Ärzte Zeitung, 25.09.2007

"Wippt der Fuß, dann haben wir gewonnen"

Kölner Tanzschule führt Demenzpatienten und ihre Partner mit Erfolg zurück aufs Tanzparkett 

KÖLN (iss). Beim Langsamen Walzer und beim Wiener Walzer ist die Resonanz groß, viele Paare wagen sich auf die Tanzfläche. Beim Tango bleiben die meisten dann doch lieber auf ihren Plätzen sitzen und bewundern die ältere Dame, die sich mit Tanzlehrer Hans-Georg Stallnig aufs Parkett wagt. Tanzen mit Demenzpatienten in Köln: ein Angebot, das gut angenommen wird.

Den Schnee-..,. Schnee-..., Schneewalzer tanzen wir: Tanzschule mit Demenzpatienten in Köln. Foto: iss

In der Tanzschule Stallnig-Nierhaus geht es an diesem Freitag nachmittag etwas lebhafter zu als sonst. Der Tanzkreis "59 Plus" um 15 Uhr hat Verstärkung bekommen durch Bewohner mehrerer Alteneinrichtungen und ihre Betreuer. Einige der Gäste sind dement, andere nicht, gemeinsam ist ihnen die Lust, mal wieder das Tanzbein zu schwingen.

Gelungene Aktion zum Welt-Alzheimertag

Unter dem Motto "Wir tanzen wieder" haben das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) und das Demenz-Servicezentrum für die Region Köln und das südliche Rheinland anlässlich des Welt-Alzheimertages in die Tanzschule eingeladen. Die Aktion soll der Auftakt sein für regelmäßige Tanzveranstaltungen für Paare, bei denen ein Partner an Demenz erkrankt ist.

"Bei Demenz spielt Bewegung eine ganz zentrale Rolle", sagt Christine Sowinski, Fachbereichskoordinatorin für Soziales und Pflege beim KDA. Durch Bewegung könne der Beginn der Erkrankung hinausgezögert werden, bei bereits Erkrankten lasse sich der Zustand damit erheblich verbessern. Das Tanzen habe einen besonderen Vorteil: "Tanzen und Musik sprechen die Gefühle an." Das ermögliche einen neuen Zugang zu den Patienten und biete den Erkrankten und den Angehörigen oft eine unerwartete positive Erfahrung. "Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Ältere die Schritte von früher noch kennen."

Patienten werden aus der Isolation geführt

Gerade Hausärzte sollten das Thema Bewegung bei Angehörigen von Demenzkranken ansprechen, empfiehlt Sowinski. "Der Hinweis auf die Bedeutung der Bewegung sollte für die Hausärzte zur Selbstverständlichkeit im Umgang mit Dementen werden."

Man brauche einen langen Atem, um die Patienten und ihre Angehörigen aus der Isolation zu holen, sagt Stefan Kleinstück, Koordinator des Demenz-Servicezentrums. "Wir müssen ihnen zeigen: Es geht." Wichtig sei, den Menschen die Angst vor einer Einrichtung wie der Tanzschule zu nehmen. Sind sie erst einmal da und hören die Musik, ergibt sich alles weitere, glaubt er. "Wippt der Fuß erst einmal, dann haben wir gewonnen." Die Kölner Aktion soll einen kleinen Beitrag dazu liefern, das Thema Demenz zu enttabuisieren. "Unser Ziel ist es, Tanzangebote für Menschen mit Demenz zu einer regelmäßigen Einrichtung zu machen", berichtet Kleinstück. Er hofft, dass sich noch mehr Tanzschulen - nicht nur in Köln - solchen Angeboten öffnen.

"Jeder hat doch die Erfahrung: Über Musik kommt die Erinnerung", sagt Tanzlehrer Stallnig.

"Es geht um Spaß an der Bewegung"

Gibt es genügend Interesse soll die Aktion "Wir tanzen wieder" soll zumindest in seiner Tanzschule keine Eintagsfliege bleiben. "Wir machen hier doch etwas ganz Normales", sagt Stallnig. Der Spaß an der Bewegung und der Musik stehe beim Tanzen im Vordergrund, nicht die sportliche Leistung.

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