Ärzte Zeitung online, 25.05.2018

Kuriose Kasuistik

Fischkuss bringt Angler fast um

Ein Hobbyfischer zieht eine kleine Seezunge aus dem Wasser. Kurz darauf steht sein Herz still – aber nicht vor lauter Anglerglück, wie Ärzte bald herausfinden.

Von Robert Bublak

Fisch gibt Angler schwer zu schlucken

Angelausflug mit Folgen: Ein Fisch landet im Rachen eines jungen Mannes und macht die Atemwege dicht.

© Kzenon / stock.adobe.com

BOURNEMOUTH. Der 28-jährige Fischer kann sich freuen: An seinem Angelhaken hängt eine etwa 14 cm lange Seezunge. Das ist zwar kein kapitaler Fang, doch für die Bratpfanne ist das Tier ohnehin nicht vorgesehen. Vielmehr will es der Mann wieder in die Freiheit entlassen.

Bevor er den Fisch wieder ins Wasser zurückwirft, will er ihn noch küssen.

Kussversuch missglückt

Doch beim Kussversuch entgleitet der Fisch in den Mund seines Fängers und bleibt ihm im Rachen stecken. Die Atemwege sind komplett verlegt, der junge Fischer erleidet einen Herzstillstand. Die übrigen Mitglieder der Angelpartie beginnen sofort mit der Reanimation, und kurz darauf treffen die Rettungssanitäter ein.

Einer der Helfer erkennt, was sich im Rachen des Patienten befindet, und es gelingt ihm, die Seezunge in einem Stück mit einer Zange zu entfernen. Die Blutzirkulation des Mannes kommt nach wenigen Minuten wieder in Gang.

Bei der Ankunft im Krankenhaus geht es dem Patienten gut, er ist stabil, bei vollem Bewusstsein und atmet spontan. Doch bald darauf ändert sich das Bild – und es tritt das ein, weshalb Notfallmediziner um Joaquin Alonso vom Royal Bournemouth Hospital den Fallbericht veröffentlicht hat (Am J Emerg Med 2018, online 22. März).

Der Mann wird kurzatmig und tachypnoisch, seine Sauerstoffsättigung sinkt unter 80 Prozent, er hustet und würgt dabei schaumiges, rosa gefärbtes Sputum aus. In der Auskultation sind feuchte, grobblasige Rasselgeräusche zu hören.

Die Blutgasanalyse zeigt eine metabolische Azidose mit erhöhten Laktatwerten. Trotz der Zufuhr von 15 l/min Sauerstoff über eine Maske steigt der pO2 nicht über 12 kPa. Der systolische Blutdruck fällt auf Werte um 70 mmHg.

Negative Pressure Pulmonary Edema

  • Das durch Unterdruck hervorgerufene Lungenödem (Negative Pressure Pulmonary Edema, NPPE) wird bevorzugt bei gesunden und kräftigen jungen Männern beobachtet.
  • Beim vorgestellten Fall hat vermutlich das extreme Anatmen gegen einen Verschluss der Atemwege über einen hoch negativen intrathorakalen Druck zur Transsudation von Flüssigkeit über die Kapillarmembranen und in der Folge zu einem alveolären Ödem geführt.
  • Nach dem auslösenden Ereignis können Stunden vergehen, bis sich das Lungenödem manifestiert, was die Diagnose erschweren kann.
  • Das Röntgenbild des Thorax lässt den Grund für die Veränderungen erkennen: Es liegt ein akutes Lungenödem vor. Nach etwa einer Stunde unter Sauerstoffgabe verschwinden die Symptome von selbst. Die Echokardiografie fördert keine pathologischen Befunde zutage.

    Diagnose: Lungenödem durch Unterdruck

    Die Diagnose lautet "Lungenödem, durch Unterdruck hervorgerufen" (Negative Pressure Pulmonary Edema, NPPE). Vermutet wird, dass das extreme Anatmen gegen einen Verschluss der Atemwege über einen hoch negativen intrathorakalen Druck zur Transsudation von Flüssigkeit über die Kapillarmembranen und in der Folge zu einem alveolären Ödem geführt hat.

    Beobachtet wird das Phänomen bevorzugt bei gesunden und kräftigen jungen Männern. Dabei können nach dem auslösenden Ereignis Stunden vergehen, bis sich das Lungenödem manifestiert. "Das könnte es schwierig machen, die korrekte Diagnose zu stellen", schreiben Alonso und Kollegen. Lungenembolie und kardiogenes Lungenödem kommen als Fehlinterpretationen infrage, NPPE selbst ist womöglich unterdiagnostiziert.

    Die NPPE-Therapie ist supportiv, üblicherweise löst sich das Problem binnen 24 bis 48 Stunden spontan. Auch der Angler darf nach einer Nacht zur Beobachtung auf der Herzstation wieder nach Hause gehen. Zuvor waren bei der HNO-ärztlichen Untersuchung nur Ulzerationen im Rachen zu sehen gewesen, ein Fremdkörper ist nicht mehr gefunden worden.

    Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
    [28.05.2018, 12:22:30]
    Dr. Thomas Georg Schätzler 
    "Angler-Latein"?
    Wer eine etwa 14 cm lange (!) Seezunge "küsst", bevor er sie wieder ins Meer zurückbefördert, und sie dabei in seinen Mund flutschen lässt, muss sich schon fragen lassen, ob seine normalen Abwehrreflexe (Würgen, Husten, Regurgitieren, Ausspucken) nicht z. B. durch erheblichen Alkoholkonsum eingeschränkt waren?

    Denn die Seezunge kennt im Gegensatz zum Menschen keinen Rückwärtsgang: Sie kann nur reflexartig unter Stress heftig schlängelnde Vorwärtsbewegungen immer tiefer in den Schlund ihres menschlichen "Gastwirts" machen, wenn dieser keine Abwehrreaktionen mehr zeigt.

    Insofern wäre auch das Heimlich-Manöver, auch Heimlich-Handgriff oder Oberbauchkompression (nach Heimlich) genannt, eine lebensrettende Sofortmaßnahme bei drohender Erstickung oder drohendem Bolustod durch die Verlegung der Atemwege durch einen Fremdkörper (Bolusaspiration z. B. durch Verschlucken) gewesen.  Vgl. Heimlich-Manöver – Wikipedia

    "Fische küssen - verboten!"

    Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

    Schreiben Sie einen Kommentar

    Überschrift

    Text

    Die Newsletter der Ärzte Zeitung

    Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

    NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

    Ein Gelähmter kann wieder gehen

    Obwohl er querschnittsgelähmt ist, konnte ein Mann wieder einige Schritte gehen - dank der elektrischen Rückenmark-Stimulation. Von Heilung wollen die Ärzte aber nicht sprechen. mehr »

    Auf Zungenküsse besser verzichten?

    Zungenküsse erhöhen offenbar das Risiko für HPV-Infekte und damit auch für Mund-Rachen-Tumoren. US-Experten haben sich das Krebsrisiko jetzt einmal genauer angesehen. mehr »

    Das ist bei einer Datenpanne zu tun

    Bei einem Datenleck in der Praxis sind Inhaber nach der Datenschutzgrundverordnung verpflichtet, dies zu melden. Wem und wie, das erläutern Medizinrechtler. mehr »