Ärzte Zeitung online, 09.05.2016

Keuchhusten trotz Impfung

Schützt der Pikser nicht gut genug?

Auch bei geimpften Kindern sollten Ärzte Keuchhustensymptome nicht ignorieren: Das zeigt ein Pertussis-Ausbruch in den USA. Möglicherweise bieten azelluläre Impfstoffe keinen guten Schutz mehr.

Von Thomas Müller

Schützt der Pieks nicht gut genug?

Keuchhusten-Symptome sollten auch bei geimpften Kindern ernst genommen werden.

© JPC-PROD / fotolia.com

TALLAHASSEE. Im September 2013 wird das Gesundheitsamt von Tallahassee über einen laborbestätigten Pertussisfall in einem Kindergarten informiert.

Dort hatten sich zu dem Zeitpunkt 117 Kinder im Alter von zehn Monaten bis zu sechs Jahren sowie 26 Betreuer aufgehalten.

Das Kind war ein Jahr alt und hatte noch nicht die komplette Zahl der Pertussis-Impfungen bekommen, berichten Dr. James Matthias und Mitarbeiter von der Gesundheitsbehörde in Tallahassee (Emerg Infect Dis 2016; online 13. Januar).

Komplett durchgeimpftes Kind erkrankt

Im Dezember desselben Jahres wird ein weiterer Pertussisfall gemeldet - dieses Mal bei einem Kind im Alter von einem Monat. Ein komplett geimpftes Geschwisterkind und die Mutter waren ebenfalls erkrankt.

Das drei Jahre alte Geschwisterkind hatte denselben Kindergarten wie das im September erkrankte Kind besucht.

Die Behörden initiierten daraufhin eine ausführliche epidemiologische Untersuchung. Dabei stießen sie auf weitere Erkrankungen, die entweder von den Symptomen her mit Keuchhusten übereinstimmten oder bei denen sich Bordetella pertussis direkt nachweisen ließ.

Auch Betreuer und Angehörige angesteckt

Die erste Erkrankung trat danach im Juni außerhalb der Einrichtung auf, als letztes erkrankte im Januar 2014 ein Kind des Kindergartens. Insgesamt wurden 39 wahrscheinliche oder bestätigte Pertussisfälle dokumentiert.

26 davon betrafen Kinder aus der Einrichtung, zwei waren Betreuer und elf Angehörige, darunter sieben Kinder. Bei insgesamt elf der Erkrankten wurde Pertussis per Labor bestätigt.

Von den 117 Kindern des Kindergartens waren nur fünf nicht vollständig geimpft, alle übrigen hatten drei Dosen DTaP erhalten, sofern sie weniger als 18 Monate alt waren, oder mindestens vier, wenn sie dieses Alter überschritten hatten.

Von den erkrankten Kindern waren alle bis auf zwei komplett gegen Pertussis geimpft.

Vor allem Dreijährige betroffen

Trotz der guten Durchimpfungsrate erkrankten folglich 22 Prozent der Kinder der Einrichtung an Pertussis. Am höchsten war die Infektionsrate bei den Dreijährigen - sie waren etwa zweieinhalbfach häufiger betroffen als Vier- bis Sechsjährige.

Bemerkenswert ist die Verbreitung in einer Gruppe mit Dreijährigen. Dort hatte ein Betreuer, der mit Pertussis zur Arbeit kam, die Hälfte der Kinder angesteckt. Alle in der Gruppe waren vollständig geimpft.

Aus dem Infektionsverlauf schätzen die Ärzte um Matthias die Effektivität der Impfung bei den Vorschulkindern auf lediglich 45 Prozent.

Schutz vor schwerem Verlauf?

Vier der Kinder mussten in eine Klinik, von diesen war nur eines vollständig vakziniert, die anderen waren dafür entweder noch zu jung oder hingen dem Impfplan hinterher.

Immerhin scheint die Impfung viele der Kinder vor einem schweren Verlauf bewahrt zu haben.

Begünstigt wurde der Ausbruch auch durch Ärzte, die eine falsche Diagnose stellten.

Sie hatten einen Keuchhusten aufgrund der Impfung oft gar nicht erst erwogen und entsprechende Untersuchungen unterlassen, berichten Matthias und Mitarbeiter.

Dies sei selbst dann noch der Fall gewesen, als der Ausbruch publik wurde. "Eine vor Kurzem erfolgte Impfung sollte kein Grund sein, bei Pertussis-Symptomen von einer Diagnose, einem Test und einer Behandlung abzusehen", schreiben die Ärzte.

Auf der anderen Seite gebe das Versagen der Vakzine zu denken. Die Ärzte hatten zunächst an eine einzelne, unwirksame Charge gedacht, allerdings hätten die Kinder unterschiedliche Präparate erhalten, sodass sich ein Produktionsfehler als Ursache weitgehend ausschließen lasse.

Bisher kaum vergleichbare Ausbrüche

Daher kommen die Ärzte um Matthias zu dem Schluss: "Die anhaltende Übertragung über mehrere Monate hinweg lässt Zweifel aufkommen, ob Kinder in dieser Altersgruppe tatsächlich noch gut durch eine azelluläre Vakzine geschützt sind."

Zwar seien vergleichbare Ausbrüche bisher kaum registriert worden, allerdings habe sich die Zahl der registrierten Pertussisfälle in den USA zwischen 2000 und 2012 versechsfacht.

Es sollte daher bei Kindern mit anhaltendem Husten verstärkt auf Keuchhusten geachtet werden - unabhängig davon, ob sie geimpft sind oder nicht.

[10.05.2016, 12:07:44]
Rudolf Hege 
Keine Garantie!
Keine Impfung garantiert ein Nicht-Erkranken. Sie senkt nur das Erkrankungsrisiko und die Häufigkeit schwerer Verläufe. Das sollte eigentlich allgemein bekannt sein..? zum Beitrag »

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