Ärzte Zeitung, 03.07.2006

Bald können Patienten den Blutzucker kontinuierlich messen

Werte von kontinuierlicher und konventioneller Messung stimmen gut überein / Neue Technik mißt Glukose in Interstitial-Flüssigkeit des Fettgewebes

LEIPZIG (ej). Die kontinuierliche Blutzuckermessung ist zur Zeit eine der spannendsten Entwicklungen in der Diabetestherapie, sagt Professor Werner Scherbaum vom Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf.

Neue Systeme wie der FreeStyle Navigator™ von Abbott Diabetes Care messen über fünf Tage jede Minute die Blutzuckerwerte. Solche Systeme sind die Basis für die Entwicklung eines künstlichen Pankreas. 

Eine neue Generation von Glukose-Sensoren ermöglicht es jetzt, daß Patienten solche Geräte selbständig nutzen können. Der Nadelsensor von Abbott hat einen Durchmesser von 0,6 mm. Und Patienten können ihn mit einer Applikationshilfe selbst subkutan legen. Anschließend wird der Datenüberträger (Sender) aufgesetzt und der Sensor mit Hilfe des integrierten Freestyle-Blutzuckermeßgeräts automatisch kalibriert. Danach braucht der Sensor zehn Stunden, bis er stabil mißt.

Alarmsignale fordern während der fünftägigen Tragezeit zu weiteren Kalibrierungen auf, nach 10, 12, 24 und 72 Stunden. Gemessen wird am Oberarm oder am Bauch. Die Werte werden mit Radiowellen auf den Empfänger - der am Gürtel getragen werden kann - übertragen. Die Werte werden dabei auf einem Monitor angezeigt, hieß es auf einem Symposium des Unternehmens Abbott beim Diabeteskongreß in Leipzig.

"Die Glukosekonzentration wird in der Interstitial-Flüssigkeit des subkutanen Fettgewebes gemessen und stimmt bei stabiler Stoffwechsellage weitgehend mit dem Wert der Probe aus der Fingerkuppe überein", erläuterte Scherbaum. Starke Schwankungen würden in der Interstitialflüssigkeit im Vergleich zu den Werten im Blut verzögert gemessen. Das könnte bei der Wahrnehmung von Hyper- und Hypoglykämien gelegentlich kritisch werden, meinte Scherbaum.

Daß die Werte von kontinuierlicher und herkömmlicher Blutzuckermessung relativ gut übereinstimmen hat die Home-Use-Studie ergeben, so der Diabetologe. An der Studie haben 42 Diabetiker (zwei Drittel mit Typ-1, ein Drittel mit Typ-2) im Alter von 22 bis 68 Jahren teilgenommen. Die kontinuierlichen Glukosemessungen mit dem Gerät wurden dabei über zweimal fünf Tage getestet und die Blutzuckerwerte mit herkömmlichen Geräten kontrolliert.

Vereinzelt seien an den Meßstellen Hautrötungen, Schwellungen und Jucken aufgetreten, weniger als zehn Prozent der Anwender hätten sich jedoch in ihren täglichen Aktivitäten beeinträchtigt gefühlt. Etwa 20 Prozent der Teilnehmer gaben an, daß sie die vielen Informationen überforderten.

Das ist nach Ansicht von Scherbaum ein wichtiges Problem, da die unmittelbare Anzeige von gelegentlich überraschend hohen oder niedrigen Werten die Gefahr eines "Überkorrigierens" berge. "Deshalb sollten Patienten im Umgang mit der kontinuierlichen Glukosemessung geschult und die Werte zunächst nur retrospektiv betrachtet werden", betonte Scherbaum.

Nach Angaben des Diabetologen ist die Indikation der Glukosesensoren bisher eingeschränkt. Mit den Meßwerten dürften bisher keine direkten Therapieentscheidungen getroffen werden. Nur Werte herkömmlicher Meßgeräte gelten dafür als präzise genug. Das kontinuierliche Glukosemonitoring werde daher als Ergänzung der Messung in Kapillarblut gesehen. Dies wird auch für das aktuelle Glukosemeßsystem von Abbott so sein, dessen US-Zulassung vom Unternehmen in diesem Jahr erwartet wird.

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