Ärzte Zeitung, 19.04.2018

Keuchhusten

Längst keine Kinderkrankheit mehr

An Pertussis erkranken in Deutschland vor allem Erwachsene. Abgesehen von quälendem Husten sind Betroffene vor allem auch eine Gefahr für Säuglinge.

Von Wolfgang Geissel und Thorsten Schaff

Längst keine Kinderkrankheit mehr

Erwachsene Keuchhusten-Patienten befinden sich vergleichsweise häufig im Alter zwischen 40 und 60.

© JPC-PROD / stock.adobe.com

NEU-ISENBURG. Pertussis zeigt als typisches Beispiel, warum der Impfschutz in jedem Alter wichtig ist.

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Trotz höchster Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen treten fast zwei Drittel der gemeldeten Fälle in Deutschland inzwischen bei über 18-Jährigen auf, wie eine Analyse von Meldedaten der Jahre 2010 bis 2012 in den neuen Bundesländern ergeben hat (Epi Bull 2014; 1: 6).

Keuchhusten verläuft im ersten Lebensjahr besonders schwer: Von den betroffenen Säuglingen wurden in der Studie 71 Prozent stationär behandelt, bei einer Hospitalisierungsrate von 3,5 Prozent im Schnitt in allen Altersgruppen.

Das Robert Koch-Instut hat im Zeitraum von 2001 bis 2017 insgesamt 103.040 Keuchhusten-Fälle erfasst, davon 27.072 Fälle bei Kindern bis zu 14 Jahren. Blickt man auf das Alter der Erkankten, zeigt sich, dass in der Gruppe der 10- bis 14-Jährige am häufigsten Pertussis registriert wurde (41,8 Prozent).

75.968 Fälle, die das RKI von 2001 bis 2017 registriert hatte, betrafen Jugendliche (ab 15 Jahren) und Erwachsene - vorwiegend im Alter zwischen 40 und 49 (19,7 Prozent) und 50 bis 59 (19,2 Prozent).

Auch in höherem Lebensalter ist Pertussis alles andere als harmlos: Etwa zehn Prozent der Erwachsenen ohne chronische Atemwegsleiden, die länger als zwei Wochen husten, haben Keuchhusten. Das hat vor zwölf Jahren eine deutsche Studie ergeben (DMW 2006; 131: 2629).

Nach Schätzungen erkranken 0,2 bis 0,5 Prozent der Erwachsenen jedes Jahr an Pertussis, etwa ein Viertel davon mit Komplikationen – bis hin zu Krampfanfällen, Synkopen oder Rippenbrüchen. Insgesamt müssen deshalb jährlich über 1000 Erwachsene wegen Pertussis stationär behandelt werden. Die Keuchhusten-Fallzahlen von 2001 bis 2017 im Vergleich:

Pertussis wird oft nicht erkannt

Zu beachten ist: Weder die Impfung, noch ein einmal durchgemachter Keuchhusten bieten lebenslangen Schutz. Auch wer als Kind Pertussis hatte, kann später wieder daran erkranken.

Statt des charakteristischen Krampfhustens haben Erwachsene allerdings eher Symptome eines lang andauernden quälenden Hustens. Die Erkrankung kann Monate dauern, ohne dass sie erkannt wird. Betroffene sind in dieser Zeit auch eine gefährliche Infektionsquelle.

Säuglinge kann die Infektion in Lebensgefahr bringen. Allen Erwachsenen wird daher die einmalige Impfung mit einer Kombinationsvakzine gegen Pertussis, Tetanus und Diphtherie empfohlen.

Es gibt jedoch große Impflücken: Nach einer Analyse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) haben nur knapp über zwölf Prozent der Erwachsenen aktuellen Pertussisschutz (Bundesgesundheitsbl 2013; 56: 845).

Die Ständige Impfkommission (STIKO) betont in ihren Empfehlungen (Epi Bull 2017; 34: 333): "In Anbetracht der epidemiologischen Situation und der Schwere des klinischen Verlaufs einer Pertussis im Säuglingsalter ist es dringend geboten,

mit der Grundimmunisierung der Säuglinge und Kleinkinder zum frühestmöglichen Zeitpunkt, das heißt unmittelbar nach Vollendung des zweiten Lebensmonats, zu beginnen und sie zeitgerecht fortzuführen.

Auffrischimpfungen sind mit 5–6 Jahren und 9–17 Jahren empfohlen. Ab dem Alter von 5–6 Jahren werden sowohl zur Auffrischimpfung als auch für eine nachzuholende Grundimmunisierung Impfstoffe mit reduziertem Pertussis-Antigengehalt (ap statt aP) verwendet.

Für alle Erwachsenen ist empfohlen, die nächste fällige Td-Impfung einmalig als Tdap-Kombinationsimpfung zu verabreichen, bei entsprechender Indikation als Tdap-IPV-Kombinationsimpfung. Da ein monovalenter Pertussis-Impfstoff nicht mehr zur Verfügung steht, ist ein Kombi-Impfstoff zu verwenden."

Empfehlungen bei Ausbrüchen

Impfungen im Fokus

Zeitgerechter Impfschutz von Säuglingen und Kleinkindern ist wichtig, ebenso bessere Impfquoten bei Boostern von Schulanfängern und Jugendlichen.

Besserer Impfschutz von Erwachsenen ist nötig, besonders bei Kontakt zu Säuglingen.

Impfschutz von Schwangeren ist in der Diskussion.

Bei bestehender Indikation zur Pertussis-Impfung ist auch kurz nach einer erfolgten Td-Impfung eine Impfung mit einer Tdap-Vakzine möglich, so die STIKO.

Für einen Tdap-Impfstoff wurde in einer Studie gezeigt, dass dieser bereits einen Monat nach der letzten Td-Impfung verabreicht werden kann, ohne dass es zu vermehrten Nebenwirkungen kommt.

Bei Pertussis-Häufungen kann auch bei vollständig geimpften Kindern und Jugendlichen mit engem Kontakt zu Erkrankten im Haushalt oder in Gemeinschaftseinrichtungen eine Impfung erwogen werden, wenn die letzte Impfung länger als fünf Jahre zurückliegt.

Speziell vor Geburt eines Kindes sollte überprüft werden, ob ein adäquater Immunschutz (Impfung in den vergangenen 10 Jahren) gegen Pertussis für enge Haushaltskontaktpersonen und Betreuer des Neugeborenen besteht.

Am effektivsten könnten junge Säuglinge jedoch durch eine Impfung der Mütter während der Schwangerschaft geschützt werden. Inzwischen gibt es Tdap-Impfstoffe, die auch zur Impfung in der Schwangerschaft zugelassen sind (Epi Bull 2017; 21: 188).

In den USA, Großbritannien, Australien, Belgien und in der Schweiz ist die Impfung von Schwangeren bereits Standard. In Deutschland wird eine solche Empfehlungen in der STIKO diskutiert.

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[19.04.2018, 15:58:56]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Als ich 1992 meine Familien- und Hausarzt Praxis in der Dortmunder Innenstadt eröffnete, ...
...war ich entsetzt, wie viele meiner jungen und alten Patientinnen und Patienten serologisch durch Bordetella pertussis Antikörper-Nachweise (IG-G-, IG-A-Antikörper Anstiege; PCR-Direktnachweise kamen erst später) bewiesene Pertussis-Infektionen hatten. Damals gab es noch keine, heute kontraproduktiven Laborbudgets bzw. Laborboni für eigentlich unzureichende und damit unterlassene Labor-Diagnostik!

Die wesentlich entscheidendere Frage wird aber bis heute nicht gestellt: Ist der heute übliche Pertussis-Kombinations-Impfstoff (z.B. in Infanrix, Covaxis, Boostrix, Repevax etc.) evtl. zu schwach oder insuffizient wirksam?

In meiner Praxis war nach konsequenter Durchimpfung alle 10 Jahre u.a. gegen Pertussis mit Kombinationen die Keuchhusten-Endemie vorbei. Aber mal ernsthaft gefragt: Die Notwendigkeit einer 4-5-maligen Auffrischungsimpfung lt. STIKO-EMPFEHLUNG in frühester Kindheit spricht doch eher g e g e n eine adäquate Immunantwort bzw. einen schlecht konzipierten Impfstoff, oder?

Es ist wie beim MMR-Impfstoff doch eher die Problematik der viel zu geringen Effektivität und Wirksamkeit der Impfstoffe selbst!

Doch die Ständige Impfkommission beim Robert-Koch-Institut (STIKO) traut sich bis heute nicht, diese alles entscheidende Frage der Impf-Industrie gegenüber wissenschaftlich begründet zu stellen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. EUROPREVENT/Ljubljana/SLO) zum Beitrag »

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