Ärzte Zeitung online, 29.10.2013

Frauen für Studie gesucht

Wenn Stress dem Herzmuskel zusetzt

Neurologen, Kardiologen und Psychosomatiker erforschen Auslöser des vermeintlichen Frauen-Herzinfarkts. Dafür werden gesunde Probandinnen ab 55 Jahren gesucht.

DRESDEN. Es müssen nicht immer verstopfte Arterien sein, die zu einem Herzinfarkt führen: Besonders bei Frauen treten Kardiomyopathien auf, die sich nicht auf körperliche Ursachen wie eine Atherosklerose zurückführen lassen. I

n diesen Fällen geht dem vermeintlichen Herzinfarkt eine Stress-Situation voran - zum Beispiel der Tod eines nahestehenden Menschen oder heftige Konflikte, teilt das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden mit.

Erst seit dem Jahre 2005 gibt es zum Krankheitsbild der "Stress-Kardiomyopathie" eine klinische Definition. Doch die Frage wie diese Erkrankung entsteht, ist weitestgehend ungeklärt.

In einer Studie eines Speziallabors der Klinik für Neurologie am Uniklinikum Dresden will ein interdisziplinäres Team klären, ob es einen Zusammenhang zwischen der individuellen Stressverarbeitung und einer durch Stress ausgelösten Herzmuskelerkrankung gibt.

Risiko-Merkmale werden identifiziert

Ziel ist es, die Risiko-Merkmale zu identifizieren, die das Auftreten dieser Erkrankung wahrscheinlich machen, um so sinnvolle Vorsorgemaßnahmen zu entwickeln.

An der Studie beteiligen sich neben Neurologen auch Experten der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Uniklinikums sowie Kardiologen des Herzzentrums Dresden und des Städtischen Krankenhauses Dresden-Neustadt.

Im Rahmen der Studie werden nicht nur Patientinnen untersucht, bei denen der Verdacht auf eine "Stress-Kardiomyopathie" besteht, sondern auch gesunde Frauen, die das 55. Lebensjahr bereits vollendet haben.

Während Dichter das Herz gern als Sitz der Seele bezeichnen, ist es für den Arzt schlicht eine Pumpe für das Blut. Und doch kann die Seele offenbar für heftigen Schmerz vor allem im Brustkorb sorgen, der in den Rücken und den linken Arm ausstrahlt sowie Luftnot auslöst.

Das sind die gleichen Symptome wie der auf verschlossenen Arterien beruhende "echte" Herzinfarkt.

Die gute Nachricht: Der durch Stress hervorgerufene Infarkt schädigt den Herzmuskel in der Regel nicht nachhaltig.

Denn anders als bei einem durch Verkalkungen der Arterien verursachten Herzinfarkt, bei dem Zellen des Herzmuskels absterben, ist die stressbedingte Verengung der Herzgefäße vorrübergehend und weniger gravierend. Auslöser ist das autonome Nervensystem des Menschen.

Es reguliert die Durchblutung des Organismus durch das Weiten oder Zusammenziehen der Gefäße. Beim stressbedingten Infarkt sorgen biologische Prozesse dafür, dass sich die Herzgefäße verengen und so die Symptome eines regulären Infarkts auftreten.

Zu 90 Prozent sind Frauen betroffen

Betroffen von der "Stress-Kardiomyopathie" sind zu 90 Prozent Frauen - zumeist nach den Wechseljahren. Als Auslöser des vermeintlichen Herzinfarkts gelten unter anderem emotional stark belastende Situationen - etwa Tod oder schwere Erkrankung eines Familienmitglieds oder eines engen Freundes.

Auch Konflikte innerhalb der Familie oder im Beruf, Gewalterfahrungen, Panikattacken und Angstzustände gehören zu den Triggern.

Die Dresdner Wissenschaftler gehen davon aus, dass Patienten mit Stress-Kardiomyopathie sensibler auf Stressreize reagieren als Gesunde. Anhaltspunkt dafür ist auch die hohe Zahl an Patientinnen, die vor dem vermeintlichen Herzinfarkt bereits an psychischen Störungen - vor allem Panik- und Angstattacken -  gelitten haben.

Bei diesen Erkrankungen ließ sich bereits der Zusammenhang einer besonderen neurobiologischen wie kognitiven Empfindsamkeit der Patienten nachweisen.

Das Ziel der Dresdner Studie ist es deshalb, die Stressreaktionen von Personen mit Stress-Kardiomyopathie zu untersuchen und mit denen Gesunder zu vergleichen.

Um bei den Probanden das individuelle Erleben von Stresssituationen und die kognitive Verarbeitung von Stress unter Berücksichtigung der Persönlichkeitsstruktur und frühkindlichen Erfahrungen zu erheben, nutzen die Forscher standardisierte psychologische Fragenbögen und nehmen Stresstests im Labor vor.

Zudem werden körperliche Reaktionen auf Stress untersucht -zum Beispiel die Ausschüttung von Hormonen oder Veränderungen von Blutdruck und Herzfrequenz. (eb)

Mehr Infos: E-Mail: katharina.loebmann@uniklinikum-dresden.de, Telefon: 0351/458-7121 (wochentags von 8 bis 14 Uhr)

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