Ärzte Zeitung, 16.06.2009

Gastbeitrag

Schutz vor Demenz mit Östrogen-Substitution

Es mehren sich die Hinweise, dass Hormonersatz nach der Menopause neuroprotektiv wirkt. Allerdings ist das Brustkrebsrisiko langfristig erhöht.

Von Professor J. Matthias Wenderlein

Von Demenz sind Frauen dreimal häufiger betroffen als Männer. Eine kausale Therapie, die die Krankheit stoppt, ist nicht in Sicht. Und die bislang eingesetzten Antidementiva zur symptomatischen Behandlung bei Demenz verursachen hohe Kosten. Bei Frauen ab der Menopause ist jedoch Prävention durch Östrogensubstitution möglich - sofern sie ein solches Präparat wegen klimakterischer Beschwerden oder zum Schutz vor Osteoporose erhalten. Das Risiko für Demenz ließe sich dadurch um ein Drittel bis zur Hälfte reduzieren.

Der experimentelle Nachweis hierfür, nämlich Kastration versus Erhalt der Ovarien vor der Menopause, wäre ethisch nicht vertretbar. Doch es gibt dazu aktuelle Studiendaten aus der US-Mayo-Klinik. Erfasst wurden 2 327 Frauen, denen aus medizinischer Indikation zwischen 1950 und 1987 die Eierstöcke entfernt wurden.

Nach Eierstock-Entfernung ist Demenz-Rate erhöht

Später traten bei diesen Frauen im Vergleich zu jenen ohne solch einen Eingriff signifikant häufiger neurodegenerative Erkrankungen auf. Das Parkinsonrisiko war um 68 Prozent und das der Demenz um 50 Prozent erhöht. Dies war noch ausgeprägter, wenn vor dem 38. Lebensjahr operiert wurde. Frauen, bei denen direkt nach der Op eine Östrogensubstitution gestartet wurde, hatten diese Risikoerhöhung nicht.

In einer Longitudinalstudie aus den USA konnte nach 50 Jahren Beobachtung bei Frauen mit Östrogensubstitution eine bessere Durchblutung von Hippocampus und Sprachverarbeitungszentren nachgewiesen werden. Das korrelierte mit Intelligenzerhalt beziehungsweise geistiger Fitness bis ins hohe Alter.

Demenz-Risiko versus Brustkrebs-Risiko

Die Möglichkeit der Neuroprotektion durch Hormonersatztherapie (HRT) erscheint nicht in deutschen Leitlinien wegen des erhöhten Brustkrebs-Risikos: Nach WHI-Daten gab es mit HRT 38 Mammakarzinome pro 10 000 Frauen pro Jahr im Vergleich zu 30 mit Placebo. Diese zusätzlichen Brustkrebsdiagnosen sind vermutlich auf ein früheres Erkennen der Erkrankung aufgrund einer hormonell bedingten Wachstumsstimulation zurückzuführen. Bei Neuerkrankungen sind tumorbiologisch 7 bis 12 Jahre nötig, damit sich ein Tumor bis 1 cm Durchmesser entwickelt. Wem eine einzige zusätzliche Brustkrebsdiagnose bei 1000 Frauen zu hoch erscheint, sollte auf Hormon-Substitution verzichten.

Dem ist das Demenzrisiko gegenüberzustellen: Pro Jahr erkranken 250 000 Bürger - etwa zwei Drittel davon Frauen - an Demenz, zu zwei Drittel vom Alzheimertyp. Die jährliche Steigerungsrate infolge zunehmender Lebenserwartung beträgt zirka 10 Prozent. Ab 65 Jahren beträgt das Demenzrisiko 70 pro 1000 Frauen und ab 85 Jahren 200 pro 1000. Das Basisrisiko für Brustkrebs liegt hingegen bei 2 pro 1000 für 50- bis 59-jährige Frauen und steigt gemäß des Münchner Krebsregisters im nächsten Dezennium auf 3 pro 1000.

Eine rechtzeitige Hormonsubstitution ab der Menopause wirkt auf unterschiedliche Weise neuroprotektiv:

  • weniger Osteoporose ermöglicht mehr körperliche Aktivitäten, die den Gehirnfunktionen nützen,
  • vom geringeren KHK-Risiko bei frühem HRT-Start profitiert auch die Gehirndurchblutung; das ist in Dopplerstudien nachgewiesen,
  • antiinflammatorische Östrogenwirkungen tragen zur Neuroprotektion ebenso bei wie eine bessere Neurotransmitter-Versorgung der Neuronen (im MRT verifizierbar).

Professor J. Matthias Wenderlein von der Frauenklinik der Uni Ulm beschäftigt sich schon seit vielen Jahren schwerpunktmäßig mit der Hormonersatztherapie.

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