Ärzte Zeitung online, 27.11.2017
 

Reizthema Ernährung

Superfood – Entgiftend oder giftig?

Chia-Samen, Acai-Beeren, Cranberries: Da "Superfood" positive Effekte auf die Gesundheit haben soll, wird in Deutschland viel Geld dafür ausgegeben. Die Wirksamkeit ist jedoch nicht belegt und es gibt häufig günstige heimische Alternativen.

Von Wolfgang Geissel

Entgiftend oder giftig?

In einer Studie konnten Adipöse ihr Gewicht mit einer Restriktionsdiät, die mit Chia-Samen ergänzt wurde, nur wenig reduzieren.

© Dron/stock.adobe.com

"Superfoods" sind meist exotische Lebensmittel, die größere Mengen an Vitaminen, Mineralstoffen, Proteinen, sekundären Pflanzenstoffen und essenziellen Fettsäuren enthalten. Ihnen werden antioxidative und anti-inflammatorische Effekte zugesprochen, sie sollen entgiftend wirken, die Zellreparatur und die Wundheilung fördern sowie die Sehkraft, Fitness und Belastbarkeit stärken. Beispiele für solche Produkte sind Chia-Samen, Goji- und Acaibeeren, Quinoa, Ginkgo und Ginseng sowie Weizengras und Curcuma.

Eine eher durchwachsene Bilanz zieht allerdings die Ernährungsmedizinerin Professor Yurdagül Zopf vom Hector-Center für Ernährung, Bewegung und Sport am Universitätsklinikum Erlangen. Bei der Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) hat sie einen Überblick gegeben.

Gegen die "Superfoods" sprechen oft ihr hoher Preis, die weiten Transportwege bis Deutschland, aber auch fehlende hygienische Vorgaben bei der Lagerung in Herkunftsländern. Zudem kann es Wechselwirkungen mit Medikamenten geben. So verstärken etwa Gojibeeren die Blutverdünner.

Erhöhte Schadstoffwerte in Superfoods

Bedenklich ist zudem, dass viele der Lebensmittel mit Schadstoffen wie Pestiziden oder Schimmel belastet sind. Zopf zitierte eine Untersuchung der Zeitschrift "Ökotest", die im vergangenen Jahr 22 solcher Produkte (18 davon Bio!) testen ließ. Ergebnis: 15 wurden als "mangelhaft" oder "ungenügend" beurteilt, vor allem auch wegen erhöhter Schadstoffwerte.

Auch die postulierten gesundheitsfördernden Effekte der "Superfoods" sind nur in einigen wenigen Studien belegt, wie Zopf weiter berichtete. Beispielhaft erläuterte sie die Evidenz zu Chia-Samen. Diese können wegen ihres hohen Anteils an Ballaststoffen, Alfa-Linolensäure und Proteinen sowie eines Appetit-zügelnden Effekts Patienten bei der Gewichtsreduktion unterstützen.

Was dabei zu erwarten ist, zeigt eine Studie mit 77 übergewichtigen Typ-2-Diabetikern (BMI 25 bis 40). Alle bekamen eine sechsmonatige Restriktionsdiät, die pro 1000 kcal entweder mit 30 g Salba Chia oder mit 36 g Haferkleie pro Tag ergänzt wurde (Nutr Metab Cardiovasc Dis 2017; 27: 138).

Leinsamen statt Superfood?

Ergebnis: Patienten der Chia-Gruppe nahmen im Schnitt um 1,9 kg ab, die Vergleichsgruppe um 0,3 kg. Vorteile ergaben sich auch beim Taillenumfang (minus 3,5 vs -1,1 cm) beim CRP-Wert (-1,1 vs -02 mg/l) sowie als Zeichen eines verbesserten Stoffwechsels beim Adiponectin (+6,5 vs +/- 0 Prozent).

Allerdings hatten Chia-Samen in anderen Studien keinen eindeutigen Effekt auf kardiovaskuläre Risikofaktoren. Das hat zumindest eine Metaanalyse von sieben Studien mit insgesamt 200 Patienten ergeben (Nutr Hosp 2015; 2:1909).

Hier punkten eher herkömmliche Leinsamen. In einer Studie mit 110 Hypertoniepatienten ging durch eine Kost mit täglich 30 g gemahlenen Leinsamen der systolische Blutdruck im Schnitt von 142 auf 136 mmHg zurück, in einer Kontrollgruppe mit Placebo stieg der Druck hingegen von 142 auf 145 mmHg an (Hypertension 2013; 62: 1081).

Interessant ist ein Vergleich von Chia-Samen mit den heimischen Leinsamen: Der Effekt der beiden Lebensmittel auf den Blutzuckeranstieg bei einer Provokation mit 50 g Glukose wurde bei 15 gesunden Probanden untersucht. Ergebnis: Beide Samen bremsten im Vergleich zu Placebo den steigenden Blutzucker ähnlich stark, wobei die Chia-Samen etwas stärker wirksam waren (Eur J Clin Nutrition 2017; 71: 234).

Heimische Produkte punkten

Insgesamt sieht Zopf keine dramatischen Unterschiede bei den Effekten von exotischen und heimischen Produkten. So haben zum Beispiel Haferflocken und Quinoa ein ähnlich günstiges Mikronährstoff-Profil. Die metabolischen Effekte von Haferflocken bei Typ-2-Diabetikern zeigten sich zudem in einer Metaanalyse von 14 kontrollierten Studien und zwei Beobachtungsstudien.

Der Konsum von Haferflocken ging dabei im Schnitt mit einem Rückgang von 0,43 Prozentpunkten beim HbA1c einher, ebenso mit der Reduktion von 7 mg/dl beim Nüchternblutzucker, von 19 mg/dl beim Gesamtcholesterin und von 11 mg/dl beim LDL- Cholesterin (Nutrients 2015, 7:, 10369).

Als heimische Champions unter den besonders gesunden Lebensmitteln sieht Zopf dabei Heidelbeeren, schwarze Johannisbeeren, Aroniabeeren, rote Bete, Grünkohl und Mandeln. Ein besonderes Faible hat die Ernährungsmedizinerin für Brokkoli, wegen seiner krebspräventiven Wirkung.

Die Wirksubstanzen sind dabei die Glucosinolate: Sulforaphan und Indol-3-Carbinol. Durch antioxidative und anti-inflammatorische Eigenschaften fangen sie schädliche freie Radikale ab und verhindern so die Zellschädigung und Entstehung von Tumoren.

Abwechslungsreiche Ernährung reicht aus

Mit Sulforaphan-Gabe wurde in Studien die Inzidenz von Brust-, Prostata- und Darmkrebs gesenkt (Curr Pharmacol Rep 2015; 1: 46). Schon normale Mengen des Gemüses seien wirksam, so Zopf: Vier Portionen Brokkoli à 100 g pro Woche hatten in einer Studie einen präventiven Effekt vor Prostatakrebs. Und: "Brokkoli-Sprossen enthalten die 10- bis 100-fache Menge an Wirksubstanzen".

Das Fazit von Zopf: Deutschland ist keine Vitaminmangelregion, für gesunde Menschen reicht eine normale abwechslungsreiche Ernährung aus. "Superfoods" sind eigentlich unnötig, stattdessen sollten heimische Alternativen bevorzugt werden.

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