Ärzte Zeitung online, 29.03.2017

Netwerk "WeanNet"

Entwöhnung vom Respirator fördern!

Bis zu 70 Prozent der dauerhaft beatmeten Patienten könnten doch noch entwöhnt werden. Dies wäre gut für die Patienten und gut fürs Gesundheitssystem.

STUTTGART. Die Zahl dauerhaft beatmeter Patienten nimmt in Deutschland seit Jahren deutlich zu. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) geht von 15.000 bis 30.000 Patienten pro Jahr aus, die nur schwer vom Beatmungsgerät zu entwöhnen seien. Dies löse jährlich Kosten von zwei bis vier Milliarden Euro aus, erklärte Professor Martin Hetzel aus Stuttgart beim Jahreskongress der DGP.

Hetzel führt dies darauf zurück, dass in vielen nicht pneumologischen Kliniken das Entwöhnungspotenzial der Patienten unterschätzt wird. Möglicherweise würden aufgrund der limitierten Bettenkapazität interdisziplinärer Intensivstationen Weaning-Bemühungen zu früh abgebrochen. Außerdem ist die Entwöhnung zeit- und personalaufwendig.

Bundesweites Netzwerk

Unter der Schirmherrschaft der DGP wird bereits seit 2009 ein bundesweites Netzwerk kooperierender Weaning-Stationen aufgebaut. In den im "WeanNet" organisierten Einrichtungen wird mit bewegungs-, physio-, ernährungs- und pharmakotherapeutischen Methoden versucht, Patienten von der Langzeitbeatmung zu entwöhnen (Weaning). Ziel sei es, über Trachealtubus beatmete Patienten auf eine nichtinvasive Beatmung mit Nasen- oder Mund-Nasen-Maske umzustellen, sagte der Pneumologe. Dies erlaube den Patienten selbstständiges Abhusten, Sprechen und Essen. Atemwegsinfektionen werden dadurch verhindert, die Genesung beschleunigt. Nach erfolgreichem Weaning benötigen viele Patienten nur noch nachts eine nichtinvasive Maskenbeatmung.

Potenzial nicht ausgeschöpft

"Kenner der außerklinischen Beatmungsszene vermuten, dass das Weaning-Potenzial bei vielen dieser Patienten aus monetärem Interesse nicht ausgeschöpft wird", erklärte Hetzel gegenüber der "Ärzte Zeitung." "Wir fordern, dass Patienten, die in eine kostenintensive außerklinische Beatmung überführt werden, durch ein zertifiziertes Weaning-Zentrum der DGP gehen, damit alle Patienten, bei denen das möglich ist, entwöhnt werden können." Unterm Strich könnte dies für das Gesundheitssystem Kosten sparen: "Rund 60 bis 70 Prozent der Patienten, die auf Akut-Intensivstationen nicht entwöhnt wurden, können doch noch ein erfolgreiches Weaning erreichen", so Hetzel beim Kongress. Damit werde die Behandlung bei oft zugrunde liegender Multimorbidität ebenfalls optimiert. (ner)

DGP-zertifizierte Weaning-Zentren sind auf der Homepage der Fachgesellschaft gelistet unterwww.pneumologie.de/ service/weannet

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Hunde im MRT hygienischer als bärtige Männer

Ist es hygienisch, Hunde in MRT-Scanner zu legen, mit denen primär Menschen untersucht werden? Ja, legt eine Studie nahe: Bärtige Männer bergen höhere Kontaminationsrisiken. mehr »

Starke Konzentration wird im Fall Valsartan zum Klumpenrisiko

Noch ist die Risikobewertung im Fall Valsartan nicht abgeschlossen. Aber der Vorgang zeigt die Risiken der starken Marktkonzentration. mehr »

Die Gesundheit der Bombenkinder

Seit Jahrzehnten berichten viele Hibakusha – so nennt Japan seine Atombombenopfer – regelmäßig vor Schülern und Interessierten aus dem In- und Ausland von dem Grauen, das sie und ihre Angehörigen erlebten. mehr »