Ärzte Zeitung online, 15.03.2019

Aktuelles vom DGP-Kongress

Die „5A“ der Tabakentwöhnung

Zu selten werden Patienten von Ärzten Maßnahmen zur Tabakentwöhnung angeboten. Wie gelingt es im Praxisalltag, selbst mit wenig Zeitaufwand Raucher in Kontakt mit Tabakentwöhnung zu bringen?

Von Dr. Alexander Rupp

Die „5A“ der Tabakentwöhnung

"Nein, Danke!": Ärzte können Patienten bewusst zur Tabakentwöhnung anregen.

© Anyka / Fotolia

MÜNCHEN. Jeder sollte, kaum einer tut’s. Damit ist die Situation der Tabakentwöhnung sowohl aufseiten der Ärzte als auch aufseiten der Raucher ganz gut beschrieben. Als Gründe für das Nichtanbieten von Maßnahmen zur Tabakentwöhnung auf Ärzteseite werden Zeitmangel, fehlende Kostenerstattung, mangelnde Qualifikation und geringe Effektivität aufgeführt.

Auf Raucherseite sind psychologische Gründe wie Verdrängung, Aufschieben, Ambivalenz und fehlende Kostenerstattung zu nennen.

Rauchen ist weiterhin der größte vermeidbare Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen und vorzeitigen Tod. In Deutschland sterben jährlich 121.000 Menschen an den Folgen des Tabakrauchens, rund 330 pro Tag. Rund 50 % der Raucher sterben an einer tabakrauchbedingten Erkrankung, 50 % vor dem 70. Lebensjahr.

Milliarden Kosten gegen Milliarden Kosten

Jährlichen Steuereinnahmen durch die Tabaksteuer von 14,5 Milliarden Euro stehen direkte Gesundheitskosten von 30,3 Milliarden Euro und indirekte (besonders durch Produktivitätsverluste bedingte) Kosten von 66,9 Milliarden Euro gegenüber. Allein das in weggeworfenen Zigarettenstummeln (rund 4,5 Billionen) enthaltene Arsen könnte weltweit 5,5 Millionen Menschen tödlich vergiften.

Trotz dieser Zahlen wird weiterhin ein abhängig machendes und tödliches Produkt hergestellt, beworben und mit steigenden Umsätzen aufseiten der Tabakindustrie verkauft. Im Gesundheitswesen müssten immense Anstrengungen zu erwarten sein, Raucher effektiv zu unterstützen, die den Ausstieg nicht alleine schaffen. Dennoch wird Tabakentwöhnung nur selten von ärztlicher Seite angeboten.

Gründe hierfür liegen einerseits in den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die Tabakabhängigkeit weiterhin nicht als Erkrankung anerkennen, sondern dem „Lifestyle“ zuschreiben. Andererseits auch an fehlender Kostenerstattung für die teils ressourcenintensiven Angebote und an mangelnder Fort- und Weiterbildung der ärztlichen Kolleginnen und Kollegen.

Auch auf Seite der Raucher werden Unterstützungsangebote häufig nicht wahrgenommen, weil keine generelle Kostenerstattung für die (verhaltenstherapeutische und medikamentöse) Therapie erfolgt und weil Raucher in ihrem eigenen Verhalten äußerst ambivalent sind.

Sie wissen zwar um die (langfristig drohenden) Gefahren des Rauchens und wollen aufhören, andererseits bietet der schnelle positive Kick beim Rauchen einer Zigarette eine allseits und umgehend zur Verfügung stehende Befriedigung eines durch Abfall des Nikotinspiegels ausgelösten Unwohlseins beziehungsweise Unlustgefühls.

Strukturierte Sprechstunde sinnvoll

Mit einer strukturierten, minimalinterventionellen Ansprache in der Sprechstunde können Raucher jedoch ohne großen Ressourcenaufwand mit evidenzbasierten Unterstützungsangeboten in Kontakt gebracht werden. Die „5A-Methode“ hilft dabei:

  • A1 (Ask): Rauchstatus erfragen.
  • A2 (Advice): Einen klaren, unmissverständlichen Ratschlag geben, das Rauchen aufzugeben. Hierbei können auch erhobene Befunde als Feedback unterstützend mitgeteilt werden.
  • A3 (Assess willingness): Mit einer offenen Frage („Was denken Sie denn selbst über das Rauchen?“) wird die Aufhörbereitschaft erfragt. In den meisten Fällen erhält man dabei eine ambivalente Antwort: „Ich würde ja gerne aufhören, aber…“ und kann dann Hilfe für das „aber“ anbieten.
  • A4 (Assist): Unterstützung anbieten. Dies kann bereits der Verweis auf Selbsthilfeliteratur, das Mitgeben eigener Unterlagen oder der Verweis auf ein Online-Entwöhnprogramm (wie www.nichtraucherhelden.de) sein. Oder es wird die Erlaubnis eingeholt, die Kontaktdaten des Rauchers an ein Entwöhnzentrum zu senden („Fax-to-Quit“), welches dann mit dem Raucher in Kontakt tritt. Oder aber es wird ein eigenes Unterstützungsangebot offeriert.
  • A5 (Arrange follow up): Das Thema sollte mit jedem Raucher bei jedem neuerlichen Kontakt wieder aufgegriffen und vertieft werden.

Wenn die „5A“ regelmäßig und flächendeckend angeboten würden, könnte die Zahl der Raucher, die aufhören, beträchtlich gesteigert werden. – Bei der großen Zahl von Erkrankten und Tabaktoten ein minimaler Aufwand, der sich mehr als lohnt.

Dieser Beitrag von Dr. Alexander Rupp, Pneumologische Praxis im Zentrum Stuttgart, erschien zuerst in der Zeitung zum 60. Kongress der DGP in München.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Resistenzen behindern Kampf gegen Tuberkulose

Tuberkulose ist in Deutschland relativ selten – ganz eliminieren lässt sich die Infektionskrankheit aber noch immer nicht. Zu schaffen machen die Resistenzen. mehr »

Die Insulintablette ist in weiter Ferne

Ein orales Basalinsulin hat in einer Studie bei Typ-2-Diabetes ähnlich gut gewirkt wie injiziertes Insulin glargin. Zu einer Therapie in Tablettenform wird es dennoch nicht kommen. mehr »

Bagatellverletzungen – ein Fall für UV-GOÄ

Schulunfall, Wegeunfall oder Sportunfall? Bei kleinen Verletzungen können auch Hausärzte gelegentlich auf die UV-GOÄ zurückgreifen. Das kann sich im Vergleich mit EBM-Leistungen der Wundversorgung durchaus lohnen. mehr »