Ärzte Zeitung online, 13.01.2012

Blutdruck senken bringt Lebenszeit

Blutdrucksenkung verlängert das Leben von Hypertonikern. Erstmals konnten US-Forscher jetzt aufdecken: Jeder Monat, in dem der Blutdruck gesenkt wird, beschert zusätzlichliche Lebenszeit.

Erstmals belegt: Blutdrucksenkung erhöht die Lebenserwartung

Blutdruck: Ihn zu senken, erhöht die Lebenserwartung.

© Arne Trautmann / panthermedia

NEW BRUNSWICK (ob). Durch medikamentöse Blutdrucksenkung konnte in placebokontrollierten Studien, die in der Regel nicht länger als fünf Jahre dauerten, die Inzidenz tödlicher und nicht tödlicher kardiovaskulärer Ereignisse deutlich reduziert werden.

In einigen Fällen ist die Nachbeobachtung der Studienteilnehmer nach Abschluss der Studien fortgesetzt worden. Gezeigt werden konnte, dass der Überlebensvorteil der aktiv behandelten Verumgruppe auch in der Phase der prolongierten Nachbeobachtung, in der allen Teilnehmern eine blutdrucksenkende Therapie empfohlen worden war, erhalten blieb ("Legacy-Effekt").

Unklar ist aber nach wie vor, ob und in welchem Maße aus der Blutdrucksenkung auf lange Sicht eine wirkliche Verlängerung des Lebens resultiert. Die zur Beantwortung nötigen Langzeitdaten aus Blutdrucksenkerstudien fehlten bislang.

Der SHEP-Studiengruppe verdanken wir, dass es solche Daten jetzt erstmals gibt (JAMA 2011; 306: 2588).

Eine placebokontrollierte Hypertonie-Studie wie SHEP (Systolic hypertension in the Elderly Program) wäre heute aus ethischen Gründen nicht mehr möglich. Damals - Studienbeginn war im März 1984 - stand aber auf der Tagesordnung, den klinischen Nutzen von Blutdrucksenkern im Vergleich mit Placebo erst noch unter Beweis zu stellen.

Mehr als 4700 ältere Hypertoniker mit isolierter systolischer Hypertonie (ISH) sind im Schnitt 4,5 Jahre lang mit dem Diuretikum Chlortalidon (bei Bedarf zusätzlich Atenolol) oder Placebo behandelt worden.

158 Tage länger leben

Als Folge der im Studienverlauf erzielten Blutdrucksenkung - die Blutdruckwerte lagen in dieser Zeit im Mittel bei 143/78 mmHg (Verum) und 155/72 mmHg (Placebo) - wurde die Inzidenz von kardiovaskulären Ereignissen signifikant reduziert.

Allerdings ergaben weder bei der kardialen Mortalität noch bei der Gesamtmortalität signifikante Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Nach Abschluss der Studie wurde allen Teilnehmern die blutdrucksenkende Behandlung ans Herz gelegt.

Für die aktuelle Studie hat die SHEP-Gruppe anhand eines Sterberegisters (National Death Index) alle Todesfälle unter den Studienteilnehmern und deren Ursache bis zum Stichtag 31. Dezember 2006 ermittelt. Die Dauer der Nachbeobachtung, vom Zeitpunkt der Randomisierung an gerechnet, betrug damit knapp 22 Jahre.

Die Bilanz bezüglich des Gewinns an Lebenszeit: In der Studie antihypertensiv behandelte Patienten lebten im Schnitt 158 Tage länger als Patienten der Placebogruppe, ohne von einem tödlichen kardiovaskulären Ereignis betroffen zu sein.

Bei Berücksichtigung von Todesfällen jeglicher Ursache belief sich der Überlebensvorteil auf 105 zusätzliche Tage Lebenszeit.

Lebensverlängerung auch im Alter

Nach Berechnungen der SHEP-Autoren resultiert daraus folgende Formel: Mit jedem Monat, den ein Hypertoniker unter kontinuierlicher antihypertensiver Therapie verbringt, erhöht sich die Lebenszeit, die er ohne eine tödliche kardiovaskuläre Komplikation verbringt, um einen zusätzlichen Tag.

Die Lebenszeit ohne Eintreten eines tödlichen Ereignisses jeglicher Ursache verlängert sich jeweils um einen halben Tag.

Um den Gewinn an Lebenszeit zu dokumentieren, haben die SHEP-Untersucher noch eine zweite Berechnung angestellt. Sie verglichen auch die Zeitspannen, innerhalb derer 30 Prozent aller Studienteilnehmer gestorben waren (70. Perzentile der Überlebensrate).

Ergebnis: Gemessen an der kardiovaskulären Mortalität wurde dieser Zeitpunkt bei den Patienten der ursprünglichen Verumgruppen im Vergleich zu jenen der Placebogruppe erst 1,4 Jahre später erreicht (17,8 versus 16,4 Jahre). Gemessen an der Gesamtmortalität verlängerte sich die Zeitspanne um rund ein halbes Jahr (11,5 versus 11,0 Jahre).

Zu bedenken ist, dass die beobachtete Lebensverlängerung bei Patienten erreicht wurde, die zu Therapiebeginn bereits im Schnitt 72 Jahre alt waren. Bei einem noch früheren Start der antihypertensiven Therapie könnte der Überlebensvorteil noch größer sein.

Auch zeigt die Analyse der SHEP-Forscher, dass der lebensverlängernde Effekt mit der Güte der Blutdruckeinstellung, gemessen am Erreichen der systolischen Zielwerte, größer wurde.

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