Ärzte Zeitung, 19.02.2014

Hypertonie

"Maskierung" kann täuschen

Einzelmessungen des Blutdrucks in der Praxis täuschen bei behandelten Hypertonikern oft eine optimale Blutdruckeinstellung vor, die nicht der Realität entspricht. Experten sprechen von "maskierter unkontrollierter Hypertonie".

Von Peter Overbeck

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Blutdruckmessung im weißen Kittel.

© Getty Images/iStockphoto

MADRID. Der Blutdruck schlägt bekanntlich immer wieder gerne ein Schnippchen und verleitet so zu Fehleinschätzungen. Mal steigt er just zum Zeitpunkt der Messung in der Arztpraxis oder Klinik deutlich an, während sich die Werte des Patienten ansonsten weitgehend im Normalbereich bewegen (Weißkittelhypertonie).

Auch das Gegenteil kann passieren: Während bei der Praxismessung erfreuliche Normalwerte angezeigt werden, ergeben ambulante Langzeitmessung oder häusliche Selbstmessungen eindeutig erhöhte Blutdruckwerte.

In diesem Fall spricht man von einer "maskierten" Hypertonie. Bisher ist dieses Phänomen vor allem bei bis dato unbehandelten Patienten untersucht worden, bevor die Diagnose Hypertonie gestellt wurde.

Eine entsprechende "Maskierung" scheint es aber auch bei Patienten mit Bluthochdruck zu geben, die bereits antihypertensiv behandelt werden. In diesem Fall gaukelt die Praxismessung eine gute Blutdruckkontrolle durch medikamentöse Therapie vor, während die ambulante Langzeit-Blutdruckmessung (ABDM) eine unbefriedigende Einstellung offenbart.

Eine Gruppe spanischer und britischer Forscher hat dafür den Begriff "maskierte unkontrollierte Hypertonie" (abgekürzt MUCH: masked uncontrolled hypertension) kreiert.

Auch nächtlicher Blutdruck im Visier

Die Forschergruppe um Dr. José R. Banegas aus Madrid ist diesem Phänomen nun erstmals in einer großen Studie genauer auf den Grund gegangen (Eur Heart J 2014, online 3. Februar). Besonderen Wert legte sie dabei auf die ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung.

Denn in den bisherigen Studien seien häufig nur die Tageswerte per Selbstmessung oder ambulantem Monitoring erfasst worden - was zur Folge hatte, dass nächtliche Blutdruckerhöhungen unberücksichtigt blieben. Dieses Manko wollten Banegas und seine Kollegen in ihrer Studie explizit beheben.

Grundlage der Analyse bildeten Daten aus dem spanischen ABPM-Register. In dieses Register waren bis Dezember 2010 insgesamt 99.884 Patienten mit Bluthochdruck aufgenommen worden. Von 62.788 Hypertonikern, die bereits mit Blutdrucksenkern behandelt wurden, lagen die kompletten Daten der Blutdruckmessung in der Klinik sowie der ambulanten Langzeitmessung vor.

Aus dieser Population wurden wiederum 14.840 Patienten herausgefiltert, deren Blutdruck sich unter der Therapie bei Einzelmessung in der Klinik normalisiert gezeigt hatte ( < 140/90 mmHg).

Diskrepanz in 31 Prozent der Fälle

Die Frage war nun, ob sich die Blutdrucknormalisierung auch in den ambulanten Langzeitmessungen widerspiegeln würde. Bei der Mehrzahl der Patienten war das der Fall: Ihr mittlerer 24-Stunden-Blutdruck blieb unterhalb eines Schwellenwerts von 130/80 mmHg . Also alles optimal.

Aber: Bei immerhin 4608 Patienten (31,1 Prozent) lag der 24-Stunden-ABDM-Wert oberhalb dieser Schwelle - trotz optimalem Blutdruck bei Messung in der Klinik. Per definitionem bestand bei ihnen somit eine "maskierte unkontrollierte Hypertonie" oder MUCH.

Betroffen davon waren signifikant häufiger Männer, Raucher, jüngere Hypertoniker (unter 65 Jahre), Patienten mit einem hohen kardiovaskulären Risiko aufgrund multipler kardiometabolischer Risikofaktoren (Diabetes, Fettleibigkeit) sowie Patienten mit hoch normalen Blutdruckwerten bei der Klinik-Messung ("Borderline"-Bereich: 130-9/80-9 mmHg).

Vor allem deutlich höhere nächtliche Blutdruckwerte trugen bei den Patienten mit MUCH wesentlich dazu bei, dass die ABDM-Werte nicht im Einklang mit den optimalen Klinik-Blutdruckwerten standen. Banegas und seine Forscherkollegen spekulieren, dass Störungen wie Schlafapnoe oder Sympathikus-Überaktivität dafür eine Erklärung sein könnten.

Fazit der Studienautoren: Sich bei vermeintlich gut eingestellten Hypertonikern allein auf die in der Praxis - oder Klinik gemessenen Blutdruckwerte zu verlassen, reicht oft nicht aus, um die wirkliche Blutdruckeinstellung adäquat beurteilen zu können.

Sie plädieren nicht zuletzt wegen der ansonsten unentdeckt bleibenden nächtlichen Blutdruckerhöhung für eine breitere Nutzung der Blutdruckmessung mittels 24-Stunden-ABDM. Dafür kämen vor allem Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko in Betracht, die am meisten von einer Optimierung der blutdrucksenkenden Therapie profitieren würden.

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