Ärzte Zeitung online, 18.08.2017
 

Demenz

Gesunder Körper – gesunder Geist?

Körperlich aktiv zu sein hilft beim gesunden Altern: Für Herz und Kreislauf mag das gelten. Was das Hirn angeht, speziell mit Blick auf Demenz, ist sich die Forschung da nicht mehr so sicher.

Von Robert Bublak

PARIS. "Gesunder Geist in gesundem Körper" – unter diesem aus der Antike überlieferten Motto stehen Bemühungen, durch körperlich-sportliche Aktivität die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen zu erhalten. Das ist vielfach in Studien überprüft worden, und das durchaus mit bestätigenden Resultaten. Doch in neueren Studien war der Effekt nicht reproduzierbar.

27 Jahre Nachbeobachtung

Eine französisch-britische Forschergruppe um Dr. Séverine Sabia vom Zentrum für epidemiologische Forschung am Institut national de la santé et de la recherche médicale in Paris hat nun die Daten der Whitehall-II-Studie auf Hinweise darauf durchforstet, dass regelmäßige Leibesübungen vor Demenz schützen können (BMJ 2017; online 22. Juni).

Analysiert wurden die Daten von 10.000 Bediensteten des britischen Öffentlichen Dienstes, die in den Jahren 1985 bis 1988, damals im Alter zwischen 35 und 55 Jahren, in die Whitehall-II-Studie eingetreten sind und sich seither regelmäßig haben untersuchen lassen. Zuletzt war das in den Jahren 2012 und 2013 der Fall gewesen.

Ein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß an körperlicher Aktivität und etwaigem kognitivem Abbau in den kommenden 15 Jahren war ebenso wenig nachzuweisen wie eine Verbindung zwischen der Aktivität und dem Demenzrisiko während der folgenden 27 Jahre – so lange währte die Nachbeobachtung im Mittel.

Vielmehr war es so, dass die körperliche Betätigung neun Jahre vor der Demenzdiagnose nachzulassen begann. "Unsere Studie hat keine Belege dafür ergeben, dass körperliche Aktivität einen neuroprotektiven Effekt hat", schreiben Sabia und ihre Kollegen im Fazit zu ihrer Studie.

Entgegengesetzte Resultate früherer Untersuchungen beruhten womöglich auf einer Kausalumkehr, also darauf, dass in der präklinischen Phase einer Demenz das durchschnittliche Niveau der körperlichen Bewegung sinke. Die nachlassende Aktivität sei vermutlich einfach auf die präklinischen Demenzsymptome zurückzuführen.

Kein Beleg für schützende Wirkung

Der aktuelle Cochrane-Review zu diesem Thema konnte ebenfalls nicht belegen, dass aerobes Training die kognitiven Funktionen älterer Menschen stärkt. Die Autoren der Überblicksarbeit widersprachen damit – teils eigenen – Ergebnissen aus einem vorhergehenden Review, in dem es geheißen hatte, körperliche Aktivität verbessere die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen.

Ohnedies beruht das Motto "Gesunder Geist in gesundem Körper" auf einem Missverständnis. Der römische Dichter Juvenal wollte nämlich keineswegs behaupten, dass Sport den Geist stärkt. Im unverkürzten Zitat legte er den Menschen vielmehr nahe, darum zu beten, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei.

Ob solche Gebete vor einer Demenz schützen, wäre aber erst noch zu prüfen.

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