Ärzte Zeitung online, 14.03.2017

Prävention

Wie Ei-Pulver Kinder vor einer Ei-Allergie schützt

Werden Babys mit hohem Allergierisiko schon früh an geringe Mengen Ei-Pulver gewöhnt, kann dies eine Hühnerei-Allergie wirksam verhindern: Die Allergierate ist um 80 Prozent geringer als ohne Ei-Diät.

Von Thomas Müller

Wie Ei-Pulver Kinder vor einer Ei-Allergie schützt

Eine Hühnerei-Allergie lässt sich bei Kindern wirksam verhindern. (c) mbt_studio - Fotolia

TOKIO. Bei Babys mit atopischen Ekzemen ist das Risiko für Lebensmittelallergien bekanntlich sehr hoch. Vor allem eine Hühnerei-Allergie macht den Kleinen oft schon früh zu schaffen und ist häufig das erste Zeichen einer beginnenden Allergiekarriere: Sind die Kinder schon mit einem Jahr gegen Hühnerei-Protein allergisch, leiden sie oft nur wenige Jahre später unter Aeroallergenen.

Der Verzicht auf Ei-Produkte und andere potente Nahrungsmittelallergene scheint jedoch wenig zu bringen, um solche Allergien zu verhindern. Vielversprechender sind Versuche, die Kinder früh an Allergene zu gewöhnen. So ließ sich in Studien die Häufigkeit einer Erdnussallergie um 80 Prozent senken, wenn den Kindern rechtzeitig kleine Mengen der Hülsenfrüchte zugeführt wurden, berichten Pädiater um Dr. Osamu Natsume vom Nationalen Zentrum für Kindergesundheit in Tokio (Lancet 2017; 389, No. 10066:276–286).

Strategie war erfolgreich

Bei Hühnerprotein-Allergien ist die Datenlage bislang jedoch wenig überzeugend. In einigen Studien gelang es zwar, die Allergierate zu senken, wenn Kinder mit Ekzemen im Alter von vier bis fünf Monaten regelmäßig Hühnerei zu essen bekamen, allerdings reagierte in solche Studien bereits ein Drittel der Kinder sehr heftig auf das Ei-Protein. Andere Studien, in denen sensibilisierte Kinder ausgeschlossen worden waren, zeigten hingegen keine Erfolge. Offenbar sind es vor allem sensibilisierte Kinder, die später eine Allergie entwickeln.

Die Forscher um Natsume sind jetzt mit einer placebokontrollierten Studie einen anderen Weg gegangen. Sie schlossen sensibilisierte Kinder mit ein, reduzierten jedoch die Ei-Protein-Dosis deutlich im Vergleich zu vorhergehenden Untersuchungen. Statt 6 g Ei-Protein gaben sie den Kindern nur noch 0,2 bis 1 g pro Woche, wobei sie die Dosis im Laufe der Studie zunehmend steigerten: Sie begannen mit 50 mg/d im sechsten bis neunten Lebensmonat und fütterten die Kinder ab dem zehnten Monat bis zum Alter von einem Jahr mit 250 mg/d. Zudem verwendeten sie erhitztes Ei-Pulver, was im Vergleich zu unbehandeltem Pulver weniger allergen ist.

Die Strategie war erfolgreich: Im Alter von einem Jahr hatten 9 Prozent der Kinder mit dem Ei-Pulver eine Hühnereiallergie, 38 Prozent waren es in der Kontrollgruppe mit einem Ei-freien Präparat. An der Studie sollten ursprünglich 150 Kinder mit atopischer Dermatitis teilnehmen; sie wurde jedoch nach einer Zwischenauswertung bei 100 Kindern vorzeitig abgebrochen – es hatte sich in der Interventionsgruppe ein klarer Vorteil ergeben.

Voraussetzung für die Teilnahme war, dass die Kinder möglichst noch keine Ei-Produkte konsumiert hatten und weder gegen Eier noch gegen andere Lebensmittel allergisch waren. Zwei Drittel der Kinder waren männlich. Alle Kinder bekamen Packungen mit Kürbispulver, in der Interventionsgruppe enthielten die Packungen zusätzlich erhitztes Ei-Pulver, in der Kontrollgruppe nicht.

Bis zum Studienabbruch waren 121 Kinder aufgenommen worden, 61 hatten Placebo, 60 das Ei-Pulver erhalten. Jeweils 47 in jeder Gruppe hielten bis zum Schluss durch, davon hatten vier mit Ei-Pulver und 18 mit Placebo eine Hühnereiallergie entwickelt – nachgewiesen über einen oralen Provokationstest. Relativ betrachtet war damit das Allergierisiko mit der Ei-Therapie um 78 Prozent reduziert.Schauten sich die Forscher um Natsume in einer Intention-to-treat-Analyse alle 121 aufgenommen Teilnehmer an, so hatten jeweils acht und 23 eine Hühnerei-Allergie entwickelt, was an der relativen Risikoreduktion nichts änderte. Nach diesen Daten müssen statistisch betrachtet nur 3,4 Kinder frühzeitig eine Hühnerproteindiät erhalten, um eine Allergie zu vermeiden.

Ovomukoid-spezifische IgE-Werte lagen in der Ei-Pulver-Gruppe zum Studienende deutlich niedriger als in der Placebogruppe, spezifische IgG- und IgA-Werte hingegen höher. Studienabbrüche wegen unerwünschter Wirkungen gab es keine, auch traten Ekzeme, Hautreizungen um den Mund und an den Lippen nach der Einnahme des Pulvers sowie Übelkeit und Durchfall in beiden Gruppen ähnlich häufig auf. In der Ei-Gruppe mussten sechs Kinder im Laufe der Studie stationär behandelt werden, drei wegen einer Niesattacke, zwei wegen einer Harnwegsinfektion, eines wegen Kawasakisyndrom. In der Placebogruppe gab es dagegen keine stationären Aufnahmen.

Gefahrlose Prävention?

79 Kinder hatten vor Studienbeginn schon erhöhte IgE-Werte gegen Ei-Protein, von diesen waren im Alter von einem Jahr 9 Prozent in der Ei-Gruppe und 43 Prozent in der Placebogruppe hühnereiallergisch. Bei einer bereits bestehenden Sensibilisierung scheint der Nutzen der Ei-Pulver-Behandlung tendenziell noch größer zu sein. Auch andere Nahrungsmittelallergien traten mit der Ei-Diät etwas seltener auf (bei 15 versus 21 Prozent), die Unterschiede waren jedoch nicht signifikant.

Nach Auffassung der Studienautoren um Natsume lässt sich eine frühe allergiepräventive Behandlung mit Ei-Pulver bei Risikokindern gefahrlos bewerkstelligen – sofern das Pulver erhitzt wird und die Startdosis niedrig liegt. Bei höheren Startdosen bestehe das Risiko, dass bereits sensibilisierte Kinder mit einer massiven Allergie reagieren, so wie dies in früheren Studien oft der Fall war.

In einem Editorial zu der Publikation bedauert der britische Pädiater Graham Roberts von der Universität in Southampton den vorzeitigen Abbruch der Studie. Gerade mit Blick auf die unklaren und oft negativen Resultate früherer Studien wäre es wichtig gewesen, die Untersuchung wie geplant zu Ende zu führen. So sei damit zu rechnen, dass die Wirksamkeit der Intervention überschätzt werde.

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