Ärzte Zeitung, 12.12.2008

Angst beeinträchtigt die Diabetestherapie

Viele Diabetiker leiden unter Krankheits-bezogenen Ängsten. Eine gute Qualität der StoffwechselEinstellung beugt dem vor. Doch die Ängste beeinträchtigen häufig die Diabetes-Therapie.

Angst beeinträchtigt die Diabetestherapie

Angst und Depression - bei Diabetikern nicht selten.

Foto: MonkeyBusiness@fotolia.de

Studien zufolge haben 20 bis 40 Prozent der Diabetiker vermehrt Angstsymptome. So hat das Forschungsinstitut Diabetes in Bad Mergentheim bei jedem vierten Patienten Auffälligkeiten festgestellt. Die Ängste waren bei sechs Prozent klinisch offenkundig und bei 19 Prozent subklinisch, so Dr. Bernhard Kulzer vom Diabetes-Zentrum Mergentheim bei der Diabetestagung in Berlin. Wobei auch subklinische Ängste Diabetiker erheblich belasten können.

Im Vordergrund stehen zwei Ängste: Die Patienten fürchten sich vor allem akut vor Unterzuckerungen und langfristig vor Folgeschäden des Diabetes. Die mögliche Folge beider Ängste: Der Patient weicht bewusst von seinen Blutzucker-Zielwerten ab.

So kann die Furcht vor Hypoglyk-ämien Diabetiker dazu veranlassen, einen breiten Sicherheitsabstand zu niedrigen Glukosewerten einzuhalten, wie Professor Gabriele Fehm-Wolfsdorf vom Lübecker Institut für Verhaltensmedizin berichtete. Die Distanz kann so groß werden, dass der Patient übliche Absicherungen -wie das ständige Mitführen von Traubenzucker - in Ermangelung eines Risikos komplett streicht.

So hohe Glukosewerte erhöhen aber die Gefahr, Diabeteskomplikationen zu entwickeln. Andere Patienten schränken ihr Leben stark ein und unternehmen zum Beispiel mit ihren Freunden keine Radtouren oder Spaziergänge mehr, weil sie irgendwann einmal dabei unterzuckerten.

Solche Ängste sind therapiebedürftig, sagt die Psychologin. Das ist aber kein Grund, die Furcht vor Hypoglykämien zu bagatellisieren: "Die Angst ist überwiegend realistisch", betont Fehm-Wolfsdorf. Das betrifft sowohl schwere Ereignisse mit Bewusstlosigkeit oder Krampfanfällen als auch leichte Hypoglykämien, die etwa durch Zittern, verlangsamtes Denken, Gedächtnisprobleme und Tachykardie ein Gefühl von Furcht und Handlungsunfähigkeit hervorrufen können.

Im Gegensatz zu Patienten mit Hypoglykämieangst versuchen solche, die Folgeschäden sehr fürchten, oft, ihre Blutzuckerwerte möglichst nah an der Untergrenze des Normbereichs zu halten. Diese Gratwanderung steigert jedoch ihr Risiko für Unterzuckerungen. Zuckerkranke, die gleichzeitig von beiden Ängsten geplagt werden, stecken also in einem noch größeren Dilemma.

Doch nicht nur Ängste plagen Diabetiker: Bei jedem dritten Patienten fand Kulzer depressive Merkmale. Sie waren bei 19 Prozent subklinisch; 13 Prozent hatten eine Depression. Klinische Depressionen und klinisch bedeutsame Ängste kommen auffallend oft bei den selben Patienten vor: Von den sechs Prozent derer mit relevanten Ängsten hatte ein Drittel gleichzeitig Depressionen.

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