Ärzte Zeitung, 09.11.2017
 

rtCGM-Schulung

Ärzte zahlen drauf

Diabetologen, die auf eine angemessene Vergütung für Schulungen zur kontinuierlichen Glukosemessung hoffen, müssen Leidensfähigkeit mitbringen.

Von Christoph Winnat

Ärzte zahlen drauf

Messwerte satt – Die kontinuierliche Glukosemessung konfrontiert Diabetiker mit einer zunächst ungewohnten Datenmenge.

© Getty Images / Hemera

NEU-ISENBURG. Zehn mal zehn Minuten pro Krankheitsfall ist das Höchste, das der EBM derzeit zu bieten hat. Damit soll die "Anleitung zur Selbstanwendung eines Real-Time-Messgerätes", wie es in den einschlägigen, gleichlautenden GOP 03355, 13360 und 04590 heißt, abgegolten sein. In Summe wird die Einweisung der Patienten in die rtCGM also mit maximal 75,80 Euro jährlich honoriert.

Damit jedoch sei eine anspruchsvolle Schulung nicht einmal annähernd abgebildet, bemängelt Dr. Jens Kröger, in Hamburg niedergelassener Diabetologe und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Diabetes-Hilfe. Die Methodik der Geräte und der Glukosemessung in der Zwischenzellflüssigkeit zu verstehen, falle den Patienten anfangs schwer, berichtet Kröger. Zur Vermittlung nicht nur simplen technischen Anwenderwissens, sondern darüber hinaus des richtigen Umgangs mit den gemessenen Zucker-Werten, bedürfe es einer strukturierten Schulung, wie sie etwa mit dem Programm "SPECTRUM" bereits vorliege.

Die Patienten, sagt Kröger, hätten "ein ganz anderes Selbstverständnis, nachdem sie eine strukturierte Schulung durchlaufen haben". Allerdings umfasse eine solche Unterrichtung in seiner Praxis wenigstens sechs Termine zu je eineinhalb Stunden. "Das Programm ist fertig, und wir arbeiten damit. Nur ist es noch nicht evaluiert und wird deshalb auch nicht bezahlt." Die Diabetologen zahlten derzeit also drauf, moniert Kröger. SPECTRUM wurde von zwei Arbeitsgemeinschaften der Deutschen Diabetesgesellschaft entwickelt. Laut Kröger soll die Evaluation des Schulungsprogramms Anfang kommenden Jahres beginnen. Anschließend sei ein Genehmigungsverfahren beim Bundesversicherungsamt zu absolvieren. Und dann die Abrechnungsmöglichkeit im EBM als Schulungsprogramm zu verankern. Das ganze Verfahren könne ein bis eineinhalb Jahre dauern. Die Deutsche Diabetes-Hilfe fordere deshalb auch eine Übergangsregelung, um den Schulungsaufwand zur rtCGM "abrechenbar zu machen".

Auch der Allgemeinmediziner Dr. Michael Böhmer, Leiter einer Diabetes-Schwerpunktpraxis im ostwestfälischen Warburg, kritisiert, dass die Selbstverwaltung mit der rtCGM zunächst ein "Auto ohne Reifen auf die Straße" gebracht habe. Denn bei jeder Einstellung eines Patienten auf eine neue Gerätetechnik sei auch eine ausführliche Einweisung nötig. SPECTRUM hält Böhmer zwar für vernünftig, "aber auch ein bisschen zu ausführlich". Die für ein rtCGM in Frage kommenden insulinpflichtigen Patienten brächten schon ein breiteres Krankheitsverständnis mit. Zur Einübung in die technischen Finessen der rtCGM veranschlage er in seiner Praxis regelmäßig zwei bis drei Stunden vor der ersten Anwendung. Zusätzlich gebe es zwei Folgetermine, eine Woche und 14 Tage nach der Erstanwendung. Diese Sitzungen, die eine bis eineinhalb Stunden dauerten, seien "besonders wichtig", betont Böhmer, um anhand der in dieser Zeit protokollierten Werte zu überprüfen, wie ein Patient mit der ungewohnten Datenflut zurecht kommt.

Böhmer plädiert deshalb auch für einen vorsichtigen Umgang mit der kontinuierlichen Glukosemessung. Bei der konventionellen Blutzuckermessung mit Lancetten und Teststreifen erhalte ein Patient täglich vier bis fünf Werte. Bei der kontinuierlichen Sensor-Messung lägen "150 Werte vor." Die neue Technik verführe manche Patienten dazu, "alle fünf Minuten ihre Werte zu kontrollieren", berichtet der Diabetologe. "Aber wir brauchen keine Berufsdiabetiker!" Manche hätten "die falsche Vorstellung, die Blutzuckerlinie müsse gerade wie mit dem Lineal gezogen" verlaufen und würden nun ständig versuchen, ihre Kurve anzupassen. Das Resultat seien meist schlechtere Stoffwechselergebnisse als bei denjenigen, die gelassener mit der Dauermessung und einem volatilen Blutzuckerspiegel umgingen.

Diese Herausforderung, "nicht zuviel in die Messwerte hineinzuinterpretieren", werde den Patienten gegenüber offensiv angesprochen, versichert Böhmer, "schon wenn wir das erste Mal über eine Verordnung reden". Über das spärliche EBM-Honorar in Sachen rtCGM regt er sich nicht weiter auf. Ja, unterm Strich sei die CGM-Schulung eine viel zu schwach dotierte Dienstleistung. Doch schließlich sei niemandem damit gedient, wenn durch schwankende Blutzuckerwerte verunsicherte Patienten die Praxis mit telefonischen Nachfragen fluten.

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