Ärzte Zeitung, 06.02.2009

Citicolin lässt auf Neuroprotektion hoffen

Effektivere Schlaganfalltherapie durch neuroprotektive Substanzen: Das war bisher mehr Wunsch als Wirklichkeit. Mit CDP-Cholin wird jetzt eine Substanz in Phase III bei Apoplexie geprüft. Die Daten sind vielversprechend.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Modell der Aktivität von Nervenzellen.

Foto: Sebastian Kaulitzki@fotolia.de

CDP-Cholin (Citicolin) wird zur Biosynthese von Zellmembranen benötigt. Es ist ein Vorläufermolekül von Phosphatidylcholin, eines der wichtigsten Phospholipide im Gehirn. In einigen Ländern in Asien, Südamerika und auch in Südeuropa wird die Substanz bereits seit etwa drei Jahrzehnten in unterschiedlichen neurologischen Indikationen verwendet, darunter auch bei Schlaganfall. In Deutschland wird Citicholin zur ergänzenden bilanzierten Diät verwendet.

In mehreren kleineren Studien wurde CDP-Cholin bei Schlaganfallpatienten wissenschaftlich evaluiert. Professor Wolf-Rüdiger Schäbitz vom Universitätsklinikum Münster stellte bei der Arbeitstagung Neurologische Intensivmedizin (ANIM) in Leipzig eine gepoolte Analyse aus vier Studien vor, an denen insgesamt 1372 Schlaganfallpatienten teilgenommen hatten.

All diese Patienten erhielten CDP-Cholin per os innerhalb von 24 Stunden nach dem Ereignis. Die Behandlungsdauer betrug mindestens sechs Wochen. Nachuntersucht wurde nach drei Monaten. Im Ergebnis zeigte sich zwar kein Unterschied bei der Sterberate, aber insgesamt profitierten die Patienten mit CDP-Cholin stärker, sagte Schäbitz bei der von dem Unternehmen Trommsdorff unterstützten Veranstaltung. Die Akutsymptome klangen schneller ab, die Langzeitbehinderungen waren weniger stark ausgeprägt und die Patienten kamen im Alltag besser zurecht als Patienten ohne CDP-Cholin.

Der Effekt von CDP-Cholin scheine dabei umso ausgeprägter zu werden, je kürzer das Zeitfenster zwischen Schlaganfall und Therapiebeginn und je geringer die initialen Symptome sind. Am besten schnitten jene Patienten ab, die CDP-Cholin in der Dosis von 2000 mg pro Tag einnahmen.

Wegen dieser ermutigenden Daten wurde eine klinische Phase-III-Studie aufgelegt, die ICTUS*-Studie. In sechzig Zentren sollen 2600 Patienten aufgenommen werden. In Südeuropa läuft die Studie bereits, in Deutschland soll sie demnächst starten. Primärer Endpunkt ist der Anteil der Patienten, die sich drei Monate nach ihrem Schlaganfall komplett erholt haben.

Was genau den Effekt von CDP-Cholin ausmacht, ist nicht ganz klar. "Es dürfte sich um eine multimodale Neuroprotektion handeln", so Schäbitz. So würden durch die Substanz freie Radikale blockiert, die Apoptose vermindert, die Membranen der Nervenzellen stabilisiert und die Bildung von Synapsen und Dendriten stimuliert.

ICTUS = International Citicholin Trial in Acute Stroke

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Die Mühen des Abspeckens lohnen sich!

Adipositas hat von allen bekannten Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes den stärksten negativen Effekt. Wer sehr viel abnimmt, kann es sogar schaffen, dass der Diabetes verschwindet. mehr »

Neuer Regress-Schutz für Vertragsärzte

Das Termineservice- und Versorgungsgesetz wird hart kritisiert, doch es hat auch gute Seiten: Denn es bringt Ärzten mehr Honorar für die Behandlung bestimmter Patienten – und mehr Schutz vor Regressen. mehr »

Wenn Comics die Op erklären

Alles andere als Kinderkram: Ärzte an der Charité setzen für eine Studie auf Patientencomics zur Aufklärung über die Herzkatheteruntersuchung. Und siehe da: Die Patienten können sich mehr Details merken. mehr »