Ärzte Zeitung online, 26.06.2017
 

Lange gut leben

Eine "mission impossible" für Diabetiker?

Für Diabetiker gibt es keinen Zweifel: Eine gute Blutzuckereinstellung zusammen mit einer Korrektur der übrigen Risikofaktoren lohnt sich. Dies erfordert außer Medikamenten aber auch eine geschickte Kommunikation, um Motivationsquellen zu erschließen.

Von Peter Stiefelhagen

Lange gut mit Diabetes leben: Eine „mission impossible“?

Blutzucker im Keller: Das fürchten vor allem alte Patienten.

© fovito / fotolia.com

MÜNCHEN. Die Lebenserwartung von Diabetikern konnte in den letzten Jahrzehnten wesentlich verlängert werden. Bei Typ 1-Diabetikern ist sie heute nach neueren Studienergebnissen annähernd ähnlich lang wie bei Stoffwechselgesunden. Doch dies gilt nicht überall: In einer schottischen Studie war die Lebenszeit bei Typ-1-Diabetikern weiterhin deutlich verkürzt. "Dies spiegelt die schlechte Versorgungsqualität in diesem Land wieder", erläuterte Professor Karin Lange aus Hannover beim 5. Forum: Die Hausarztpraxis im Fokus, zu dem das Unternehmen MSD nach München eingeladen hatte.

In der schottischen Studie habe sich auch gezeigt, dass gerade bei jüngeren Patienten neben Koma und Hypoglykämien, also der Compliance, auch Suizide und psychische Komorbiditäten als Todesursachen eine wichtige Rolle spielen.

Eine Kohortenstudie mit Patienten, die mehr als 50 Jahre mit Typ-1-Diabetes gelebt haben, hat ergeben: Langlebigkeit ist das Ergebnis einer komplexen Interaktion verschiedener Risikofaktoren. Günstig wirken akzeptable, aber nicht unbedingt ideale Blutzuckerwerte, hohes HDL-Cholesterin, niedriger täglicher Insulinbedarf, normales Köpergewicht, Nichtrauchen, Normotension, keine Mikroalbuminurie und Langlebigkeit in der Familie, sprich die genetische Prädisposition. "Was für Typ-1-Diabetiker gilt, trifft auch grundsätzlich für den Typ-2-Diabetiker zu", so Lange. Entscheidend für die Lebenserwartung seien die Qualität der Stoffwechseleinstellung und darüber hinaus auch die Korrektur des gesamten Risikoprofils. Doch dies erfordert meist eine tiefgreifende Umstellung der Lebensgewohnheiten und dies wiederum eine gute Kommunikation. Dabei müssen Motivationsquellen erschlossen und Barrieren überwunden werden. "Wir müssen den Patienten davon überzeugen, dass sich die Mühe lohnt und eine nachhaltige Therapie sinnvoll ist", so Lange.

Hürde 1: Psychologische Barrieren

Doch gerade zu Beginn der Diabetestherapie müssen eine Reihe von psychologischen Barrieren abgebaut werden. Zunächst sollten Vorwissen und Bewertungen validiert werden. Dabei sollten die Stärken und die Fähigkeiten des Patienten zur Problemlösung erfasst werden. "Bitte bedenken Sie dabei immer: Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Gedanken, die sie mit den Dingen verbinden", so Lange. Wer etwas wolle, finde auch einen Weg, wer aber nicht wolle, der finde immer irgendwelche Gründe, warum es nicht geht.

Auch ist es sinnvoll, Behandlungspräferenzen zu erfahren, um eine individualisierte Therapie einleiten zu können. Für den Patienten ist wichtig, dass er mit der Therapie im Alltag zurechtkommt. Der ältere Patient befürchtet vor allem, dass durch die Erkrankung und die Therapie sein selbstbestimmtes Leben bedroht ist und seine sozialen Beziehungen beeinträchtigt werden. "Besonders gefürchtet sind deshalb auch Hypoglykämien, was bei der Wahl der Medikamente berücksichtigt werden sollte", so Lange. So könne ein gutes Leben mit dem Diabetes zu einer "Mission possible" werden.

Hürde2: Die Umstellung auf Insulin

Die Ein- oder Umstellung auf Insulin bedeutet für viele Diabetiker eine Zäsur, zumal "die Spritze" mit einer starken Verschlimmerung assoziiert wird. Dabei wird der Hausarzt nicht selten mit der Frage konfrontiert: Muss es denn wirklich Insulin sein? "Statt eigentlich schon" sollten Sie diesen Patienten "Ja unbedingt" entgegensetzen. "Mit Ihrem Wissen, Ihrer Haltung, Ihren Emotionen, Ihren Worten und vor allem Ihrem nonverbalen Ausdruck müssen Sie den Patienten von der Notwendigkeit der Therapie überzeugen", so Lange. Gerade die nonverbale Kommunikation sei besonders wichtig; sie werde emotional und auch unbewusst gesteuert, sie reguliere zwischenmenschliche Beziehungen und unterstütze Verständnis und Einordnung. Sie dürfe nie im Widerspruch zur sprachlichen Information stehen, sonst komme es zu Missverständnissen.

Die Insulinspritze werde von den Patienten oft wie ein "Scheinriese" wahrgenommen. Wenn man sich der Angst aber nicht stellt, wird sie sich negativ verstärken. "Deshalb sollten auch hier die Prinzipien der Angsttherapie gelten: Nicht aufschieben, wiederholte Exposition, hilfreiche Gedanken, gute Praxis und vor allem Humor" so die Empfehlung von Lange.

[26.06.2017, 10:56:20]
Anton Safer 
Unblutige kontinuierliche Blutzuckermessung vorteilhaft - meine Erfahrung damit
Das A&O der Therapie für alle Diabetiker ist eine regelmäßige und gute Kontrolle des Blutzuckerspiegels, bewusste Steuerung des Essverhaltens und angemessene Dosierung des Insulins. Binsenweisheiten.

Das Problem beginnt schon bei der Messung. Blutige Messungen sind umständlich, beeinträchtigen den Tagesablauf, Arbeit und soziale Interaktionen. Und sie sind unnötig, wenn man Messungen mit einem Dauersensor vornehmen kann. Nein, ich rede nicht von einer Insulinpumpe mit Sensorsteuerung, sondern vom bislang einzigen Gerät im Markt, das solche Messungen erlaubt, Freestyle Libre. Noch ist der Sensor relativ teuer, aber es arbeiten mehrere Firmen an Systemen mit Dauersensoren. Und wenn die auf dem Markt sind, wird das Verfahren (derzeitige Kosten ca 4€ pro Tag) sicher wesentlich billiger.
Ein weiterer Vorteil gegenüber der Teststreifen-Methode ist die
schnelle Ablesung mit einem Messgerät, das berührungslos einen Sensor am Oberarm ausliest, kontinuierliche Messungen liefert (also auch Zwischenwerte über bis zu 8 Stunden). Ein Messvorgang dauert nur wenige Sekunden. Der Sensor wird mit einem Applikator an der Rückseite eines Oberarms angebracht, hat einen ca 5 mm langen Meßfühler, der unter die Haut geht, und schließt die Einstichstelle mit einem Kleberand dicht ab. Schwimmen und Duschen sind damit möglich.

Patienten können Nahrungsaufnahme und Medikation im Gerät mitprotokollieren. Ein frei verfügbares Auswerteprogramm kann die Daten im PC auswerten und aussagefähige Berichte liefern. Teststreifenmessungen zur Kontrolle sind mit diesem System ebenfalls möglich, aber nach meinem Eindruck unnötig.Blutige und unblutige Methode unterschieden sich bei meiner Erprobung um maximal 2 mg/dl.

Das unmittelbare Feedback aus dem Messverlauf hilft auch, die Reaktion des Blutzuckerspiegels auf die Nahrungsaufnahme besser zu verstehen, und fördert die Disziplin bei der Nahrungsaufnahme; verringert dadurch den Insulinbedarf.
Das Gerät ist damit auch sehr hilfreich, eine drohende Unterzuckerung frühzeitig zu erkennen, und ihr entgegen zu wirken. Man kann ja beliebig oft und ohne Umstände und Mehrkosten messen. Und bekommt die Messkurve des Tages jederzeit angezeigt.

Nun fehlt nur noch eine Abrechnungskennziffer, damit dem Arzt die Erklärung des Gerätes auch vergütet wird. Aber eigentlich genügt auch schon die dem Messerät und den Sensorpackungen beigefügte sehr einfache Erklärung

Nach 4-wöchiger Selbsterprobung kann ich nur empfehlen, die Teststreifen-Methode zur Blutzuckermessung in Rente zu schicken.

CDI-Erklärung:
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich stehe mit dem Gerätehersteller in keinerlei Verbindung (außer der als zahlender Kunde), erhalte auch keinerlei Zuwendung oder Begünstigung. Nur halte ich die Information über die Möglichkeit der unblutigen Glukosemessung nur für zu wichtig, um sie nicht zu kommunizieren.

Dr. Anton Safer
Humanbiologe & Biometriker zum Beitrag »

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