Ärzte Zeitung, 31.10.2016
 

Herzinfarkt

Verräterische Oberschenkelarterie

Das Herzinfarkt-Risiko lässt sich mit einem einfachen Ultraschall kaum abschätzen. Dafür lohnt sich ein Blick auf die Oberschenkelarterie, wie Forscher jetzt herausgefunden haben.

Von Thomas Müller

 Verräterische Oberschenkelarterie

Wie hoch ist das Herzinfarktrisiko? Ein Ultraschall der Oberschenkelarterie gibt den Zustand der Herzgefäße zuverlässiger wieder als ein Ultraschall der Karotiden.

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Mit einem einfachen Ultraschall das kardiovaskuläre Risiko bestimmen - dies ist bisher kaum zuverlässig möglich. Vielleicht wurden bisher jedoch die falschen Gefäße geschallt - es dienten häufig die Karotiden als Ersatz für einen Blick ins Herz. Die Femoralisarterien könnten jedoch besser geeignet sein, das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen.

So waren solche Gefäße in einer niederländischen Post-mortem-Studie am stärksten von einer Atherosklerose betroffen, auch andere Studien aus der jüngeren Zeit weisen auf einen stärkeren Plaquebefall der A. femoralis als der Karotiden, berichten Epidemiologen um Dr. Martín Laclaustra vom Centro Nacional de Investigaciones Cardiovasculares Carlos III (CNIC) in Madrid (J Amer Coll Cardiol 2016; 67: 1263).

Über 1400 Männer untersucht

Das Team um Laclaustra hat anhand der Daten der Aragon Workers' Health Study (AWHS) geschaut, ob ein Ultraschall der Oberschenkelarterien tatsächlich besser den Zustand der Herzgefäße wiedergibt als die Sonografie der Karotiden. Zudem prüften die Forscher, ob ein solcher Ultraschall die Abschätzung des kardiovaskulären Risikos nennenswert verbessert.

Zu diesem Zweck wurden bei über 1400 Männern im Alter von 40 bis 59 Jahren die Karotiden und Oberschenkelarterien per Ultraschall auf Plaques untersucht. Zugleich ermittelten die Forscher per CT den Kalkgehalt der Koronararterien (Coronary Artery Calcium Score, CACS).

Als Plaque definierten sie eine fokale Struktur, die mindestens 0,5 mm ins Lumen hineinragt oder mindestens 50 Prozent der Dicke der umgebenden Intima erreicht, von einer subklinischen Koronaratherosklerose wurde bei einem CAC-Wert über 0 ausgegangen. Die Teilnehmer waren alle Mitarbeiter eines Autowerks in der Nähe der Stadt Zaragoza in Nordspanien und bislang kardiovaskulär unauffällig.

Subklinische Atherosklerose bei 72 Prozent

Mindestens eine atherosklerotische Läsion entweder in Femoralis-, Koronar- oder Karotisarterien wurde - bezogen auf ein Alter von 50 Jahren - bei 72 Prozent der Teilnehmer entdeckt.

65 Prozent der Männer zeigten Plaques in den Ultraschalluntersuchungen, 34 Prozent in den Karotiden und 54 Prozent in den Oberschenkelarterien. 38 Prozent hatten einen positiven Koronarkalk-Score, 3,7 Prozent eine ausgeprägte kardiale Atherosklerose (CACS über 300).

Wenig überraschend hatten die Männer mit subklinischer Atherosklerose - definiert als mindestens ein positiver Befund in einem der untersuchten Gefäßbereiche - auch vermehrt kardiale Risikofaktoren wie Hypertonie, Dyslipidämie, Diabetes oder Rauchen. Doch selbst die Hälfte der Männer ohne diese vier Risikofaktoren offenbarten in mindestens einem der untersuchten Gefäßbereiche Plaques oder Koronarkalk.

Bei 34 Prozent aller Männer ohne sonstige kardiovaskuläre Risiken ließen sich Plaques in den Oberschenkelarterien nachweisen, nur bei jeweils 23 und 21 Prozent waren die Karotis- und Koronarbefunde positiv. Männer mit drei oder vier Risikofaktoren zeigten zu 92 Prozent in einem der untersuchten Gefäßareale Auffälligkeiten, hier hatten 84 Prozent Plaques in den Arteriae femoralis, aber nur 42 und 45 Prozent in den Karotiden und Koronararterien.

Rauchen ist wichtigster Risikofaktor

Von den Risikofaktoren war das Rauchen am stärksten mit einer subklinischen Atherosklerose verbunden, berichten die Forscher um Laclaustra. Das Verhältnis von Personen mit Atherosklerose zu solchen ohne erwies sich als dreimal so hoch (Odds Ratio, OR = 3,2) und das Verhältnis von Hypertonikern zu Normotonikern als doppelt so hoch wie bei Nichtrauchern (OR = 2,0).

Für Dyslipidämie und Diabetes gab es, isoliert betrachtet, keinen signifikanten Zusammenhang mit einer Atherosklerose. Waren hingegen drei oder vier Risikofaktoren vorhanden, so stieg die OR für Plaques in den Arteriae femoralis auf das Zehnfache, die für Koronarkalk nur auf das Dreifache.

Von den 53 Studienteilnehmern mit einer ausgeprägten Atherosklerose der Koronargefäße (CACS über 300) hatten 50 Femoralisplaques, aber nur 34 Plaques in den Karotiden. Fast alle Männer mit viel Kalk in den Herzgefäßwänden haben folglich auch Plaques in den Oberschenkelarterien, jedoch haben nur die wenigsten mit Femoralisplaques auch viel Koronarkalk - die Spezifität ist also recht gering.

Ruf nach prospektiven Kohortenstudien

Zusammengenommen mit den anderen kardiovaskulären Risikofaktoren lässt sich das Risiko für Koronarkalk aber deutlich besser abschätzen: Wenn Femoralisplaques berücksichtigt werden, können Ärzte bei einer Sensitivität von 80 Prozent mit einer Spezifität von 60 Prozent Koronarkalk und mit einer Spezifität von 75 Prozent eine ausgeprägte Koronaratherosklerose aufspüren.

Ohne Ultraschall ist die Spezifität um etwa zehn bis zwanzig Prozentpunkte geringer. Die Präsenz von Koronarkalk und damit das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse lasse sich unter Berücksichtigung der Femoralisplaques also deutlich besser vorhersagen, schreiben die Studienautoren.

Haben nun aber Femoralisplaques für sich genommen ebenfalls schon einen prognostischen Wert? Immerhin ist etwa die Hälfte der Männer mit solchen Plaques frei von Koronarkalk.

Das Team um Laclaustra vermutet, dass solche Personen trotzdem bereits ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko tragen. Dies müsse jedoch erst noch in prospektiven Kohortenstudien nachgewiesen werden.

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