Über- und Unterversorgung

Ärzte überschätzen Nutzen medizinischer Maßnahmen

Das Nutzen-Risiko-Verhältnis von diagnostischen und therapeutischen Interventionen wird von Ärzten oft optimistischer beurteilt, als es die Studienlage hergibt.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht:

GOLD COAST. Um Unter- und Überversorgung in der Medizin zu vermeiden, ist es notwendig, dass Ärzte die Vor- und Nachteile medizinischer Maßnahmen korrekt einordnen können. Keine leichte Aufgabe angesichts immer neuer Medikamente, der Flut von Veröffentlichungen und dem raschen Wandel in der Evidenzlage. Das zeigt sich auch in einer systematischen Übersichtsarbeit, die Wissenschaftler aus Australien vorgelegt haben (JAMA Intern Med; online 9. Januar 2017). Danach tendieren Mediziner dazu, den Nutzen von Untersuchungen und Therapien eher zu überschätzen als umgekehrt und gleichzeitig die Risiken zu unterschätzen.

Die Forscher um Tammy C. Hoffmann von der Universität in Gold Coast haben 48 Studien aus den Jahren 1981 bis 2015 gefunden, in denen die ärztliche Nutzen- und/oder Risikobewertung quantitativ untersucht worden war. Jeweils 20 Studien hatten Therapien oder bildgebende Untersuchungen zum Gegenstand, die übrigen acht befassten sich mit Screeningmaßnahmen. Häufiger als die Nutzen- wurde die Schadenserwartung abgefragt (in 33 beziehungsweise 80 Prozent der Studien).

In den Studien, in denen der erwartete mit dem tatsächlichen Nutzen verglichen worden war, hatte nur bei 3 von 28 Endpunkten (11 Prozent) die Mehrzahl der teilnehmenden Ärzte die korrekte Antwort gegeben. Bei 7 von 22 Endpunkten (32 Prozent) war der Nutzen mehrheitlich überschätzt worden, nur bei 2 (9 Prozent) war er zu gering eingeschätzt worden.

In entsprechenden Studien zur Schadenserwartung hatte die Mehrheit der Ärzte bei 9 von 69 Endpunkten (13 Prozent) richtig gelegen. Den Schaden überwiegend unterschätzt hatten sie bei 20 von 58 Endpunkten (34 Prozent), nur bei dreien (5 Prozent) hatten sie ihn überschätzt.

Speziell bei der Bildgebung ergab sich eine Unterschätzung des strahlenbedingten Krebsrisikos. Der Nutzen von Krebs-Screening-Untersuchungen wurde in Bezug auf die Koloskopie eher zu gering, in Hinblick auf PSA-Tests dagegen oft zu hoch eingeschätzt. Auch bei etablierten kardiovaskulären Therapien gab es gravierende Fehlurteile. So wurde etwa der Nutzen von Statinen für KHK-Patienten selten über-, aber häufig unterschätzt. Bei Vorhofflimmern wurde von ASS eher ein zu hoher und von Warfarin ein zu geringer Effekt erwartet. Das Risiko von Hämorrhagien unter dem Vitamin-K-Antagonisten wurde überschätzt.

"Die Ärzte verfügten selten über eine korrekte Einschätzung bezüglich Nutzen und Risiken der Interventionen", kommentieren Hoffmann und Kollegen das Ergebnis ihrer Analyse. Zwar gebe es Abweichungen in beide Richtungen. Die Mediziner neigten aber mehr zur Überschätzung des Nutzens und zur Unterschätzung des Risikos. Eben diese Art der Fehleinschätzung hatte das Team in einem vorausgegangenen Review bereits bei Patienten festgestellt. Sie fürchten, dass die verzerrte Wahrnehmung von Ärzten (und Patienten) "zu suboptimalen Entscheidungen in der Versorgung" führt. Insbesondere könne sie dazu beitragen, dass diagnostische und therapeutische Maßnahmen mit geringem Wert zu häufig eingesetzt würden.

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