Ärzte Zeitung, 30.03.2005

Jeder fünfte Demente profitiert von Antidepressiva

Was bei depressiven Alzheimer-Patienten hilft / Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wirken auch anxiolytisch

MÜNCHEN (mal). Bei Demenz-Kranken sind Depressionen eine häufige Begleiterscheinung. Wird dann eine Antidepressiva-Therapie begonnen, sind aufgrund des fluktuierenden Verlaufs der Depressionen Absetzversuche indiziert, um die weitere Notwendigkeit einer solchen Behandlung zu überprüfen, erinnert Professor Alexander Kurz von der TU München. Er schlägt vor, einen ersten Absetzversuch vielleicht schon nach etwa dreimonatiger Antidepressiva-Therapie zu machen.

Vier von zehn Patienten im Frühstadium einer Demenz haben Symptome einer Depression, schätzt Kurz. Und mindestens die Hälfte von ihnen, also 20 bis 30 Prozent aller Demenz-Kranken, könnten von Antidepressiva profitieren, so Kurz zur "Ärzte Zeitung." Eine dann konsequente Intervention ist für den Psychiater selbstverständlich, "weil zusätzliche affektive Symptome die Lebensqualität der Patienten ja zusätzlich beeinträchtigen".

   Absetzversuch kann nach drei Monaten sinnvoll sein.
   

An erster Stelle stehen für Kurz - entsprechend den in mehreren Therapie-Leitlinien formulierten Empfehlungen - nichtmedikamentöse Therapieansätze. "Eine der am besten belegten Interventionsmöglichkeiten nichtmedikamentöser Art bei Demenz-Kranken zielt auf die Depression ab", sagt Kurz, "also eine Verhaltenstherapie etwa durch vermehrte Aktivität, durch Einbeziehen angenehmer Tätigkeiten in den Alltag."

Reicht die nicht-medikamentöse Intervention nicht aus, rät etwa auch die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie- und psychotherapie (DGGPP) zur Anwendung von SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer). Auch die anxiolytische Wirkung der SSRI bei den oft von Angstsymptomen begleiteten Depressionen Demenz-Kranker spreche für die Wahl dieser Therapeutika, heißt es in den Therapieempfehlungen der Gesellschaft.

"Die herkömmlichen Trizyklika sollten bei Demenz-Kranken, die ja meist ein cholinerges Defizit haben, nicht eingesetzt werden", erinnert Kurz. Würden bei Demenz-Kranken trizyklische Antidepressiva - etwa wegen der Schwere des depressiven Syndroms - eingesetzt, sollten Substanzen mit möglichst geringer anticholinerger Potenz, etwa Nortriptylin oder Doxepin, bevorzugt werden, merkt dazu auch die DGGPP an.

Als weitere Möglichkeiten zur Pharmakotherapie würden in diesem Indikationsbereich Substanzen mit anderen Wirkprinzipien angewandt, etwa atypische Antidepressiva wie Trazodon, Mirtazapin oder Venlafaxin oder auch der reversible MAO-Hemmer Moclobemid.

Bei einem Therapieerfolg sollte spätestens nach einem halben Jahr die Notwendigkeit einer Weiterverordnung kritisch überprüft werden, betont auch die DGGPP.

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