Ärzte Zeitung, 21.08.2006
 

Sanfte Operationsmethode bei abstehenden Ohren

Neue, minimal-invasive Methode zur Ohrmuschelkorrektur / 320 Ohren in Österreich korrigiert / Bisher nur ein Rezidiv

SPITTAL (eb). Segelohren sind nicht nur für Kinder ein Problem. Auch viele Erwachsene, die nicht wegen abstehender Ohren in ihrer Jugend operiert worden sind, suchen ärztliche Hilfe, wenn sie nicht mehr mit der belastenden Situation leben wollen.

Patientin mit abstehenden Ohren vor und nach der neuen Anthelixplastik-Operationsmethode von hinten. Fotos (5): Ärzte Woche

Traditionell ist das fünfte Lebensjahr der beste Zeitpunkt, um abstehende Ohren zu operieren, weil mit diesem Alter die Ohrmuschel schon etwa 90 Prozent ihrer endgültigen Größe erreicht hat. Bei einer neuen, schonenden Op-Technik wird so lange am Knorpel der Vorderseite des Ohrs gefeilt, bis er sich durch seine Eigenelastizität in die gewünschte Form biegt.

Traditionelle Ohrmuschelplastik führte zu etlichen Problemen

"Bei den traditionellen Ohrmuschelplastiken gibt es mehrere Probleme: Das sind einerseits die Nähte, die noch nach Jahren herauskommen können, und andererseits Schnitte im Ohrmuschelknorpel, die sich als scharfe Kanten auf der Vorderseite durchdrücken oder - wenn nicht sauber geschnitten wurde - sogar als Unregelmäßigkeiten erscheinen", erklärt Dr. Hermann Raunig, HNO-Facharzt aus Spittal an der Drau in Österreich. Außerdem komme es bei der konventionellen Methode auch zu Narben an der Rückseite der Ohrmuschel.

Anatomie des äußeren Ohrs
Anatomische Darstellung der Ohrmuschel und des äußeren Gehörganges. Grafik: Ärzte Zeitung

Der alte Grundgedanke zur Korrektur abstehender Ohren war es, die biomechanischen Eigenschaften des Ohrknorpels zu nutzen. Dies habe sich nie richtig durchgesetzt, weil immer die falschen Instrumente verwendet wurden, so Raunig. Früher habe die Meinung bestanden, daß der Knorpel geritzt werden müsse, damit er sich biegt. Die Idee, bei abstehenden Ohren eine selbständige Biegung des Ohrknorpels durch Ritzen zu erreichen, sei bereits 1938 veröffentlicht worden. "Er biegt sich damit schon, aber nicht ideal", sagt Raunig.

Seit 2001 arbeitet der HNO-Arzt in Spittal mit der neuen, minimal-invasiven Technik - der biomechanischen Umformung des Ohrknorpels. Nicht das Skalpell als stärkeres Instrument bringe den besten Effekt, sondern die Diamantfeile. "Früher hat man das Ohr von hinten aufgeschnitten und einen riesigen Zugang gemacht, um eine Kleinigkeit zu erreichen. Heute kann man einen zwei Zentimeter langen Schnitt an einer verdeckten Stelle machen und das mit wesentlich besserem Erfolg", berichtet der HNO-Spezialist.

Bei der neuen Anthelixplastik-Methode wird erst eine Inzision in der Scapha vorgenommen, dann die Diamantenfeile in den Hauttunnel eingeführt und der Knorpel gefeilt bis er sich in die erwünschte Form biegt .

Der Zugang zum Knorpel erfolgt bei der neuen Methode durch einen kleinen Schnitt in der Scapha vor dem Crus superior, über einen subperichondralen Tunnel entlang der neu zu bildenden Anthelix. Unter Berücksichtigung der Schlüsselpunkte der Ohrmuschelelastizität wird der Knorpel an der Vorderseite so lange gefeilt, bis sich die Ohrmuschel spannungsfrei in die gewünschte Form biegt. Der retroauriculäre Bereich bleibt dabei völlig unberührt.

Hierin liegt einer der Unterschiede zur traditionellen Technik. Dabei erfolgte der Zugang meist retroauriculär. "Die Vorteile für den Patienten sind eine ungefähr 60 Prozent kürzere Anästhesiezeit, entweder in Allgemeinnarkose bei Kindern oder in Lokalanästhesie bei Erwachsenen. Damit liegt die Traumatisierung etwa 60 Prozent niedriger", erklärt Raunig. Auch für den Operateur bedeutet diese Methode eine große Zeitersparnis. Ein weiterer Vorteil: "Die Kinder haben nur am Tag der Operation Schmerzen", so Raunig zur "Ärzte Zeitung".

Seit Januar 2001 wurden schon über 320 Ohren mit dieser Methode erfolgreich operiert. "Bis jetzt hatte ich nur ein Rezidiv, bei einem Kind, bei dem die Mutter postoperativ vergaß, das Ohr zu kleben", berichtet der HNO-Arzt.

Besonders wichtig ist bei der neuen Technik die Nachsorge. "Bei dieser Methode ist es mit der Operation alleine nicht getan. Man muß die operierten Ohren in der neuen Form mit einem Klebeband fixieren", betont Raunig. Bis sieben Tage nach der Operation erhalten die Patienten einen Verband. Anschließend muß das Ohr für zwei bis sechs Wochen am Helixrand mit einem Klebestreifen nach hinten zum Mastoid hin fixiert werden. Dadurch kann der Heilungsprozess in dieser Position stattfinden. "Ich kontrolliere das Klebeband zuerst wöchentlich, ob es richtig angebracht wurde. Allerdings machen das die Eltern in 99 Prozent der Fälle nach einmaligem Erklären hervorragend", sagte Raunig. Es bestehe auch die Möglichkeit den Ohrknorpel durch resorbierbare Nähte zu fixieren. Nachdem der Verband entfernt ist, dürfen die Patienten etwa Duschen oder Schwimmen und sind nicht mehr eingeschränkt.

Neue Op-Methode eignet sich für Kinder und Erwachsene

Die Methode ist für fast jede Form des abstehenden Ohres bei Kindern und Erwachsenen geeignet. "Überall dort, wo man mit einer Wölbung allein ein zufrieden stellendes Ergebnis bekommt, macht die Methode Sinn. Nicht ideal geeignet ist sie jedoch bei einer extrem großen Cavum-conchae-Hyperplasie", sagt Raunig. Das Ohr würde dann ein eher unnatürliches Aussehen erhalten.

Kollegen aus Europa und auch aus den USA bekunden zunehmendes Interesse an der neuen Technik, sagte Raunig der "Ärzte Zeitung". Im September werde seine Technik etwa beim Europäischen Gesichtschirurgie-Kongreß in Dublin diskutiert.

Kollegen, die sich für die neue Op-Technik bei abstehenden Ohren interessieren, können mit Dr. Hermann Raunig Kontakt per E-Mail aufnehmen: h.raunig@inode.at

Dieser Text basiert zum Teil auf einer Veröffentlichung in der "Ärzte-Woche"; 19. Jg., Nr. 47, 2005

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