Ärzte Zeitung, 08.10.2013

Herzinsuffizienz

Erhöht Digoxin das Sterberisiko?

Neue Studiendaten wecken Zweifel am Nutzen einer Behandlung mit Digoxin bei Herzinsuffizienz. Danach scheint das Herzglykosid bei dieser Erkrankung mit einem erhöhten Sterberisiko assoziiert zu sein.

Von Peter Overbeck

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Der Rote Fingerhut ist in der Volksmedizin schon lange als Mittel gegen Herzschwäche bekannt.

© Erika Becker / fotolia.com

OAKLAND. Im Vergleich zu Standardtherapien wie Betablocker, ACE-Hemmer und Aldosteronblocker ist Falle von Digoxin die wissenschaftliche "Evidenzbasis" bei Herzinsuffizienz sehr limitiert.

Als Beleg für den klinischen Nutzen des Herzglykosids in dieser Indikation wird vor allem die randomisierte DIG-Studie angeführt. Sie hat ergeben, dass eine Behandlung mit Digoxin zwar nicht die Gesamtsterberate, wohl aber die Rate der durch Herzinsuffizienz verursachten Klinikeinweisungen verringert.

Der Haken an der Sache: Die Aufnahme der Patienten in diese Studie erfolgte in den Jahren 1991 bis 1993 - also zu einer Zeit, als die Therapie bei Herzinsuffizienz noch weit von dem Standard entfernt war, den sie aufgrund von Fortschritten in der Prognoseverbesserung durch Betablocker und Hemmer des Renin-Angiotensin-Systems heute erreicht hat.

Nachfolgende kleinere Studien konnten mit zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen wenig zur weiteren Klärung des Nutzen/Risiko-Profils von Digoxin beitragen.

Gleichwohl wird die Digitalis-Therapie in Leitlinien als Therapie der zweiten Wahl bei Patienten empfohlen, die trotz Standardtherapie noch symptomatisch sind.

Zudem wird diese Therapie häufig auch zur Frequenzkontrolle bei Vorhofflimmern genutzt, dessen Prävalenz bekanntlich bei Herzinsuffizienz erhöht ist.

Forscher untersuchen Digoxin-Therapie unter heutigen Bedingungen

Eine Forschergruppe um Dr. Alan S. Go aus dem kalifornischen Oakland hat nun versucht, sich ein Bild von der Wirksamkeit und Sicherheit der Digoxin-Therapie unter den heutigen Bedingungen zu machen (Circ Cardiovasc Qual Outcome 2013; online 10. September).

Dazu nutzte die Gruppe Daten aus der Datenbank eines großen US-amerikanischen Gesundheitsversorgers (Kaiser Permanente Northern California).

Die Untersucher identifizierten 2891 Patienten, bei denen in der Zeit zwischen 2006 und 2008 erstmals eine systolische Herzinsuffizienz diagnostiziert worden war. Von diesen Patienten waren dann 529 (18 Prozent) erstmals auf eine Behandlung mit Digoxin eingestellt worden.

Ergebnis: In der Subgruppe mit Digoxin-Therapie war sowohl der Sterberate (14,2 versus 11,3 pro 100 Patientenjahre) als auch die Rate der Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz (28,2 versus 24,4 pro 100 Patientenjahre) höher als in der Subgruppe ohne entsprechende Therapie.

Beide Gruppen unterschieden sich allerdings in vielen Variablen. So war etwa die Prävalenz von Vorhofflimmern in der Digoxin-Gruppe etwa doppelt so hoch wie in der Vergleichsgruppe. Die Forscher nahmen deshalb statistische Korrekturen für eine Vielzahl von Faktoren vor.

Das Ergebnis dieser bereinigten Analyse: Die Digoxin-Therapie blieb mit einer um 72 Prozent höheren Mortalität assoziiert, das Risiko für Klinikaufnahmen wegen Herzinsuffizienz war nicht signifikant erhöht.

Die Datenbasis für die Beurteilung des Nutzens von Digoxin bei Herzinsuffizienz sei "äußerst unbefriedigend", konstatiert Professor Lionel Opie aus Kapstadt in einem begleitenden Editorial.

Die verfügbaren Daten einschließlich der aktuellen Studie berechtigen nach seiner Ansicht dazu, die in europäischen und US-amerikanischen Leitlinien gegebenen Empfehlungen zur Digoxin-Therapie ernsthaft zu hinterfragen.

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