-Epidemie: Diese Strategien braucht es jetzt

Plaque im Gefäß

© Dr_Kateryna / Fotolia

Metaanalyse

Keine Evidenz für die meisten Statin-Nebenwirkungen