Ärzte Zeitung online, 08.08.2017
 

Kardiomyopathie

Crystal Meth bedingte Herzschäden sind teils reparabel

Methamphetamin richtet schwere Schäden am Herzen an. Die gute Nachricht: Nach dem Entzug kann sich die Herzfunktion wieder erholen.

Von Veronika Schlimpert

Crystal Meth bedingte Herzschäden sind teils reparabel

Beschlagnahmtes Crystal Meth. Die Droge schädigt auch das Herz.

© Daniel Karmann / dpa

LEIPZIG / TÜBINGEN. Methamphetamin, besser bekannt als Crystal Meth, gilt als eine besonders zerstörerische Droge. Innerhalb kürzester Zeit verwandeln sich die Konsumenten in körperliche Wracks. Auch das Herz-Kreislauf-System wird von der Droge stark angegriffen. Kardiologen berichten zunehmend von Fällen, bei denen bereits sehr junge Menschen an einer Methamphetamin-assoziierten Kardiomyopathie erkrankt sind.

Für die Betroffenen scheint die Lage aber nicht aussichtslos zu sein – wenn sie denn entzugswillig sind. Ärzte der Uni Leipzig und der Uni Tübingen haben nämlich herausgefunden, dass sich im frühen Krankheitsstadium die Herzfunktion erholen kann und die Beschwerden nachlassen, sobald der Konsum eingestellt wird.

Die Kollegen um Stephan Schürer haben 30 Crystal Meth-abhängige Patienten mit Methamphetamin-induzierte Kardiomyopathie untersucht und prospektiv weiter beobachtet (JACC HF. 2017;5:435-445).

Der Drogenkonsum hatte bei den Studienteilnehmern bereits zu schweren Veränderungen am Herzen geführt, mit dem Erscheinungsbild einer schweren Herzinsuffizienz. Die Patienten waren im Schnitt 30 Jahre alt. Die häufigsten offenkundigen Beschwerden seien Dyspnoe und Angina pectoris gewesen, berichten die Ärzte. 83 Prozent waren bereits im NYHA-Stadium III oder IV. Die linksventrikuläre Ejektionsfraktion war deutlich eingeschränkt (19 +/– 6%) und die linke Herzkammer stark dilatiert (mittlerer linksventrikulärer enddiastolischer Durchmesser: 67,1 +/– 7,4 mm).

Klappenfunktion oft geschädigt

Bei einem Drittel der Patienten fanden sich intraventrikuläre Thromben, die Mehrheit wies Störungen der Klappenfunktionen auf; bei 40 Prozent war die Mitralklappe, bei 26 Prozent die Trikuspidal- und bei 4 Prozent die Aortenklappe betroffen. Die histologische Untersuchung von endomyokardialen Biopsiematerial ergab eine diffuse Inflammation, Fibrose und Myonekrose. Die myokardiale Fibrosierung war bei Teilnehmern, die schon länger als fünf Jahre Methamphetamine einnahmen, stärker fortgeschritten; das Ausmaß der Fibrose korrelierte mit der Dauer des Drogenkonsums. Die Dauer des Drogenmissbrauchs erstreckte sich von einem bis 15 Jahre, im Mittel hatten die Teilnehmer 5,7 Jahre lang Methamphetamin konsumiert.

Alle Patienten bekamen nach der Diagnose eine leitliniengerechte Therapie. Neun Patienten erhielten als supportive Maßnahme einen implantierbaren Defibrillator (ICD) oder eine kardiale Resynchronisationstherapie (CRT).

Die Chance, dass sich der Zustand der Patienten durch diese Maßnahmen besserte, war deutlich größer, wenn sie ihren Drogenkonsum einstellten. Bei den 23 Teilnehmern, die den Entzug schafften, besserte sich die Auswurffraktion innerhalb der nächsten 22 bis 35 Monate von anfänglich 19 auf 43 Prozent. Die Beschwerden ließen deutlich nach; 70 Prozent der Patienten befanden sich danach im NYHA-Stadium I. Dagegen brachte die Therapie bei den sieben weiterhin Drogenabhängigen keine Besserung der Herzfunktion und nur wenig Linderung der Symptomatik (mehr als 70 Prozent waren noch im NYHA-Stadium II oder III).

Folglich waren diese Patienten auch deutlich häufiger von Schlaganfällen und Herzinsuffizienz bedingten Klinikeinweisungen betroffen und sie hatten ein höheres Sterberisiko als die abstinenten Patienten (57 Prozent Ereignisse vs. 17 Prozent).

Je früher der Enzug erfolgt, desto besser

Generell waren die Chancen auf eine Verbesserung der Auswurffraktion höher, wenn die Fibrosierung des Herzmuskels noch nicht so stark fortgeschritten war. Dieser Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn die weiterhin Drogen konsumierenden Teilnehmer aus der Analyse herausgenommen wurden.

Die möglicherweise mangelnde Compliance, die die Drogensüchtigen gegenüber der Herzinsuffizienz-Therapie entgegenbringen, sei daher wahrscheinlich nicht die Ursache für diesen Befund, vermuten Schürer und seine Kollegen. Sie gehen davon aus, dass sich mit dem Ausmaß der myokardialen Fibrosierung die Entwicklung der kardialen Pumpfunktion bei diesen Patienten vorhersagen lässt.

Die Mechanismen, wie Methamphetamin den Herzmuskel schadet, sind noch nicht genau verstanden. Diskutiert werden eine verstärkte Freisetzung von Katecholaminen und reaktiver Sauerstoffspezies, direkte toxische Effekte, Ischämien sowie mitochondriale und metabolische Veränderungen, die der Konsum der Droge mit sich bringt. In dieser Studie war das Methamphetamin aber wohl nicht der alleinige Schuldige für die zu beobachtenden kardialen Schäden. Die meisten Probanden konsumierten nämlich weitere Drogen, unter anderem Nikotin, Alkohol, Cannabis, Heroin und Kokain.

Mehr Infos zu Kardiologie gibt es auf: www.kardiologie.org

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