Studien zu Prävention

Schluss mit der Kaffeesatzleserei!

Schützt Alkohol das Herz? Bewahrt Sport vor Demenz? Seit Jahrzehnten betreibt die Forschung hier nur epidemiologische Kaffeesatzleserei. Aktuelle Beispiele zeigen, dass es auch anders geht.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Weniger epidemiologische Kaffeesatzleserei und einen Paradigmenwechsel in der Präventionsforschung fordert Autor Thomas Müller.

Weniger epidemiologische Kaffeesatzleserei und einen Paradigmenwechsel in der Präventionsforschung fordert Autor Thomas Müller.

© schirmutzel/Fotolia

NEU-ISENBURG. Wer moderat Alkohol trinkt, hat ein geringeres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und erkrankt auch seltener an einer Demenz. Allerdings ist das Risiko für einige Tumoren erhöht, bei anderen wird hingegen ein protektiver Effekt diskutiert.

Und genau das ist das Problem: Es wird diskutiert, weil man es eben nicht genau weiß. Und man weiß es deshalb nicht so genau, weil es dazu bislang nur epidemiologische Studien gibt.

Es vergeht wohl kaum ein Tag, an dem nicht in irgendeiner Fachzeitschrift ein Artikel zum Nutzen oder Schaden von Alkohol erscheint, der bestenfalls aufgrund einer großen Kohortenstudie und schlechtestenfalls auf einer Fall-Kontroll-Analyse beruht.

Die Schwäche all dieser Studien: Es werden prospektiv oder retrospektiv Personen nach ihrem Alkoholkonsum befragt, und dieser Konsum wird mit einer Reihe von Erkrankungen assoziiert. Zum einen gibt aber kaum jemand seinen Alkoholkonsum ehrlich an, zum anderen verweisen epidemiologische Studien nur auf Zusammenhänge, nicht aber auf Ursachen.

So kann letztlich niemand genau sagen, ob Rotwein tatsächlich das Herz schützt oder ob Rotweintrinker nur einen anderen Lebensstil pflegen, der besser für die Gefäße ist - da helfen auch noch so viele statistische Tricks wie Kofaktorenadjustierungen und quasirandomisierte Propensity-Score-Matchings nicht, letztlich lassen sich die Resultate immer anzweifeln.

Sicher, epidemiologische Daten sind wichtig, um Zusammenhänge zu erfassen und Risikofaktoren zu erkennen, doch niemand benötigt die hunderttausendste Analyse zum Thema Alkohol.

Statt altbekannte Hinweise auf irgendetwas wiederzukäuen, sollte man die so verschwendeten Steuergelder lieber in große und gut gemachte Interventionsstudien stecken, um zu schauen, was an den Hinweisen tatsächlich dran ist. Dass dies auch bei Lebensstilfaktoren klappt, zeigen einige aktuelle Beispiele:

Genug von epidemiologischer Kaffeesatzleserei

Alkohol für Diabetiker: Offenbar hatten einige israelische Forscher genug von der epidemiologischen Kaffeesatzleserei und entwarfen erstmals eine größere randomisiert-kontrollierte Interventionsstudie zum Thema Alkohol und Diabetes: Sie spendierten Diabetikern, die bisher keinen oder kaum Alkohol getrunken hatten, über zwei Jahre hinweg zu jedem Abendessen entweder ein Glas Rotwein, Weißwein oder Wasser (Ann Intern Med 2015, online 13. Oktober).

Die 224 Patienten der Studie CASCADE (Cardiovascular Diabetes & Ethanol Trial) wurden nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen eingeteilt: 73 bekamen Rot- und 68 Weißwein von den Golanhöhen, die übrigen 83 mussten sich mit Wasser zufriedengeben.

Die Teilnehmer wurden nun gebeten, jeden Abend zum Essen 150 ml des jeweiligen Getränks in einem mitgelieferten Standardglas zu trinken.

Die Forscher sammelten regelmäßig die leeren Flaschen ein, um zu kontrollieren, ob der gelieferte Wein auch tatsächlich getrunken und nicht etwa verschenkt oder verkauft wurde. Zusätzlich sollten die Teilnehmer angeben, wie strikt sie sich an die Vorgaben hielten.

Zwei Jahre nach Studienbeginn hatten die Rotweintrinker einen signifikant besseren HDL-Wert als die Wassertrinker (2 mg/dl Differenz) und einen günstigeren Apolipoprotein-A1-Spiegel. Weißweintrinker profitierten dagegen von besseren Nüchternglukosewerten (Differenz 17 mg/dl), die Triglyzeridwerte waren in beiden Weingruppen besser als mit Wasser.

Sicher, die Effekte waren eher moderat und sind wohl nicht geeignet, um Alkohol aus therapeutischen Gründen zu empfehlen, aber die Studie liefert erste evidenzbasierte Ergebnisse, dass Alkohol tatsächlich einige kardiometabolisch günstige Effekte hat.

Mit Lebensstiländerung kognitiven Abbau bremsen

Lebensstil und Demenz: Als Meilenstein in der Präventionsforschung darf wohl die im Frühjahr veröffentlichte finnisch-schwedische Studie FINGER (Finnish Geriatric Intervention Study to Prevent Cognitive Impairment and Disability) gelten (Lancet 2015, online 12. März).

Auch hier wurden epidemiologische Erkenntnisse über Risikofaktoren in einer randomisiert-kontrollierten Studie überprüft. Teilnehmer waren ältere Personen mit einem leicht erhöhten Demenzrisiko und kardiovaskulären Risikofaktoren.

Alle erhielten Infomaterialien zu einer gesunden Lebensweise, die Hälfte bekam zusätzlich eine multimodale Intervention mit Schulungen zur gesunden Ernährung, individuell angepasstem körperlichem sowie regelmäßigem kognitivem Training unter Anleitung eines Psychologen.

 Nach zwei Jahren zeigte die Gruppe mit aktiver Intervention im Vergleich zur Kontrollgruppe eine Reihe signifikanter kognitiver Unterschiede etwa bei Gedächtnis, strategischem Handeln, der Aufmerksamkeitssteuerung und Verarbeitungsgeschwindigkeit, auch kam es seltener zu einem kognitiven Abbau.

Die Effekte waren nach zwei Jahren zwar klinisch kaum bedeutsam, dies könnte sich aber noch im Laufe der auf sieben Jahre angelegten Studie ändern. Entscheidend ist: FINGER liefert schon jetzt den ersten evidenzbasierten Beleg, dass eine Lebensstiländerung kognitiven Abbau bremsen kann.

Natürlich fehlen noch harte Endpunkte wie kardiovaskuläre Ereignisse oder die Demenzinzidenz - doch das ist primär eine Frage der Studiendauer und -größe. Wichtig wäre jetzt ein Paradigmenwechsel in der Präventionsforschung.

Daher der Appell: Wir haben mehr als genug epidemiologische Daten - hört also endlich auf damit und prüft Eure Hypothesen in kontrollierten Studien!

Mehr zum Thema

Paradigmenwechsel

Weißbuch Alzheimer: Mehr Frühdiagnostik gegen Demenzen

Weißbuch deckt Versorgungslücken auf

Alzheimer: Forscher halten Ärzte zu früher Intervention an

Das könnte Sie auch interessieren
Management tumorassoziierter VTE

© Leo Pharma GmbH

CME-Fortbildung

Management tumorassoziierter VTE

Anzeige | Leo Pharma GmbH
OH-Ton – Trifft den Ton in der Onkologie & Hämatologie

© Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA

CAR-T-Zelltherapie

OH-Ton – Trifft den Ton in der Onkologie & Hämatologie

Anzeige | Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Die Gesundheitsministerkonferenz will mehr Gelegenheiten für das Corona-Impfen schaffen – so auch in Apotheken.

© ABDA

GMK-Beschluss

Gesundheitsminister wollen Corona-Impfungen in Apotheken

Bei aggressiven Patienten hilft nur Deeskalation: Dabei sollten die MFA ruhig, aber bestimmt Grenzen setzen.

© LIGHTFIELD STUDIOS / stock.adobe.com

Tipps

Die richtige Kommunikation mit schwierigen Patienten